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Tränen verschleiern die Sicht

von Lena Muessigmann

30. Oktober 2012  —  Schwarzwälder Bote

Birgit F. ist jähzornig. Brüllen, kratzen, um sich schlagen, das kannte ihr Mann von ihr. Dass sie einmal zum Messer greifen würde, hätte niemand gedacht. Wegen Totschlags wurde die Frau aus dem Dorf Starzach Sulzau in Baden-Württemberg nun zu sieben Jahren Haft verurteilt.


Die Familie sitzt beim Abendessen nach einem gemeinsamen Tag auf der Fasnet: Birgit F. (26) trägt noch ihr Weißnarrenkostüm der Narrenzunft Sulzau, ihr Mann Günter (46) hat die zentrale Figur der Zunft gegeben, den Teufel. Die beiden Söhne (3 und 5) sitzen mit am Tisch und die Eltern von Birgit F. Es gibt Hähnchen. Und Zoff. Wieder geht es um die schon so häufig diskutierte Frage, ob Personen ohne Häs auf dem Hexenwagen der Zunft mitfahren dürfen. Der Streit wird heftiger. Die Großeltern verlassen mit den Kindern die Küche.

Als Günter F. kurz darauf nach der Schwiegermutter schreit, eilt sie zurück in die Küche. Günter F. liegt am Boden. Sein Teufelskostüm verfärbt sich tiefrot: Er hat eine Stichverletzung in der linken Brust. Die eilends gerufenen Rettungskräfte tun ihr Möglichstes. Retten konnten sie Günter F. nicht. Er stirbt gut eine Stunde mitten in der Küche seiner Schwiegereltern.

Birgit F. hat direkt ins Herz getroffen, als sie ausholte und ihrem Mann mit der 19 Zentimeter langen Klinge einen heftigen Stich versetzte, durch den sogar ein Rippenknochen absplitterte. Wegen Totschlags hat sie das Große Schwurgericht am Landgericht Tübingen gestern zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Der Fall bildet eine Minderheit in der Kriminalstatistik ab: Die Frau als Täterin. Nach Erhebungen des Bundeskriminalamts waren 2011 nur knapp 19 Prozent der Tatverdächtigen bei „Straftaten gegen das Leben“ Frauen, in gut 81 Prozent der Fälle wurden Männer der Tat verdächtigt. Unter den Verurteilten wegen Totschlags war sogar nur jede zehnte eine Frau (2010). Auch Handgreiflichkeiten und Schläge gegen den Mann, die es in diesem Fall vor der Tat mehrfach gab, sind eher selten. Trotzdem war die Gewaltexplosion von Birgit F. nicht abzusehen.

„Innerhalb weniger Sekunden ist passiert, was vorher nicht einmal zu ahnen war“, sagt der vorsitzende Richter des Schwurgerichts. Wie aber ist es nach dem Abendessen zum tödlichen Messerstich gekommen? Die einzige, die dazu etwas sagen könnte, ist Birgit F. selbst. Vor Gericht gesteht sie die Tat, schweigt aber zu Einzelheiten. Die Eltern, die mit im Haus waren, haben von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht und trugen nicht zur Klärung bei. Etliche Zeugen wurden vernommen und zeichneten ein Bild von Birgit F. und ihrer Familie.

Als 18-Jährige hat sie Anfang 2003 Günter F. in der Feuerwehr kennengelernt. Es hat gefunkt zwischen dem blonden Mädchen, das von Zeugen als lebenslustig und kontaktfreudig beschrieben wird, und dem ruhigen Enddreißiger. Die 20 Jahre Altersunterschied waren letztlich egal. Eineinhalb Jahre später hat das Paar geheiratet, 2005 eine Scheune am elterlichen Haus von Günter F. umgebaut.

Erste Konflikte entstehen bei der Innenausstattung des Hauses. Birgit F.s Gefallen an Extravagentem schlägt dem Häuslebauer auf die Nerven. Er soll seinem Bruder damals zugeraunt haben: „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich sie nicht geheiratet.“ Es wird viel Geld ausgegeben, das bei dem Paar fortan immer knapp sein wird. Auch Birgit F. ist während des Hausbaus angespannt. Als angekündigte Handwerker nicht auftauchen, rastet sie aus und schlägt ihrem Mann einen Gegenstand auf den Daumen, berichtet Günter F.s Schwester. Dann eines Nachts der Höhepunkt: Der erwachsene Mann steht mit Tränen in den Augen und einer Platzwunde am Kopf vor der Haustür seiner Mutter. Seine Frau habe ihm einen Kerzenständer auf den Kopf geschlagen.

Birgit F. war impulsiv. Das wusste sie. Damit konnte man sie bisweilen sogar aufziehen und sticheln. Anlass für Wutausbrüche waren oft Nichtigkeiten. Nach einer Faschinsveranstaltung in Göttelfingen (Kreis Freudenstadt) im Januar 2011 hat sie mit ihrem Mann über eine Pfandmarke gestritten. Wie Narrenzunftmitglieder berichteten ist sie darüber so in Rage geraten, dass sie ihren Mann biss und kratzte, dass sie um sich schlug und über eine halbe Stunde kaum zu beruhigen war.

Günter F. wollte, dass man über diesen Vorfall in der Narrenzunft Gras wachsen lässt. Männer schämen sich oft für die Übergriffe ihrer Frauen. Sie gehen mit ihren Verletzungen nicht zum Arzt und haben Schwierigkeiten, sich jemandem anzuvertrauen. Günter F. konnte nur mit seiner Mutter darüber reden: „Sie hat mir schon so viel meiner Würde genommen, aber zurückschlagen würde ich nie“, soll er ihr einmal gesagt haben. Auch im Umfeld wurden die Attacken von Birgit F. auf ihren Mann nicht so ernst genommen. Großes Schweigen legte sich über die Vorfälle.

Sie sind ihr kaum zuzutrauen, sitzt sie doch in der Verhandlung regungslos da, den Blick auf ein Bild ihrer Kinder gebannt, das vor ihr auf dem Tisch liegt. An ihrem Arm baumelt das Kreuz eines weißen Rosenkranzes. An vier Verhandlungstagen spricht sie kein Wort. Ein psychiatrischer Sachverständiger hat im Prozess und bei persönlichen Untersuchungen keine psychische Krankheit oder seelische Störung bei der Angeklagten festgestellt.

Nach außen hin wirkte das Paar auf die Zeugen harmonisch, der Umgang war liebevoll, das wird sogar aus einem Urlaub kaum zwei Wochen vor der Tat berichtet. Die Lebensumstände des Paares hatten sich mit der Zeit gefestigt. Das gemeinsame Haus war fertig, zwei Kinder waren 2006 und 2008 zur Welt gekommen, beide Elternteile hatten einen Job, arbeiteten in der Gegenschicht, damit immer jemand für die Kinder da war. Gesehen haben sie sich unter der Woche selten.

Das Eheglück bekam 2009 nicht mehr zu kittende Risse. Birgit F. beginnt damals eine Affäre mit einem Vorgesetzten, die etwa neun Monate dauert. Im Herbst 2011 fängt sie ein neues Techtelmechtel an. Wieder ein Arbeitskollege, auch er verheirateter Familienvater, wieder Treffen im Auto. Diesmal wird es intensiver, der Trennungsgedanke steht unausgesprochen im Raum als Birgit F. versichert, es gebe sie „nur mit meinen Kindern“. Günter F. misstrauisch. Er zeigt der Mutter eine SMS, in der seine Frau schreibt: Ich weiß nicht, ob ich dich noch mag. Er antwortet: Das merk‘ ich schon lange. „Der Boden für einen Konflikt war bereitet“, sagt der Richter.

Am Tag der Tat, 15. Januar 2012, ist Günter F. als stellvertretender Vorsitzender der Narrenzunft Sulzau auf dem Zunftmeisterempfang in Horb-Mühringen, wo er zu seinem Freund sagt: „Wenn sie mittlerweile sagt, sie will gehen, dann soll sie halt gehen.“ Die Strafkammer ist überzeugt, dass Trennungsgedanken am Abend beim Streit noch einmal auf den Tisch kamen. Nur so könne sich das Gericht die Eskalation erklären.

Vielleicht hat Günter F. die Eheprobleme angesprochen, vielleicht hat er eine SMS des Geliebten in ihrem Handy gelesen, man weiß es nicht. Aber Birgit F. ist wieder ausgerastet – vielleicht das letzte Mal in ihrem Leben. Schnell nacheinander muss sie mit der Faust oder einer Schöpfkelle, die auf dem Küchenboden gefunden wurde, auf die Augen ihres Mannes eingeprügelt haben, wo später starke Blutergüsse gefunden wurden. Dann sofort der Stich. Günter F. habe sich so schnell nicht wehren können, sagt der Richter.

Das Gericht ging zwar vom Zustechen im Affekt aus, auch der Birgit F.s Alkoholpegel von 1,8 Promille zum Zeitpunkt der Tat wurde berücksichtigt – diese Fakten reichten aber nicht aus, um von einer minderschweren Tat zu sprechen. Der Richter fasst die Tragik in Worte: „Das alles wäre sicher nicht passiert, wenn das Paar nicht in der Küche und das Messer somit nicht in greifbarer Nähe gewesen wäre.“ In ihrem letzten Wort hat Birgit F. mit belegter Stimme das „Riesenunglück“ bedauert und um eine milde Strafe gebeten.

Der Staatsanwalt hatte in seinem Plädoyer ebenfalls eine Strafe von sieben Jahren gefordert. Er hat einen Vergleich vorgetragen, der die Schwere der Schuld verdeutlichen sollte: „Was wäre, wenn hier ein Mann säße, der seine Frau mehrfach geschlagen und sie schließlich im Suff aus Zorn erstochen hat, seinen Kindern die Mutter genommen hat?“ Bei einer Frau, die „verheult“ und so demütig dasitze, neige man dazu, in ihr das Hauptopfer zu sehen. Das aber ist nicht der Fall.



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