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Früher sangen sie für eine bessere Welt, heute für ein besseres Ich. Foto: Fabian Widmann; Text: Dominik Drutschmann  — Link
"Werner, ich gehe, kommst du mit?"

von Barbara Opitz

30. November 2013  —  brand eins

Warum Gabriele Mäule beschloss, ihr altes Leben hinter sich zu lassen.


Es war schon lange alles klar. Sie musste sich nur noch überwinden. „Hier möchte ich leben“, sagte sie. Ihr Mann sagte: „Ich nicht.“ Er ging ganz dicht neben ihr. Aber nie schien er ihr so weit weg wie an diesem Oktobertag 2010 in Schottland.

Zweimal war Gabriele Mäule, heute 51, schon ohne ihn hier gewesen. In Edinburgh, „meiner Stadt“. Diesmal sollte er endlich mit. Doch Werner konnte mit den Schotten nichts anfangen. Mit dem Essen nicht. Mit der Stadt nicht. Den Rest des Urlaubs verbrachten Gabriele und Werner Mäule schweigend. Es gab nicht viel zu sagen. Sie hatte sich entschieden.

Ihr altes Leben war kein schlechtes. Rimbach im Odenwald, Fachwerkhäuser mit Giebeldächern und Geranien vor dem Balkon. Mäules gingen nicht oft aus, sahen lieber die „Sportschau“ oder den „Tatort“. Man traf sich im Tischtennis- oder Reitverein. Manchmal ging Werner mit ihr und den beiden Töchtern in die „Krumm Stubb“. Dann bestellten die Frauen den Salat „Krumm Stubb“, und er aß Steak vom heißen Stein. Vielleicht, denkt Gabriele Mäule, hätte sie einmal etwas anderes bestellen sollen.

Sie hätte etwas merken müssen, damals, als sie von Berlin nach Rimbach zog, Werners Heimat. Der Schwiegervater, ein Taubenzüchter, war streng, zeigte ihr, dass er sich für seinen Sohn eine bessere Frau vorgestellt hatte. Nur wenn er die Tauben fliegen ließ, war er sanft, sagt sie. Dann wich diese Strenge aus seinem Gesicht. Und als sie Werners Motorrad, das seit Jahren ungenutzt in der Garage stand, reparieren ließ, den Führerschein dafür machte und immer sonntags, wenn er zu seinen Tischtennisturnieren fuhr, sich in die Kurven der Odenwaldstraßen legte, verstand das niemand. Warum fuhr sie nicht mit zu den Turnieren, wie die anderen Frauen auch? Irgendwann ging das Motorrad kaputt. Sie ließ es gut sein. Da waren die Kinder. Und sie hatte ja noch die Pferde.

Sie hatte ihr altes Leben nicht geplant, es hatte sich einfach entwickelt. Gabriele Mäule war 18, als sie Werner, einen angehenden Lehrer, kennenlernte. Sie redeten die halbe Nacht. „Dabei ist Reden gar nicht seine Stärke.“ Sein Vater hatte in Rimbach ein Café am Marktplatz. Das Paar zog direkt darüber ein. Im zweiten Stock wohnten die Schwiegereltern. 2000 dann das Haus am Waldrand. „Wie man das so macht“, sagt sie, wie man halt so lebt im Odenwald. „Man guckt bis zum nächsten Berg, weiter nicht.“

Die Schotten sind anders, rau, vielleicht ein wenig laut und spröde. Aber offen. Ehrlich. Auch Gabriele Mäule ist spröde. Mehr der burschikose Typ. Nicht sehr weiblich. Dafür ehrlich. Verdammt ehrlich. Zu ehrlich für die Rimbacher. „Ich habe mich nie so lebendig gefühlt wie in den letzten beiden Jahren.“

Werner hatte sie nicht ernst genommen. Nach dem Urlaub wartete sie noch ab. Weihnachten, Silvester, der Familie wegen. Anfang Januar las sie in einem Auswanderer-Forum, dass sie, um in Schottland in ihrem Beruf als Krankenschwester zu arbeiten, eine Zulassungsnummer brauchte. Mitte Januar stellte sie den Antrag. Ende Januar dann sagte sie: „Werner, ich gehe, kommst du mit?“ Er nahm sie immer noch nicht ernst. Die jüngere Tochter, Kristin, war 19. Sie sagte nicht viel. Sie sagte danach generell nicht mehr viel, genau wie Werner Mäule. Nur die ältere sprang auf, schrie: „Du machst die Familie kaputt – ich hasse dich.“ Dieser Satz tat weh.

Gabriele Mäule war 49 Jahre alt. Zu alt, dachte sie, um zu warten, bis die Kinder aus dem Haus wären. „Manchmal muss man Dinge tun, weil man weiß, sonst geht man kaputt“, sagt sie nüchtern. „Gefühle sind da wenig hilfreich.“

Sie belegte einen Englisch-Kurs, im März verkaufte sie das Motorrad, im April das Pferd. Das war der Moment, als ihr Mann anfing, sie ernst zu nehmen. „Ich weiß nicht. Hätte er gekämpft, vielleicht“, sagt sie. Aber er schwieg. Im Juni verpfändete sie den Ehering. „Heftig“, sagt sie. „Aber anders ging es vom Kopf her nicht.“ 80 Euro bekam sie dafür. Im September kam das Schreiben, sie werde als Krankenschwester in Schottland anerkannt.

Am 18. Oktober, ein Jahr nachdem sie mit ihrem Mann in Edinburgh gewesen war, stieg sie frühmorgens in ihr Auto. Der Rest von ihrem alten Leben lag in zwei Koffern verpackt im Kofferraum. Kleidung und ein Radio mit Weckfunktion, mehr nicht. Die Kinder waren aufgestanden, blieben aber im Haus. Werner Mäule kam noch mit nach draußen. „Tschüss“, sagte er. Irgendwie unbeholfen. „Tschüss“, sagte sie und fuhr. Weiter und weiter. Nach einer Stunde hielt sie an einer Raststätte und schlief. Als müsste sie all die Nächte, in denen sie wach lag, auf der Stelle nachholen.

Es hat wehgetan. Am nächsten Tag aber war der Schmerz mit jedem Kilometer einem Gefühl gewichen, mit dem sie auch heute noch jeden Tag aufwacht: Erleichterung.

Klar hatte sie es sich leichter vorgestellt, das Auswandern. Sie hatte sich 20 000 Euro von ihrer Mutter geliehen. In den ersten Wochen fuhr sie von einem Vorstellungsgespräch zum nächsten. Aber ihr Englisch war miserabel, vor allem fehlte die „UK-Experience“, Erfahrung in Großbritannien also, nach der jedes Mal gefragt wurde. Irgendwann klappte es doch. Ausgerechnet an ihrem 50. Geburtstag.

Welch ein Glücksgefühl. Da war so eine Zufriedenheit, diese Ruhe. Sie war endlich angekommen. Am Abend saß sie am Fenster, vor ihrem Laptop. Karina und Kristin hatten tatsächlich angerufen, über Skype, um zu gratulieren. Auch wenn die Töchter wütend auf sie waren. Sie sprachen noch mit ihr.

Dann der Anruf aus Berlin. „Dein Vater liegt im Sterben.“ Gabriele Mäule kündigte, fuhr zu ihrer Mutter, blieb einige Wochen, bis alles geregelt war. Sie hatte ihre Mutter gefragt, ob sie bleiben soll. „Geh zurück“, hatte die gesagt, „hier wirst du nicht mehr glücklich.“

Wieder Vorstellungsgespräche in Schottland, wieder diese verdammte UK-Experience. Vielleicht sollte sie erst nach England gehen. Nur für ein Jahr. Gesagt, getan. Easington, eine ehemalige Zechen-Stadt, Leerstand, Arbeitslosigkeit. Sie hauste einen Winter ohne Heizung. Die englischen Kollegen waren nett, sie lernte einen Mann kennen. Einmal die Woche kochten sie zusammen. Irgendwann sagte er: „I’m falling in love with you.“ Aber sie musste gehen. Zu viel hatte sie für Schottland aufgegeben. Sie wollte ihr Leben nicht mehr nur geschehen lassen, nicht nur „die Frau vom Mäule“ sein. Auch nicht die Frau von irgendwem. Sie wollte selbst bestimmen.

Seit einigen Wochen hat sie endlich den Job in Schottland, als Agency-Nurse. Sie hat eine kleine Wohnung am Meer, möbliert, mit Bett und Ledercouch, Kamin. 20 Minuten vom Zentrum von Edinburgh entfernt. Jeden Morgen läuft sie zum Fenster, blickt auf das Meer, spürt Glück. Ganz vorsichtig hat die Große, Karina, begonnen, den Kontakt zu ihr wiederherzustellen. Vielleicht würde sie hier studieren? Wer weiß.

Jeden Abend verfolgt Gabriele Mäule auf Facebook das Leben ihrer Töchter. Im Sommer hat Kristin, die jüngere, ein Foto von sich gepostet, in einem weißen Cocktailkleid, mit Vater Werner eng umschlungen. Abi-Ball. Immer wieder sieht sie sich das Bild an, und jedes Mal gibt es ihr einen Stich. „Wie hübsch sie ist.“

Aber Gabriele Mäule gehört nicht mehr dorthin, nach Rimbach. Karina hat an diesem Abend noch ein Foto gemailt, auf dem Kristin in die Kamera strahlt und ihr eine Kusshand zuwirft. Sie schrieb: „Für Dich Mama!“



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