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von Stefanie Maeck

17. September 2012  —  DER SPIEGEL

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Ein Amerikaner bestellt einen Fernseher - und bekommt ein Sturmgewehr.

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Seth Horvitz, Discjockey in Washington, bereitet gerade die Drinks für eine Dinnerparty mit seinen Freunden vor, als es an seiner Wohnungstür klopft. Horvitz geht zur Tür, öffnet sie, aber da ist niemand. Nur ein Paket lehnt an der Wand im Flur.

Horvitz erwartet eine Lieferung vom Paketdienst. Er hat sich vor ein paar Tagen einen neuen Flachbildfernseher bestellt, 39 Zoll groß, für 319,99 Dollar, beim Online-Kaufhaus Amazon. Aber das Paket hat ein seltsames Format für einen Bildschirm, es ist schmal und lang. "Vielleicht kommt der Bildschirm ja in mehreren Lieferungen", das habe er in diesem Moment gedacht, sagt Horvitz heute.

Er trägt das Paket in die Küche, legt es auf den Boden und reißt die Pappe auf. Erst kann er nichts erkennen, er sieht nur etwas Silbernes, "vielleicht hat der Monitor ja einen Ständer? Oder da ist noch Zubehör, das in der Beschreibung nicht erwähnt wurde". Horvitz schiebt die Plastikfolie und das Styropor zur Seite. Dann erkennt er, was vor ihm liegt. Es ist kein Bildschirm.

Es ist ein Gewehr. Mattschwarz. Es sieht nicht aus wie ein Gewehr, das Sportschützen benutzen, um auf Scheiben zu schießen. Es sieht professionell aus, ein Profi-Killer in einem Hollywood-Thriller könnte es aus einem schaumstoffgepolsterten Koffer holen und dann damit auf sein Opfer zielen. Horvitz sitzt in seiner Küche und starrt auf die Waffe.

Horvitz ist Pazifist, er hat gegen die Kriege im Irak und in Afghanistan protestiert und sich, soweit er sich erinnert, nie in seinem Leben geprügelt, auch nicht als Kind. Horvitz verabscheut Ballerspiele auf dem Computer, er schätzt die Werke von Godard, Tarkowski, Michael Haneke. Für das Abendessen mit seinen Freunden hat er südindische Musik aufgelegt, gespielt auf Glasinstrumenten.

Kurze Zeit später sind seine Gäste da, sie bringen Couscous und Hummus, sie starren erst ihn an, dann die Lieferung, dann wieder ihn. Alle stehen in Socken vor dem Gewehr und fragen sich, wie das hier jetzt weitergehen soll.

Horvitz will etwas über die Waffe erfahren, er schaut sich im Internet um, findet ein passendes Bild, technische Daten, eine Beschreibung.

Vor ihm auf dem Boden liegt eine Sig Sauer 716, ein halbautomatisches Sturmgewehr, Kaliber 7,62 × 51 mm, "einsatzstark in beengten Räumen", so beschreibt es der Hersteller. Die Waffe kostet 1599 Dollar.

Im Karton liegt ein Bestellschein des Online-Waffenhändlers Gunbuyer.com mit Sitz in Florida, als Zieladresse ist ein Waffenladen in Pennsylvania notiert, Independence Gun Shop. Ein Chirurg, so wird sich später herausstellen, hat die Sig bestellt, ganz legal. In Pennsylvania sind sogar vollautomatische Sturmgewehre wie das russische AK-47, die Kalaschnikow, legal zu kaufen, ohne Waffenschein. Es gibt auch keine Mengenbegrenzung in Pennsylvania. Der Versuch von Politikern, den Waffenkauf auf ein Exemplar pro Monat pro Person zu limitieren, ist gescheitert.

Horvitz untersucht den Karton. Neben der Adresse des Waffenladens findet er einen zweiten Aufkleber, mit seiner Adresse. Sie muss irrtümlich auf den Karton gelangt sein. Aber wie kommt der Karton von hier wieder weg?

Einer der Gäste hat die Idee, die Brady Campaign anzurufen, eine Bürgerrechtsorganisation, deren Mitglieder sowohl Präsident Obama als auch seinen Herausforderer Mitt Romney zu einer Diskussion über das Waffengesetz zwingen wollen. Als die Mitarbeiter der Brady Campaign von der Sig in der Küche hören, bedanken sie sich überschwänglich und informieren die Medien.Seth Horvitz ruft dann die Metropolitan Police an und erklärt dem Beamten, er habe ein Sturmgewehr geliefert bekommen, von einem Paketdienst. Er wisse, der Besitz einer solchen Waffe sei illegal in Washington, aber er habe sie gar nicht haben wollen. Er habe einen Flachbildschirm erwartet.

Zehn Minuten später stehen zwei Polizisten in der Küche, ihre Waffen sehen wie Kinderspielzeug aus im Vergleich zur Sig. Sie blicken auf Seth Horvitz, der in Socken vor ihnen steht, sie sehen seine Gäste, das Couscous, im Hintergrund läuft immer noch südindische Musik. Sie verhaften ihn nicht, sie glauben ihm.

Horvitz schlägt vor, den Paketdienst anzurufen, damit jemand diese verdammte Knarre bei ihm abholt. Aber die Polizisten erlauben es nicht. Sie nehmen die Waffe mit aufs Revier. Horvitz' Gäste machen den Vorgang über Twitter bekannt: "So leicht kommt man an ein Sturmgewehr."

In den Tagen danach entschuldigt sich der Waffenladen, der das Gewehr abgeschickt hat, auch der Paketdienst bittet um Verzeihung, der Verkäufer will den Kaufpreis für den verschollenen Bildschirm erstatten.

Die Marketingabteilung des Fernsehherstellers meldet sich, sie möchte Seth Horvitz ein Gerät schenken. Es werde demnächst bei ihm eintreffen, per Paketdienst.



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