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Mein Bauch, dein Kind - die Geschichte einer deutschen Leihmutter  — Link
Vor aller Augen

von Tiemo Rink

21. April 2015  —  Der Tagesspiegel

Was gab es für eine Aufregung, als die Mauerkreuze in Mitte verschwanden - als Protest gegen die Flüchtlingspolitik. Wie konnte das gelingen? Eine Rekonstruktion.


Am ersten November des Jahres 2014 scheint vormittags die Sonne am Berliner Reichstagufer. Die weißen Kreuze, die an die Mauertoten erinnern, strahlen im Licht. Eigentlich Ausflugswetter, aber bis auf die Touristendampfer ist hier nichts los. Ein paar Jogger laufen an den Kreuzen vorbei, irgendjemand schiebt einen Kinderwagen durchs Bild, ansonsten: Ruhe. Dann kommt ein Mann und stellt eine etwa zigarettenschachtelgroße Kamera auf den Stufen ab, die hier vielleicht zehn Meter von den Gedenkkreuzen entfernt zur Spree hinunterführen. Die Kamera wird ab jetzt alle fünf Sekunden ein Bild vom Geschehen machen. Auf dem ersten Bild ist da ein Denkmal mit Kreuzen. Auf dem letzten ist da ein Denkmal ohne Kreuze. Dies ist eine Geschichte über die 45 Minuten dazwischen.

Und auch über die Aufregung, die einige Tage später losbrach, als man bemerkte, dass die Kreuze verschwunden waren. Unmittelbar vor dem 25-jährigen Mauerfalljubiläum, vor den offiziellen Gedenkfeiern. Als die Aktivisten vom „Zentrum für politische Schönheit“ erklärten, dass die Kreuze an die EU-Außengrenze „geflüchtet“ seien zu ihren „Brüdern und Schwestern“, von denen nach Schätzungen von Pro Asyl mindestens 24 000 in den vergangenen 15 Jahren beim Versuch starben, nach Europa zu fliehen. Allein in der vergangenen Woche ertranken mehr als 1000 Menschen im Mittelmeer. Auch sie: Maueropfer, argumentieren die Aktivisten.

Darf man das? Die damaligen Toten an der innerdeutschen Grenze in einen Zusammenhang stellen mit den heutigen Toten an der europäischen Grenze? Macht es einen Unterschied, ob jemand stirbt, weil er ein Land verlassen will? Oder ob er stirbt, weil er ein Land betreten will? Aus Sicht des Sterbenden vermutlich nicht. Was bleibt, ist die Sicht der Lebenden. Die offizielle Sicht: Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) kritisierte die „heldenhafte Attitüde“ der Aktivisten, die man – so Lammert – „für blanken Zynismus halten muss“. Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) verurteilte die Aktion als „verabscheuungswürdig“, bald darauf gingen mehrere Anzeigen wegen schweren Diebstahls gegen die Aktivisten ein.

Was Henkel „verabscheuungswürdig“ nennt, nennen die Zentrums-Mitglieder „aggressiven Humanismus“. Eine unbekannte Anzahl von Künstlern hat sich vor Jahren zusammengeschlossen, Aktionsplan: Eindringen in das Spannungsfeld von deutscher Geschichte und deutscher Gegenwart. Möglichst öffentlichkeitswirksam. Wenn sie, wie vor drei Jahren geschehen, die Eigentümer der Waffenschmiede Krauss-Maffei Wegmann in die Öffentlichkeit zerren. Wenn sie, wie vergangenes Jahr, die Internetseite des Bundesfamilienministeriums fälschen und Ministerin Manuela Schwesig (SPD) Dinge in den Mund legen, die sie nie gesagt hat: dass sie 55 000 syrische Kinder aus dem Bürgerkriegsland retten wird. Wie damals, als die Briten 10 000 jüdische Kinder aus Nazi-Deutschland retteten. Einfach dadurch, dass sie sie aufnahmen.

Darum geht es ihnen: Finger in die Wunde legen, das Aufzeigen von Alternativen, die die Wirklichkeit blamieren. Das, was die Aktivisten unter „politischer Schönheit“ verstehen. Kein Wunder, dass die verschwundenen Mauerkreuze zu wütenden Reaktionen führten. Die polizeilichen Ermittlungen aber sind in diesen Tagen eingestellt worden, wie ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft dem Tagesspiegel sagte. Die Aktivisten hätten die Kreuze nicht mit einer „Zueignungsabsicht“ entfernt, sagt der Sprecher. Anders gesagt: Man kann nichts stehlen, was man nicht behalten will. Und behalten wollten die Künstler die Kreuze nie. Die Aufregung hat sich gelegt. Eine Frage aber blieb bisher offen: Wie bitteschön schraubt man mitten am Tag in der Hochsicherheitszone am Reichstag ein Denkmal ab, ohne dass da jemand nachfragt?

Die Antwort lässt sich an den Aufnahmen der kleinen Kamera ablesen und sie lautet: Indem man ein Theaterstück aufführt. Ein Theaterstück mit zwei Besonderheiten. Erstens: Nach der Premiere ist gleich wieder Schluss. Zweitens: Wenn die Zuschauer nicht reagieren, dann war es aus Sicht der Schauspieler eine perfekte Vorführung. Die Zuschauer sind die Sicherheitskräfte rund um den Reichstag. Sie sollen sich langweilen, obwohl vor ihren Augen Unglaubliches geschehen wird. Als Ablenkungsmanöver.

Die Bühne ist die Promenade vor den Gedenkkreuzen. Am 1. November 2014 füllt sie sich allmählich. Eine Studentengruppe schlendert heran und bleibt neben den Kreuzen stehen. Vielleicht 30 junge Menschen. Sie werden angeführt von André Leipold, einem 36-jährigen Mann, der beim Zentrum als „Geheimrat“ fungiert.

Am 1. November spielt er den Leiter einer literarischen Stadtreise, der seinem Publikum vorliest. „Der Fürst“ von Machiavelli, ein Klassiker der politischen Philosophie: ein Text über die Möglichkeiten des politischen Machterhaltes in einer feindlichen Umgebung. Außerdem Kafka, Kurzgeschichten vom verzweifelten Individuum. Seine Zuhörer stehen mit dem Rücken zu den Kreuzen, alles ganz normal.

Kurz darauf kommt eine zweite Reisegruppe ins Bild. Menschen mit Kinderwagen, vielleicht noch einmal 20 Personen. Dazu Handwerker. Sie tragen gelb leuchtende Warnwesten, in den Händen Werkzeugkoffer. Sie schieben einen Gitterwagen neben sich her, aus dem weiße Holzkreuze ragen. Während die andere Gruppe neben dem Literaturkreis stehen bleibt, biegen sie ab zu den Kreuzen. Ein Mann im Anzug führt sie an. Er trägt eine Aktentasche und telefoniert: Philipp Ruch, Kopf des „Zentrums für politische Schönheit“. Ruchs Rolle an diesem Tag: Er spielt den Restaurator. Vor dem Denkmal rollen die Handwerker einen Filzteppich aus und beginnen, die Kreuze aus dem Gitterwagen neben den Originalkreuzen im Denkmal abzustellen.

Das ist der Trick: Sie wollen die Kreuze mitnehmen. Und lassen es so aussehen, als wären sie beauftragt, berechtigt. Natürlich kommen sie nicht in der Nacht. Welcher Restaurator arbeitet schon nachts? Sie kommen am Tag, im Schutz der Öffentlichkeit.

Wenn sich überhaupt jemand der Sicherheitskräfte an diesem Tag für das Geschehen an den Mauerkreuzen interessiert hat, dann sieht er jetzt, wie die Handwerker unter den Augen ihres Chefs anfangen, die Originalkreuze aus den Fassungen zu schrauben und in den Gitterwagen zu stellen. Die Originalkreuze sind schließlich nicht im besten Zustand, viele Ecken abgeplatzt, ganz schön angegammelt. Wieso eigentlich? Und stimmt das denn? Originalkreuze?

Tatsächlich ist es eine etwas seltsame Angelegenheit mit den Kreuzen an der Spree. Denn in der Vergangenheit verschwanden sie schon einmal. Wegen Umbauarbeiten im Regierungsviertel wanderten die Kreuze 1995 ein paar hundert Meter weiter. In die Ebertstraße, zwischen Reichstag und Brandenburger Tor. 2003 wurde der Standort an der Spree in einem Festakt mit neuen Kreuzen wieder eröffnet. Dafür sollte der provisorische Standort in der Ebertstraße aufgelöst werden. Das aber gab Ärger. DDR-Opferverbände protestierten heftig, irgendwann gab die Politik ihre Pläne auf.

Deshalb gibt es die Mauerkreuze heute doppelt. An der Spree stehen die Kopien, die Originale hängen in der Ebertstraße. Wem aber gehören die Kreuze eigentlich?

Ursprünglich wurde das Denkmal betrieben durch den Berliner Bürgerverein, dann übergeben an den Bund der Mitteldeutschen. Von dort landete die Sache bei Alexandra Hildebrandt, der Leiterin des Mauermuseums am Checkpoint Charlie. Gehören die Kreuze also ihr? Es gibt manche in der Stadt, die das so sehen. Frau Hildebrandt gehört dazu.

An einem Februarnachmittag sitzt sie im Foyer des Mauermuseums und erinnert sich an diese ungewöhnlichen Tage im November 2014. Damals ermittelte die Staatsanwaltschaft noch, aber Hildebrandt hatte damit nichts zu tun. „Wir haben keine Anzeige erstattet“, sagt sie. Obwohl die Kreuze ihr gehören? „Die Kreuze dort abzuräumen, gehörte sich nicht“, sagt Hildebrandt, und dass die Aktion den Menschen „wehgetan“ habe, die dort der toten Maueropfer gedächten.

Sie erzählt von einer Begegnung, die sie ein paar Tage vor dem Kreuzabschrauben gehabt habe. Als Philipp Ruch sie besucht habe und ihr Sachen erzählte, denen sie nicht ganz folgen konnte: „Er begann bei den Kreuzen und endete bei der militärischen Sicherung der EU-Außengrenze.“ Ruch sagt ihr, dass bald etwas mit den Kreuzen an der Spree passieren werde. Und er weiht sie ein und sagt, dass ein paar Tage nach der Kreuzentfernung Busse von Berlin nach Bulgarien fahren werden, Teil zwei der Aktion: Sie wollen den europäischen Grenzzaun abbauen und Ruch bietet an, ihr ein Stück Stacheldraht mitzubringen, als Exponat für ihr Museum. Als ein Beispiel, wie Mauern weiter bestehen, auch wenn andere längst gefallen sind. „Schreiben Sie mir einen Brief“, sagt Hildebrandt und wimmelt ihn ab.

Der Brief ist nie gekommen, kurz darauf verschwanden die Kreuze und Alexandra Hildebrandt hielt sich als Eigentümerin in den kommenden Tagen auffällig zurück. Was war da los?, fragt man dann, und jetzt sagt sie, dass sie sich schäme angesichts der vielen Menschen, die auf dem Weg nach Europa im Mittelmeer ertrinken. Dass die Empathie verloren gegangen sei, die Bereitschaft, vom eigenen Wohlstand etwas abzugeben. Ruch bat sie um Unterstützung, und Hildebrandt wollte einen Brief.

Vielleicht wäre die Debatte in den Tagen nach der Kreuzentfernung etwas anders gelaufen, wenn sich die Kreuzeigentümerin auf die Seite der Kreuzentferner geschlagen hätte. Vielleicht hat Alexandra Hildebrandt letztes Jahr im November eine Chance vertan. Vielleicht aber haben die Aktivisten ihr auch zu viel zugemutet. DDR-Opferverbände, die Hildebrandt wenigstens nicht widersprechen, wenn sie sagt, dass die Mauerkreuze ihr gehören, sind in vielen Fällen – freundlich formuliert – eher konservativ. Leute wie Ruch gelten in diesen Kreisen mitunter als linksextreme Chaoten, mit denen gibt man sich nicht ab. Keine leichte Situation für Hildebrandt, auch wenn die Sache im Nachhinein für sie klar ist: „Ich schäme mich, weil wir hier im Museum viel zu wenig über die heutigen Flüchtlinge reden, obwohl wir das eigentlich tun müssten. Wahrscheinlich haben die Aktivisten recht gehabt: Wir hätten dieses Stück Stacheldraht aus der EU-Außengrenze in unserem Museum dringend gebraucht.“

Aber das ist die Gegenwart, und damit zurück in die Vergangenheit, zurück zum ersten November ans Reichstagufer, wo die mutmaßlichen Handwerker die Kreuzen aus dem Denkmal schrauben und in den Gitterwagen stellen. Als sie damit fertig sind, beginnt eine Frau mit einem kleinen Mädchen einen Ringelreigen vor dem jetzt kreuzlosen Denkmal. Sie fassen sich an den Händen und drehen sich im Kreis. Zwei Boote fahren vorbei, als der Gitterwagen mit den Kreuzen langsam von der Bühne geschoben wird. „Eisern Union“ steht auf dem einen Boot, das kleine Mädchen winkt den Touristen.

Demonstrative Normalität, vielleicht sechzig Schauspieler auf der Bühne. Und ein paar zusätzliche, die auf den Bildern der Kamera nicht zu erkennen sind. Wenn die Sicherheitskräfte misstrauisch geworden wären, sagt Philipp Ruch heute, dann hätten sie noch zusätzliches Personal gehabt: „Ein Spinner stand bereit.“ Er hätte an einer anderen Stelle am Reichstag angefangen, lautstark Verschwörungstheorien zu verbreiten. Auf dem Kopf ein Aluhütchen, zum Schutz gegen telepathische Steuerungskommandos der Illuminaten ...

Aber es brauchte keine Aluhütchen. „Alles, was es braucht, ist eine gelbe Warnweste“, sagt Ruch, und das ist natürlich stark untertrieben bei dem Aufwand, den sie hier veranstalten. Und so stellen die Handwerker die mitgebrachten Ersatzkreuze ans Denkmal, treten einen Schritt zurück, tun so, als würden sie die Passform überprüfen, die Details der bevorstehenden Montage besprechen. Währenddessen werden an anderer Stelle die Originalkreuze von der Bühne gerollt. Sie landen in einem bereitstehenden Wagen und flüchten. Nicht an die EU-Außengrenze, sondern in eine WG irgendwo in der Stadt. Minuten vergehen, nichts passiert.

Irgendwann wird der jetzt leere Gitterwagen wieder ins Bild gerollt. Die Handwerker nehmen die angeblichen Ersatzkreuze, stellen sie in den Wagen. Sie rollen den Filzteppich ein, packen zusammen und verschwinden. Was bleibt, ist ein Denkmal ohne Kreuze.

Schließlich kommt eine Frau und stellt ein weißes Hinweisschild vor das Metallgerüst. „Hier wird nicht gedacht“, steht auf dem Schild. Dann kommen ein paar Männer, sie tragen T-Shirts, auf deren Rückseite „Menschheit“ steht. Sie kleben kleine Post-It-Zettel in die leeren Kreuzfassungen. Auf den Zetteln steht „Toumani Samake“.

Samake war 23 Jahre alt, als er letztes Jahr beim Versuch starb, den EU-Grenzzaun zu überwinden, der die spanische Enklave Melilla auf dem afrikanischen Kontinent von Marokko trennt. Menschenrechtsorganisationen haben Videos ins Internet gestellt. Sie zeigen, wie sich die Flüchtlinge in ein paar Metern Höhe an den Zaun klammern. Auf dem Boden stehen Sicherheitskräfte. Sie haben Leitern an den Zaun gelehnt, klettern nach oben und prügeln die Menschen mit ihren Schlagstöcken. Einige stürzen ab und fallen. Samake war einer von ihnen, sagen Menschenrechtsorganisationen.

Nach zwei Tagen verschickt das „Zentrum für politische Schönheit“ eine Presseerklärung. Die Kreuze sind geflüchtet, steht darin. Vorher war es niemandem aufgefallen.



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