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Was machen, hat Mutti gesagt

von Dominik Drutschmann

15. Mai 2015  —  Das Magazin

Aber was? Wenn man in einem Nazicafé in Indonesien sitzt, Bier trinkt und einem das Hitler-Porträt über dem Kamin in die Quere kommt


In Jakarta gibt es keine Bürgersteige. Will man in Indonesiens Zwölfmillionen-Einwohner-Hauptstadt flanieren, fährt man in eine der Mega-Malls. Etwa ins Senayan City, einer Kreuzung aus Flughafen-Einkaufspassage und Center-Parks. An den Türen Metalldetektoren, die nicht funktionieren, im Foyer funkeln Karren von Mercedes und Porsche zwischen Plastikpalmen. 400PS-Rennmaschinen in einer Stadt, deren Dauerstau nur Schneckentempo zulässt. Vorbei an Gucci und Prada-Protz geht es über eine Rolltreppe in den dritten Stock. Im Schaufenster eines Sportgeschäfts hängt neben der Flagge von Manchester United eine weitere, etwas größere, ebenfalls in rot-weiß gehalten. Darauf ein Hakenkreuz.

 

In Deutschland habe ich noch nie eine Nazi-Flagge gesehen. Vielleicht mal im Museum, das kann schon sein, sicher aber nicht auf der Straße, im Fußballstadion oder eben in einem Geschäft. Dabei gibt es kein Symbol, das jeder, wirklich jeder Deutsche kennt. Wir sehen es auf Bildern, im Fernsehen, in Schulbüchern. Kollektive Schuld kontinuierlich hineingewoben in den eigenen Lebenslauf. Nur im öffentlichen Raum nicht, Hakenkreuzflaggen sind verboten. Trotzdem wundert es mich, dass ich noch keine gesehen habe. Ich komme ich aus der Nähe von Dortmund, einer Stadt, die zuletzt für Aufsehen sorgte, als der ehemalige Hooligan-Anführer der Borussen-Front, Siegfried Borchardt, alias SS-Siggi, in den Dortmunder Stadtrat einzog.

 

Ich war auf etlichen Demos. Wann immer es eine menschliche Lichterkette für den Weltfrieden, gegen den Hunger oder Nazis gab, meine Mutter drückte mir eine Kerze in die Hand. Sie war Lehrerin an einer Gesamtschule, ihr Abitur hatte sie 1968 gemacht. Und so standen wir in den 1990ern Licht an Licht und ich verstand nichts. Warum man die Nazis nicht einfach verbiete, fragte ich sie, als ich schon etwas älter war. „Davon gehen sie ja auch nicht weg“, sagte sie. Also muss man was machen. So bin ich aufgewachsen.

 

Und jetzt hängt da diese Hakenkreuzflagge neben der von Manchester United. In meinem Hirn verhakt sich etwas, ich kann dieses Bild nicht zusammenbringen. Erst recht nicht, da jetzt auch noch ein Verkäufer auf mich zukommt, Höflichkeits-Händefalten vor dem Spitzbauch, leichte Verbeugung, Riesengrinsen:

 

Kann ich ihnen helfen?

Ist das eine Flagge von Manchester United?, Ich deute auf die Flagge von Manchester United.

Ja, Manchester United. Sehr gut.

Und das - ich deute auf die Hakenkreuz-Flagge – was ist das für eine Flagge?

Oh, das ist eine Naziflagge. Adolf Hitler.

 

Das Naziflaggen-Grinsen unterscheidet sich nicht vom Manchester-Grinsen. Ich bin überfordert. Und weil ich mich nicht rühre, nichts sage, wittert der Verkäufer Interesse. Er nimmt die Flagge von der Stange und hält sie vor sich. Sein Gesicht scheint jetzt links und rechts am Hakenkreuz durch den dünnen Stoff. Er sagt etwas, die Flagge verschluckt seine Worte. Ich drehe mich um und gehe. Von der Rolltreppe aus sehe ich den Verkäufer, die Hakenkreuzflagge in der Hand, mit der anderen winkend: Thank you, Mister, bye bye.

 

Das Hakenkreuz-Flaggen-Intermezzo hätte eine gute Vorbereitung sein können  auf das, was noch kommen sollte. Vor meiner Reise hatte ich mir vorgenommen, nach Bandung zu fahren. Die Provinzhauptstadt hatte es 2011 kurz in die internationale Presse geschafft. Die Bild schlagzeilte „In diesem Café tragen Kellner SS-Uniformen“. Gemeint war das „Soldatenkaffee“ in der Stadt. Nachdem die Nachricht um die Welt ging, hat das Cafe dicht gemacht. Der Betreiber sei mit dem Tod bedroht worden, hieß es.

 

Im Sommer 2014 aber eröffnete es wieder.

 

Der Taxifahrer in Bandung kennt das „Soldatenkaffee“ nicht, nennt mich aber, nachdem ich es mit Nazicafe probiert habe, konsequent „Mister Nazi“. Die Straße aber kennt er –

No problem, Mister Nazi. Nicht jetzt schon die Contenance verlieren, denke ich, zünde mir eine Zigarette an und öffne das Fenster.

 

Beim Betreten des Soltadenkaffee keimt Hoffnung auf: Am Ende des Gangs verkrallt sich ein überdimensionaler Metall-Reichsadler in ein Hakenkreuz. Links davor steht eine Schaufensterpuppe in römischer Kampfmontur. Dazu an der Wand ein Zitat von Adolf Hitler, das ich noch nicht kannte: „If you win you need to explain... But if you lose, you should not be there to explain.“ Vielleicht, denke ich, ist das Satire. Eine Art Kunstwerk, das nicht etwa den Führer verehrt, sondern ihn verhöhnt. Alles halb so wild.

 

Also, Scheuklappen runter, hinsetzen, Bier bestellen. Im zweiten Raum, rechts vom Hakenkreuz-Vogel, hängt der andere, der Führervogel, an der Wand. Sieht lächerlich aus, wie immer, aber auch anders. Hat was Französisches auf dem Bild. Das Gesicht schmaler und länger als sonst und dazu, ha, eine Hakennase.

 

Von meinem Opa väterlicherseits lernte ich, dass Juden durch eine Hakennase diffamiert  werden. Er war ein Nazi, bis zuletzt. Im Zweiten Weltkrieg Pilot wurde er über Belgien abgeschossen, später in englischer Gefangenschaft. Dass er ein Nazi war, fiel allein deshalb nicht sofort auf, weil er kaum sprach. Anfang der 1980er wurde ihm der Kehlkopf entfernt, Krebs. Ich konnte mich nicht daran erinnern, je einem Juden begegnet zu sein, als ich das erste Mal bewusst die stummen Schimpftiraden meines Opas wahrnahm. Und das ging so: Er krümmte seinen Zeigefinger und hielt ihn sich an die Nase. Ich verstand nicht, mehr noch, seine Geste verwirrte mich. Sein gekrümmter Finger entsprach exakt der Form seiner Nase. Und der Nase meines Vaters. Genaugenommen jeder postpubertären Drutschmann-Nase.

 

In der Rückschau ergibt das durchaus Sinn. Wenn der Anführer einer Ideologie, die den blonden Arier zum Herrenrassen-Vorbild ausrief, selbst ein mickriges Männchen mit braunen Haaren und nervösem Reizdarm war, passt es doch sehr gut, dass ein Nazi, der einen Juden verspotten will, sich letztendlich nur an die eigene Nase fasst.

 

Ich wische den Gedanken weg und bestelle noch ein Bier. Der Kellner trägt ein weißes T-Shirt mit einem Hakenkreuz auf der Brust. Neben mir die einzigen weiteren Gäste. Eine junge Familie. Mutti mit Kopftuch, Vati hat eine angedeutete Irokese, dazu ein Led Zeppelin-Shirt. Die Kinder zwischen eins und drei, noch nicht alt genug sich zu wehren, als Vati sie nacheinander auf den Arm nimmt, sich unter dem Hitler-Portrait an der Wand aufstellt, und Mutti ein Foto macht. Ich rauche zwei Zigaretten nacheinander und bestelle mein drittes Bier. Eine Woche lang lag ich mit einer Lebensmittelvergiftung im Bett, das Bier knallt ganz schön. Wie kann der Typ nur mit einem Led Zeppelin-Shirt und Irokese sein muslimisches Kind unter einem Hitler-Portrait fotografieren lassen? Ich schwitze. Der Kellner mit Hakenkreuz-Shirt bringt mein drittes Bier. Ich schaue ihn mit funkelnden Augen an.

 

Mit dem Bier steigt der Übermut. Was machen, hat meine Mutti immer gesagt, aber Kerzen gibt es hier nicht, also steh ich auf und falle direkt wieder in den Stuhl. Das muss das Antibiotika sein. Also noch eine Zigarette und dann einen Schlachtplan aushecken. Oh Gott, Schlachtplan, habe ich das jetzt wirklich gedacht? Die Zweifel runterspülen, aufstehen, was machen. Für Mutti.

 

Ich frage die Irokese, wie das zusammenpasse, sein Aufzug und das Foto unterm Hitler-Portrait. Er nickt nur, lächelt und legt den Arm um mich. Seine Frau macht ein Foto von uns beiden. No problem, Mister. Yes, problem, sage ich, fühle mich unheimlich doof dabei und deute auf Hitler an der Wand. Yes, Adolf Hitler, sagt die Irokese und deutet an, dass er auch gern ein Foto mit mir unterm Führer machen möchte. No Photo! Ich brülle jetzt. Die Irokese zuckt zusammen und ich schäme mich. Mit deutscher Hasskappe  umzingelt von Hakenkreuzen einen grinsenden  Indonesier anzubrüllen – wie sieht das denn aus? Mister, please. Ein Arm an meiner Schulter. Der Besitzer des Cafes, ein junger Chinese namens Henry Mulyana, bittet mich an den Tisch, bestellt mein viertes und sein erstes Bier.

 

Jetzt aber mal Tacheles, was soll der Scheiß?

Ein historisches Cafe sei das, ob ich nicht die England-Fahne im Nebenraum gesehen hätte.

Ach, die zwischen der Südstaatenflagge und einer weiteren – Überraschung! – Nazi-Flagge?

Yes, Mister.

Lass mal den Mister-Scheiß weg und erzähl mir, warum du ein Nazi-Cafe aufgemacht hast.

 

Er könne verstehen, warum ich irritiert sei, so als Deutscher. „Aber das ist deine Geschichte“, sagt er. Mein Bein zuckt, der Schweiß läuft mir den Nacken runter. Irgendwas machen! Jetzt! Nur was? Ich ziehe an meiner Zigarette und puste den Rauch direkt in sein Gesicht. „Bist Du Nazi?“ Nein, sagt er. „Und ich verehre auch nicht Adolf Hitler.“ Ich schaue durch den Raum, zwei Hitler-Zitate an der Wand, dazu das Führerbild über dem Kamin.

 

Bevor ich nach Bandung fuhr, wohnte ich in Jakarta bei Jörg, einem Deutschen, der seit knapp 20 Jahren im Land ist. „Wenn Du dahin fährst“, hat er gesagt, „dann brenn das verdammte Nazicafe nieder.“ Als Jörg das erste Mal vom Soldatenkaffee in der Zeitung las, trank er ein Bier. Dann noch eins. Und noch eins. Über Bekannte besorgte er sich die Nummer von Henry, dem Besitzer. Und als Jörg sauer und angetrunken genug war, rief er ihn an.

 

Warum hast du das Cafe geschlossen, frage ich Henry jetzt. Hattest Du Angst um dein Leben? Nein, sagt er, ihn habe nur einmal jemand angerufen, nachts, besoffen und habe ihm angedroht, die Beine zu brechen. Die Welt der Verachtung, denke ich, ist ein schönes Dorf.

 

Geschlossen habe er das Cafe, nachdem er einen Brief aus New York erhielt, von einem jüdischen Verein, der ihm klarzumachen versuchte, dass das Cafe einer Ideologie huldige, die sechse Millionen Juden umgebracht hatte.

 

Er sei depressiv geworden, sagt er heute, dabei stimme die Zahl natürlich nicht. Meine Hand umfasst die Flasche. Mit jedem Schluck erscheint mir Jörgs Idee, die Beine des Inhabers betreffend, verführerischer. Welche Zahl, frage ich.  Sechs Millionen, sagt er, das ist natürlich Quatsch. Er öffnet auf seinem Tablet eine PowerPoint-Folie, die anhand einer Rechnung zeigen will, dass viel weniger Juden von den Nazis umgebracht wurden. Es geht darum, wie lange es dauert, bis ein menschlicher Körper verbrannt ist. Simpler Dreisatz, hochgradig verstörend. Mein Bier ist leer, er bestellt zwei neue. Du bist ein verdammter Idiot, sage ich.

 

Henry lacht. Die Zahl sei im Grunde egal, sagt er. „Die Nazis haben nichts mit dem Genozid an den Juden zu tun.“ Ich verschlucke mich an meinem sechsten Bier. Wer war es denn bitteschön dann, frage ich. Die Amerikaner, natürlich, sagt er, und öffnet eine weitere Internetseite, auf der es bunte Bilder zu eben jener Verschwörungstheorie gibt.

 

Da sitze ich einem Holocaust-Leugner gegenüber, aber statt Haltung zu bewahren, huste ich kümmerlich in mein Bier. Ich sehe meinen grinsenden Opa, mir auf die Schulter klopfen, guter Junge. Meine Mutter, mit verschränkten Armen, zwei zerlaufende Kerzen in der Hand. Engel links, Teufel rechts. Umrahmt von all den menschlichen Lichterketten, in denen ich als kleines Lichtlein stand. Etwas tun, verdammt nochmal, mach was! Ich schubse den Opa von der Schulter, stehe auf und gestikulier mit meinem Bier vor der Nase des Leugners. Verdammte Scheiße, brülle ich, und knalle das Bier auf den Tisch. Der Stuhl fällt um. Ich schaue mich im Raum um, Halt suchend, da  fällt mein Blick auf das Hitlerportrait über dem Kamin. Etwas tun, verdammt! Ich wanke zur Wand und nehme das Hitler-Portrait herunter. Chaos bricht aus, Hände zerren an mir, ich packe den Kellner am Kragen, in der anderen noch immer das Portrait. Weitere Hände, Brüllen, Schubsen. Von irgendwo dringt Kindergeheul zu uns durch. Zu sechst drängen sie mich durch die erste Tür, vorbei an den beiden Nazivögeln an der Wand. An der Eingangstür entreißt mir einer das Hitlerportrait, Henry schreit: „Hausverbot!“.

 

Ich stehe auf der Straße und bin noch unschlüssig, ob das gerade besonders heroisch oder sehr sehr dumm war. Mein Opa hätte sich im Grabe umgedreht, aber Mutti wäre stolz. Gut so! Ich werde durch ein Hupen aus meinen Gedanken gerissen, ein SUV hätte mich fast erwischt. Auch in Bandung gibt es keine Bürgersteige.

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