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Wie Dittel im Arbeitslager seinen Glauben wieder fand

von Katrin Langhans

11. Januar 2013  —  evangelisch.de

Als Paul-Gehard Dittel im ehemalige KZ Buchenwald sah wie hunderte Menschen starben, vergruben die grausamen Bilder seinen Glauben an Gott. Er fand ihn Jahre später wieder, in der Steppe Sibiriens, auf einem Blatt Papier.

 

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Paul-Gerhard Dittel, 85 Jahre alt, ein faltiges, freundliches Mondgesicht, sitzt in seinem Wohnzimmer in Gößnitz, Thüringen, und gräbt nach den Erinnerungen seiner Jugend. Denn um zu verstehen, wie Dittel seinen Glauben fand, muss man verstehen, warum er ihn fast verlor.

Als die Volksempfänger 1933 anfingen Hitlers Reden zu schmettern, war Dittel sechs Jahre alt. Er spielte mit Freunden und schraubte später in der Motor-Hitlerjugend Autos zusammen. Seine Eltern waren Mitglieder der zeitkritischen, bekennenden Kirche. Er wurde christlich erzogen, betete und ging zum Gottesdienst. Über Politik sprachen sie zuhause selten.

Weil die jungen Erwachsenen im Krieg waren, stieg Dittel mit 16 zum Standortführer der Gößnitzer Jugend auf. Täglich ließ er 300 Jugendliche rennen, robben und hüpfen, machte sie fit für die Nahkampfausbildung. Ihn bedrückte der Gedanke, dass 15-Jährige an der Front kämpfen sollten, aber er sah einen Krieg, der immer näher Richtung Gößnitz rückte – und seine Familie bedrohte. Die Sinnlosigkeit des Krieges begriff Dittel, als er eine Postkarte von seinem älteren Bruder las, der an der Front kämpfte: "Wir wollen solange durchhalten wie es geht, auch wenn wir zum Friedhof zum Sterben fahren". Ein paar Tage später fiel der Bruder, noch ein paar Tage später war der Krieg vorbei.

Am 30. Juni 1949 übernahm die Sowjetunion mit dem Potsdamer Abkommen den deutschen Osten. Kurz darauf standen zwei sowjetische Soldaten, bewaffnet mit einem IP-Gewehr bei Dittels am Gartenzaun. Der Junge sollte verhört werden. Der Vater war stumm, die Mutter weinte. Ob sie ihm noch Wolldecken und etwas zu Essen mitgeben dürfe? Die Soldaten versicherten, er würde bald wieder kommen. Daraus wurden vier Jahre.

Sechs Wochen wartete Dittel im Altenburger Gefängnis auf sein Urteil. Die Gefangen, die ihre Stiefel putzen mussten, wurden am nächsten Tag erschossen. Dittel war froh, dass er seine Schuhe nicht sauber machen sollte. Ein Offizier verhörte ihn vier Wochen lang, bis zu zwölf Stunden am Stück. Das sowjetische Protokoll konnte er nicht lesen, man sagte ihm, sinngemäß stehe da: Paul Gerhard Dittel habe sich keiner Verbrechen schuldig gemacht, werde aber interniert um den Aufbau der Ostzone nicht zu stören.

Sie brachten ihn nach Buchenwald ins ehemalige KZ, jetzt ein Speziallager. Dittel musste sich nackt ausziehen und duschen. Er hatte Angst. "Ich dachte, was, wenn die uns jetzt vergasen, wie die Juden?". Aber aus seiner Dusche floss Wasser. In den nächsten Tagen räumten die Insassen das Lager auf. Dittel schippte Menschenasche in Urnen.

"Wie konnten diese Gräueltaten vor den Augen Gottes passieren?", fragte er sich. Und er hatte viel Zeit nachzudenken, denn nachdem das Lager aufgeräumt war, gab es nichts mehr zu tun. Er spielte Karten, langweilte sich, stand jeden Tag stundenlang Appell, dachte an die Häftlinge im Dritten Reich und sah die jetzigen verrecken. Zwei, drei sackten jeden Tag kraftlos in sich zusammen. Sie waren verhungert. "Wie kann Gott das zulassen?", fragte Dittel.

Die Tage waren trostlos: 300 Gramm Brot und eine Schüssel Wassersuppe, kein Kontakt zur Außenwelt. Der Stabsleiter Alexander Agofanow forderte die Jungs auf, etwas Kultur zu machen. Von da an spielte Dittel Theater, übte Parterre-Akrobatik. Er baute Muskeln auf, bekam eine Schüssel Wassersuppe mehr am Tag und durfte sich zivil kleiden. Er schloss eine Baskenmütze ins Herz, die mal einem französischen Widerstandskämpfer gehört hatte. Bis heute trägt er dieses Modell – es erinnert ihn daran, nicht zu vergessen.

Auch den Tag nicht, an dem er nach Sibirien verschleppt wurde. Niemand erklärte den 1080 Gefangenen wohin die Reise ging. Sie drängelten sich in Güterwagons, 60 Mann pro Stück. Wie Vieh. Ein kleines Fenster mit Gittern, groß wie ein Schuhkarton, war Lichtquelle, ein Loch im Boden war Toilette. Alle zwei Tage ging die Tür auf und Dittel bekam zwei Scheiben Brot, einen Salzhering und einen halben Becher Wasser.

Sein Durst war unerträglich. Als er nach sechs Wochen im Kriegslager in Sibirien ankam trank er 13,5 Liter Wasser auf einmal. Es gab wenig zu essen, aber mehr als sein eigener Hunger, nagte an ihm, dass die Bevölkerung noch weniger zum Leben hatte. "Gott, wie kannst du das zulassen?" Dittel baute Blockhäuser, eine Schule, ein Konzerthaus und eine Straße. Im Sommer schwitze er bei 60 Grad in der Hitze, im Winter fror er bei weniger als minus 35 Grad. Jeden Tag lief er acht bis 15 Kilometer vom Lager zur Baustelle. Oft schlief er auf dem Rückweg im Laufen ein.

An dem Tag, an dem Dittel seinen Glauben wieder fand, marschierte er nach einem langen Arbeitstag zurück ins Lager. Es war warm, Dittel müde. Ein Blatt Papier wirbelte Staub auf und raschelte an seinen Füßen. Er war wütend, dass jemand wertvolles Schreibpapier einfach in den Dreck warf, als er bemerkte, dass es eine Bibelseite war. Er hob den Zettel auf – und konnte nicht fassen, was darauf stand. Es war der Römerbrief, mit seinem Konfirmationsspruch: "Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen." Ein Gefühl erfüllte ihn, das er lange vermisst hatte: Zuversicht. "Ich werde es nach Hause schaffen, heim zu Mutti und Vati", dachte er. Das ist ein Zeichen.

An diesem Abend faltete er beim Abendessen zum ersten Mal seit langem wieder die Hände ineinander. Er schloss die Augen und sagte in Gedanken ein Tischgebet auf, das er früher mit seinen Eltern gebetet hatte: Segne Vater diese Speise uns zur Kraft und dir zur Preise. Sein Herz pochte, es war ihm peinlich. Er schlug die Augen auf, einige kicherten, andere lachten. Ein bärtiger Mann trat hinter ihn und legte ihm seine Hand auf die Schulter "Mensch Junge, du hast uns wieder Mut gemacht, lass uns morgen zusammen beten."

Dittel besuchte den Bärtigen am nächsten Tag in seiner Baracke und sprach von da an wieder regelmäßig mit Gott. Die Zuversicht seine Eltern irgendwann wieder zu sehen, gab ihm Kraft. Am Ende wendet sich alles zum Guten, sagte er sich. Immer wieder, wenn ihn der Mut verließ. Auch in seinem späteren Leben vergaß er die Worte nicht, die er in der Steppe Sibiriens fand. Sie wurden zum roten Faden seines Lebens.

Nach vier Jahren Gefangenschaft, im Winter 1949, wurde Dittel aus der Haft entlassen. Er hatte die Wahl: nach Hause oder in den Westen. "In die Heimat", sagte er ohne zu überlegen. Am dritten Dezember saß er im Zug von Leipzig nach Gößnitz. Nur noch 45 Minuten von Mutti und Vati entfernt. Mit jeder Minute steigerte sich sein Glücksgefühl, tanzte durch seine Brust, wie die Töne des "Bolero" von Ravel. Dittel fand seine Mutter so vor, wie bei seiner Abreise vor fünf Jahren. Mit Tränen in den Augen. Aber diesmal vor Glück.

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