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Vor 20 Jahren gewann Dieter Baumann Gold. Heute macht er Witze. Foto: Ruben Frank; Text: Dominik Drutschmann  — Link
Zohres langer Weg ins Licht

von Barbara Opitz

7. März 2013  —  Stern

Einen ganzen Winter lang floh sie mit ihrer Familie vor den Taliban. Heute läuft sie als einziges afghanisches Model über die Laufstege der Welt. Eine Geschichte von Selbstbehauptung - und Glück

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Sie wusch alles ab. Die Angst, den Gestank. Den Ekel vor dem Urin, vor dem Kot, den Menschen. Zohre erinnert sich noch genau an den Moment in der weißen Wanne, in dem Hotelzimmer irgendwo in Moskau, Winter 1999. Sie war Dreizehn.

Vier Wochen waren sie schon auf der Flucht aus Kabul, auf Karren, in Autos, Bussen, Zügen. Weg aus Afghanistan, weg von den Taliban. Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Kasachstan, nun Russland. Bald würden sie in Deutschland sein. Die Hälfte der Strecke schien geschafft.

Eigentlich sollten sie nur wenige Tage in dieser Hinterhausmoschee in einem Vorort von Moskau bleiben. Ein Versteck, Übergabestelle der Schlepperorganisationen. So viele Flüchtlinge, an die sechzig, in dem kleinen Raum. Dunkelheit. Stickig und diese Enge, Kindergeschrei. „Und jeden Tag hieß es wieder: morgen geht es weiter“, sagt Zohre. Egal wo Zohre heute ist, die Bilder sind immer da.

Gerade ist Pause auf dem Set in Köln, Zohre hat ein wenig Zeit, bis sie wieder ihr Gesicht ins Licht halten muss, die vollen Lippen, ihre Mandelaugen. Sie ist heute 27, lebt in Düsseldorf und ist Model, das einzige afghanische Model der Welt.

„Das schlimmste damals in der Moschee war der Geruch, der Dunst der Männer“. Nach zwei Wochen sagte ihr Vater endlich zu dem Schlepper: „Schluss mit dem Warten!“ Er brach die letzte Geldreserve an, ihm war es jetzt egal, ob die Polizei sie entdecken würde. Er nahm Zohre, die Stiefmutter, ihren Bruder, die Schwester mit ihrem Mann und den beiden Babys, und führte alle zu dem Hotel. „Er hatte die Zustände nicht mehr ertragen“, sagt Zohre, „er ist ein Mann der Würde.“

Am dem Morgen, auf dem Weg zu dem Hotel, war sie zum ersten Mal durch eine Stadt wie Moskau gelaufen. Die vielen Autos, Schaufenster mit den schönsten Kleidern, Rolltreppen tief hinunter in diese U-Bahn-Paläste mit Gewölben und mächtigen Kronleuchtern. Afghanistan hat keine Metro, nicht einmal Züge. Alles war so anders. Das war der Westen. In Moskau trugen Mädchen kurze Röcke, dass man sogar die Knie sah, im Winter. Und die Plakate - Mann oder Frau? So weiße Haut, und die Haare fallen in die Stirn. So tragen es heimlich die Mädchen in Afghanistan. Jemand sagte: „Das ist Michael Jackson, ein Sänger.“

Zohre durfte abends im Hotel als erste in die Wanne. Das hatte sie beim Vater erbettelt. Sie tauchte unter, schluckte das Wasser, prustete es wieder aus, ein wunderbarer Tag. Bald würde sie in Deutschland sein, dachte Zohre noch, „beautyful Germany“. So nannte sie es. Dort würde auch sie so frisch riechen, wie der Besuch, der damals zu ihnen nach Kabul gekommen war, und dessen Kleider so anders rochen, so nach Europa.

In Moskau wusste Zohre nicht, wie weit Europa noch entfernt war. Einen Monat sollte die ganze Reise von Afghanistan nach Deutschland dauern, das hatten die Schlepper versprochen. Nicht einmal der Vater konnte ahnen, dass sich die Flucht von Moskau aus noch ein halbes Jahr hinziehen sollte. Dass die Tage in der dunklen Moschee harmlos waren gegen das, was sie von nun an erwarten würde. Und die Moskauer Kälte sanft war, gegen die wirkliche Kälte, die sie nun an begleiten sollte, in Autowracks, Bretterbuden, endlos zu Fuß im Schnee. Die sich langsam in Hände, Füße, Beine, den Rücken und am Ende in alle Sinne frisst.

Wenn Zohre heute friert, legt ihr ein Styling-Assistent einen Frottee-Mantel über die Schulter. Models dürfen nicht frieren. Zohre muss sich wohl fühlen, damit sie auf den Seiten von Vogue und Cosmopolitan lächeln kann. Sie arbeitet in London, Mailand, Paris. Heute ist sie in Köln, macht Fotos für das Cover von „H.o.m.e“. Die Visagistin pinselt ihr Gesicht, glättet die schweren Haare, der Stylist zupft den blauen Blazer zurecht. „Diese entwaffnende Natürlichkeit“, sagt eine Assistentin auf dem Set, sie macht gute Stimmung. Zohre steht auf dünnen Beinen und zwei Nummern zu großen Plateauschuhen aus Krokodil-Leder. Sie posiert seit Stunden, es ist gleich Mitternacht, gerader Rücken, wacher Blick. Zohre ist zäh.

Sicher war es auch diese Beharrlichkeit. Aber da war noch etwas anderes, dass erklärt, warum das Mädchen aus Kabul es schaffte, heute im Jetset der Mode zu Hause sein. Da war der Moment auf der Flucht, in dem wackeligen Boot, nachts, irgendwann auf einem Fluss, irgendwo im Nebel waren die Grenzposten. Alle zitterten, niemand von ihnen hatte schwimmen gelernt. Da beugte sich Zohre über den Bootsrand und ließ das kalte Wasser durch die Finger gleiten. „Ich wollte wissen, wie sich das anfühlt.“

Zohre war immer schon neugierig. „Nicht unbedingt das, was sich afghanische Eltern von einem Mädchen erhoffen“, sagt sie. Sie ließ heimlich mit den Jungen Drachen steigen, ging, wenn sie niemand sah, in Jeans vor dem Spiegel auf und ab, träumte davon, Astronautin zu werden. Und sie wollte unbedingt zur Schule gehen. Zohre nervte so lange, bis der Vater der Jüngsten für einige Stunden einen Hauslehrer besorgte. Sie half nicht gern in der Küche, hasste die Weiber, die im fettigen Muff tratschten. „Ich hatte immer einen starken Willen!“

Zohre glaubt, sie hätte das von ihrer Mutter, von der sie nur von alten Fotos weiß, wie sie aussah. Modern, Pagenkopf – kein Shador. Zohre war zwei als sie auf die Straße lief und ihre Mutter hinterher. Sie waren vom Baden im Hammam gekommen. Die Stiefmutter gab Zohre später im Streit die Schuld daran, dass das Auto die Mutter totgefahren hatte. Heute kann Zohre den Kummer ihrer Stiefmutter verstehen. Auch ihre Eifersucht. „In Afghanistan ist es normal, wenn ein Mann zwei Frauen hat“, sagt Zohre. „Und dennoch schwer für die erste, die Neue im Haus zu akzeptieren.“ Zohres Mutter war jünger, moderner, als sie dazu kam. Ihr Vater war verliebt. Das hatte Zohre von einer Tante erfahren. Nach ihrem Tod musste die Stiefmutter nun auch die drei Kinder der Rivalin versorgen, neben ihren vier anderen.

Mit neun durfte Zohre gar nicht mehr draußen spielen, sie trug einen Shador. Die Taliban verboten auch Musik. „Das Gefühl, mit dem man in Afghanistan aufwächst, ist Angst.“ Zohre sieht noch den Mann auf dem Karren, der mit dem Megafon alle ins Stadion ruft, zur Steinigung. Sie hörte damals das anfeuernde Geschrei. Ihr Vater hatte den Kindern verboten, zu dieser Veranstaltung zu gehen. Sie brauchte nicht dorthin zu gehen. „Ein Kind hat viel Phantasie.“

Überall waren die Taliban, „mit diesen Patronengürteln und Gewehren“. Zohres Tante wurde ausgepeitscht, als sie auf dem Markt in Kabul ihre Hand unter der Burka hervorgestreckt hatte und ihre Fingernägel lackiert waren.

Zohre trägt heute ferrariroten  Nagellack. Es macht ihr nichts mehr aus, wenn die Zuschauer sie auf den Laufstegen der Fashion-Weeks von Paris und New York mit den Blicken abtasten, ihre langen Finger, ihren Po, ihr dichtes Haar. „Wir Afghaninnen haben Glück. Es gibt tausende mit tollen Körpern. Ich bin nur die einzige, die ihn zeigt.“

Anfangs fiel es ihr schwer. „Ich wollte nicht, dass mich alle so sehen.“ Sie hatte Angst, dass ihr Vater sie auf einem Plakat entdecken könnte, irgendwo in der Stadt. Keine Unterwäsche, kein Bikini. Auf gar keinen Fall nackt. Sie hat nicht lange daran festgehalten. „Ich lerne schnell.“ Es ist kein leichtes lernen für eine Afghanin. Wann ist es ein elegantes Oberteil, wann sitzt das Dekolleté zu tief. Ein zerrissener Strumpf, Punk oder fast schon pornografisch?

Sich kleiden zu können, wie sie will, bedeutet Freiheit. „Ein selbstbestimmtes Leben führen,  das war mein Ziel.“ Zohre hat sich im vergangenen  Jahr eine Burka im Internet bestellt. „Zur Erinnerung“, sagt sie. Niemand könne sich vorstellen, wie es darunter sei, „stickig, im Sommer unerträglich“.

Alles in Kabul war wie unter so einer Burka. Nur auf den Bollywood-Videos aus Indien trugen die Frauen wunderschöne Stoffe. Man sah sogar ihren Bauchnabel. „Alle haben darüber geschimpft. Und alle haben sie gesehen.“ Zohre aber sah im Fernsehen am liebsten Rex. „Der Schäferhund aus Europa, der dem Polizisten half.“ Das Bild war schwarzweiß und flimmerte. Zohre verstand kein Wort, aber sie sah alles: „das viele Glas an den Häusern, und der schöne Kommissar.“ Manchmal rief sie sogar in Europa an. Ihr großer Bruder lebte schon zehn Jahre  in Deutschland. Zohre schlich sich in Telefonläden, die es in Kabul überall gab. In einem hatte sie herausgefunden, dass man heimlich zweimal die Null vor der Nummer wählen musste, schon war Zohre da, auch mit wenigen Münzen. Der Inhaber hatte vergessen, die teuren Ferngespräche zu sperren. Zohre hörte nur die Stimme des Bruders, dann legte sie ganz schnell auf.

Sie war so aufgeregt, als ihr Vater sagte: „Wir gehen auch nach Deutschland“. Er hatte alles verkauft, um den Schleppern die 5000 Euro zu bezahlen. Zohre durfte sich eine Tasche aussuchen, neonfarben, die aussah wie der Westen. Und die roten Schuhe, für die Reise – so modern. Die kleine Teekanne aus ihrem Zimmer musste unbedingt mit. Die roten Schuhe ließ sie später in Moskau zurück, die Sohlen waren zu dünn. Sie bekam dafür hässliche Winterstiefel. Die Kanne versteckte sie in einer Hütte in der Ukraine, in der sie Unterschlupf gefunden hatten. Zu schwer. Manchmal denkt Zohre heute, sie könnte sie suchengehen.

Nichts durften die Flüchtlinge von einem Land ins andere mitnehmen. Kurz hinter Moskau, noch weit vor der Grenze nach Weißussland, nahmen ihnen die Schlepper alles ab. Die Pässe, die Lebensmittel, Familienfotos, die Uhren. Sie sagten, dass man daran ihren Fluchtweg erkennen könnte. Auch Zohres Poesiealbum und ihre alte Kamera. „In Germany you will have better camera“, sagte der Russe.

Nur die Kanne haben sie bis zuletzt übersehen. Und für die Nüsse hat Zohre gekämpft. Als es schnell gehen musste, sie alle in das kleine Auto geschoben wurden, und der von der Mafia, so nennt Zohre die Schlepper, die Reisetasche mit den  Nüssen haben wollte. Sie hat ihn geschupst. „Mein Vater war damals sehr stolz auf mich.“ Zohre glaubt, die Nüsse hätten ihnen das Leben gerettet.

Der Hunger wurde zum Begleiter und Durst zur Qual. Nicht zu viel trinken, nicht im Bus, wer wusste schon, wann er wieder hielt. Nicht in diesem Verschlag, ohne Klo. Einmal waren Zohres Fingernägel blau, die Augen gelb. Der Vater organisierte Zitronen. Doch der Körper brauchte vor allem Wasser und Sauerstoff.

Es war wie eine Erlösung, als sie ein paar Wochen später einmal nicht laufen mussten, in einen Zug gesetzt wurden. Und dann, noch auf ukrainischer Seite: Passkontrolle, Gefängnis. „Die Matratzen stanken und waren voller Flecken“, sagt Zohre. „Ich hatte furchtbare Angst, wir müssten für immer dort bleiben.“ Der Bruder in Deutschland überwies Geld an die Schlepper, die schmierten damit die Wärter. Nach einer Woche kamen Zohre und ihre Familie frei.

Laufen, wieder laufen, wieder verstecken, wieder warten. Schutzlos im eisigen Wind. Oft dachte Zohre, sie müssten erfrieren. Nachts in dem Wald, als der Vater ihren Bruder schlug, der so schwach war. „Ich habe mich so erschreckt. Ich habe ihn angeschrien: Warum tust du das?“ Doch der Vater war froh, dass sein Junge schrie: er lebte.

Sie glaubten sich schon fast am Ziel, in einer Bahnhofsruine, ohne Dach, durch die Fensterhöhlen pfiff der Wind. Aushalten, bis die Schlepper sie von hier wegholen würden. Sie hockten auf dem eisüberzogenen Steinboden. Stunde um Stunde. Einen Tag, noch einen Tag und noch einen.

Sie konnten nicht mehr, etwas musste geschehen. Wenn sie überleben wollten, mussten sie das Versteck verlassen. Der Vater brach wieder alle Regeln. Sie wanderten in den nächsten Ort, dort war  eine Telefonzelle. Der Vater brüllte in den Hörer. Dann wurde er ruhiger und legte auf. „Der Boss ist tot“, sagte er. Russische Konkurrenten hatten den Afghanen in ein Wohnzimmer gelockt, hinter dem Sofa wartete der Schütze und schoss ihm dreimal in den Kopf. In der Organisation herrschte Chaos, sie hatten die Flüchtlinge in dem Bahnhof vergessen. Die Schlepper schickte einen Fahrer, der sie zum Haus des toten Bosses fuhr. Auf der Trauer-Zeremonie im Haus las Zohres Vater noch Suren aus dem Koran. Der Bruder des Toten übernahm ein paar Tage später das Geschäft, dann ging es weiter.

Es war nur noch der Dreck, der an ihnen klebte und der Schweiß, von den Märschen, und ständigen Ängsten, der alle Kleiderschichten durchzog. Mehr als ein halbes Jahr war seit Kabul vergangen. 10 Länder hatten sie passiert. Zweimal hatten Sie schon versucht, über die Grenze nach Deutschland zu kommen. Zohre sagt, sie wüsste nicht, über welches Land sie zuletzt gekommen seien. Flüchtlinge reden nicht darüber.

Zohre erinnert sich nur noch an den Lastwagen, sie waren auf der Autobahn. Zohre konnte aus ihrem Versteck hinter dem Vorhang durch die Scheibe sehen. Da war er, der Adler! Wie aus Kommissar Rex. Sie sah ihn dicht hinter der Scheibe, nur ganz kurz. Sie rüttelte den Vater: „Germany, wir sind da, wir haben es geschafft!“ Zohre streifte ihr Kopftuch ab, sie sagte: „Papa, ich muss das tun, wir fallen sonst auf“. Sie band es nie wieder um. Ihre Stiefmutter trug eine russische Pelzmütze,  sie ließ nur eine kleine Locke herausfallen. Und schämte sich ein bisschen.

Es sollte noch einige Jahre dauern, bis Zohre wirklich ankam. „Beautiful Germany“. Noch so viele Hindernisse. Asylbewerberheim. Die Sprache, die sie anfangs nicht konnte, die dicken schwarzen Haare, an denen jeder sah, dass sie nicht deutsch war. Die Schule, nach der sie sich so gesehnt hatte und in der sie keine Freunde fand. Und ihr neues Zuhause in Kassel, das für sie Afghanistan blieb. Nicht ins Kino gehen, nicht schwimmen, nicht Fahrrad fahren. Brüder, die über sie wachten. Auch das Internet hatte der Vater verboten.

Aber Zohre war nicht allein, da war die Nachbarin, die ihr Marmelade schenkte und manchmal schöne Kleider. Die Lehrerin, die ihr sagte, dass auch ein Mädchen Basketball spielen darf. Der alte Computer, den ihr jemand überließ. Die Sprache, die sie bald besser konnte, als ihre Eltern, die sie nun auf Ämter begleitete. Und zum Zahnarzt.

Sie war fast 17, als sie dann in einem H&M-Laden die Kleider ansah. „Du bist schön“, sagte die Frau, die plötzlich hinter ihr stand. „Du hast Model-Qualitäten.“ Zohre dachte nie, dass sie schön sei. Zu dünn, zu groß, ihre Nase zu klein für eine Afghanin. Als Kind hatte sie sich vor dem Schlafen eine Wäscheklammer aufgesetzt, damit sie länger würde. Die Frau war die ehemalige Miss Hessen, sie gab ihr eine Telefonnummer von einem Fotografen. „Ein afghanisches Mädchen lässt sich nicht fotografieren“, sagte Zohres Vater.

Als dann noch eine ihrer Schwestern aus Kanada anrief, sie habe einen afghanischen Mann für Zohre gefunden, fielen böse Worte. „Solche“, sagt Zohre, „wie sie hier in Deutschland niemand so schnell sagen würde“. Zohre packte eine Hose ein, zwei Pullis und eine dicke Jacke. Sie hatte mit den Lehrern gesprochen und die mit dem Jugendamt. „Wenn du dein Leben nicht mehr erträgst“, sagt sie, „bist du zu allem fähig.“ Als sie die Wohnung in den frühen Morgenstunden verließ und nicht wiederkommen sollte, waren die Bäume vor dem Haus noch mit Raureif überzogen.

Eine Schande für ihren Vater, einfach wegzulaufen. Für diesen Löwen, der auf der Flucht für sie um jeden Platz im Bus gekämpft hatte, der seinen Stolz nie verlor, auch nicht, als damals die russischen Polizisten alle Männer aus der Moschee holten und zwangen, sich im Schnee nackt auszuziehen, um Schmiergeld zu erpressen. Der so viel Kraft hatte, so klug war und ihr so viel nachsah. Von dem sie gelernt hatte, zu kämpfen. Und den sie jetzt schon schon vermisste.

Ihre Brüder würden sie suchen. Zohre wusste, was afghanischen Mädchen passieren kann, die aus dem Elternhaus flüchten. Brücken, von denen sie fallen oder Autos, die sie anfahren. „So etwas passiert in meiner Kultur.“ Viel schlimmer als die Angst aber war das  entsetzliche Heimweh. „Ich weiß nicht, wie ich es ausgehalten habe, dass ich in der Nacht nicht zurück gekehrt bin, es hätte mich beinahe kaputt gemacht.“

Die Familie bekam eine schriftliche Mahnung vom Jugendamt, wenn Zohre etwas zustoße, stünden sie im Fokus der Ermittlungen. Noch so eine Beschämung für ihren Vater. Zohre tauchte in einer anderen Stadt unter, versteckte sich bei der Familie eines deutschen Freundes, sie musste 18 sein, um eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen. Ein ganzes Jahr noch. Dann ließ sie endlich die Fotos von sich machen. Eine große Agentur nahm sie auf.

Heute werden jede Woche Fotos von Zohre geschossen, in Pelzen von Bogner oder mit Sonnenbrillen von  Breitling. Sie muss nirgendwo mehr warten, wie damals auf die Schlepper. Sie wird an der Schlange vorbeigeführt. Clubs suchen nach schönen Frauen, die einfach nur da sein müssen. Ihre Promoter suchen sie unter den Models. So ergeht es Zohre in „The Box“ in New York, dem angesagten Nachtclub von Soho, in dem das Top-Model Karolina Kurkova plötzlich so natürlich ist. Vor dem Butter-Club, wo Puff Daddy auf dem Sessel lungert und Jay Z selbst zu seinem neuen Song tanzt. Oder diesem so unscheinbaren Imbiss, innen wie ein Bienenstock, in dem Beyoncé ihr vom Nebentisch einen guten Abend wünscht. „Ich hatte großen Durst nach diesem Leben“, sagt Zohre.

„New York ist ein Rausch.“ Die Häuserfluchten, alles so groß. Und so viel zu essen, „viel zu viel“. Und zu trinken. 50 verschiedene Orangensäfte in einem Supermarktregal. Und jede Packung riesengroß.  Aber auch koschere Speisen in kleinen jüdischen Restaurants. „Kosher essen ist doch wie halal“. Sie muss dann immer an den argwöhnischen Vater denken, der noch nach Jahren in Deutschland nicht im Supermarkt kaufte, sondern beim Türken, aus Angst vor Schwein. Sie lacht.

Am Set in Köln gibt es heute Pizza. Zohre hat sich gleich zwei bestellt. Sie ißt viel, „ich muss, sonst nehme ich ab, ich verbrenne gut.“

In New York ist sie oft mit Juden unterwegs, so viele Juden leben in Manhatten, so viele Schwarze, und viele wie sie selbst: Models. Sie trifft sie morgens beim Casting, mittags beim Job und abends in den Clubs zum feiern. Sie fliegt mit ihnen nach Costa Rica, vier Stunden, für eine Party zur Hoteleröffnung. „Der Pool war wie ein Paradies.“ Ein paar Tage Urlaub dazu, und alles umsonst.“

Zohre ist oft in New York, sie hätte dort sogar leben können. Sie wollte nicht. „Ich denke dann immer nur, das alles will ich meinem Vater zeigen, meinen Geschwistern, meiner Stiefmutter.“ Wirkliche Freude sei die, die sie mit der Familie teilen könne, „so sind wir Afghanen nun einmal.“

Sie hat in Deutschland Freunde gefunden. Und einen Mann. „Glaubst du,  du kannst Dir alles erlauben, nur weil du ein Jude bist!“, hatte sie in einer Stuttgarter Diskothek zu dem Angeber mit dem Davidstern um den Hals gesagt. Sie lebt heute mit ihm in Düsseldorf.

Die wirkliche Freude ermöglichte ihr dieses Ehepaar, Afghanen, und trotzdem modern. Sie lebten schon viele Jahre in Deutschland. Die Frau war so alt wie Zohres Mutter jetzt wäre, und ihr Mann, ein Nachkomme Mohammeds. Er war es, der das Treffen mit dem Vater arrangierte. Vor Männern, die ihren Stammbaum bis zu dem Propheten zurück verfolgen können, hat jeder Afghane Respekt. Ihm hat sie zu verdanken, dass sie heute wieder zum Tee zu ihrer Stiefmutter fährt, dass ihre Brüder ihren Mann akzeptieren. Als Zohre ihren Vater das erste mal wieder sah, liefen dem alten Löwen Tränen über das Gesicht. Er nahm sie in den Arm. „Was hast du mir angetan“, fragte er. Sie sagte: „Ich bin es doch, Zohre. Ich lebe jetzt nur anders.“



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