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von Tiemo Rink

29. November 2014  —  Der Tagesspiegel

In Zeiten von Immobilienboom und klammen Bezirken gibt es immer mehr Arbeit für immer weniger Denkmalschützer. Die kämpfen mal um jede Fliese, mal lassen sie Investoren überraschend viel durchgehen – warum eigentlich?

- Ausgezeichnet mit dem Deutschen Preis für Denkmalschutz 2015 -


Wenn eine Sache seit mehr als zwanzig Jahren schiefläuft, dann könnte man meinen, es käme auf ein paar Minuten mehr oder weniger nicht mehr an. Stimmt aber nicht. Wenn eine deutsche Behörde zum Außeneinsatz anrückt,dann tut sie das auf die Minute genau. Und so steht Christian Breer, Leiter der Denkmalschutzbehörde im Bezirk Treptow-Köpenick, an einem Donnerstagmorgen in Grünau an einem Bauzaun und wartet auf den richtigen Zeitpunkt. Hinter dem Zaun die ehemaligen Ausflugslokale Gesellschaftshaus und Riviera am Ufer der Dahme, nach vielen Jahren des Verfalls: durchaus Ruinencharme. Es ist kurz vor halb acht, als ein Kollege von Breer mit einem Schlüssel an ihm vorbeiläuft: schon mal aufmachen, Bauzaun zur Seite, man hat schließlich noch weitere Termine. Halt, ruft Breer, wir warten bis halb acht, vielleicht kommt der Besitzer ja noch.

Fünf Minuten später ist es halb acht. Wir warten jetzt bis viertel vor acht, akademisches Viertel, sagt dann Breer, auf dem Kopf ein weißer Bauhelm, in der Hand die zusammengerollte Akte. 15 Minuten später ist es viertel vor acht, niemand ist gekommen. Ich rufe jetzt im Büro an, sagt Breer, die im Büro schicken dann ein Fax an den Anwalt des Eigentümers. Und wenn die Eingangsbestätigung durch ist, dann bekommt Breer einen Rückruf aus dem Büro. Weil der Eigentümer seine denkmalgeschützten Häuser verfallen lässt, darf dann der Mann mit dem Schlüssel übernehmen, um dies zu verhindern. Fünf Minuten vor halb acht wäre es wohl noch Hausfriedensbruch gewesen. Jetzt ist es eine Amtshandlung. Bauzaun zur Seite, rauf aufs Gelände, hinterher die Arbeiter mit den Baugerüsten.

„Sicherungsanordnung und Ersatzvornahme“ heißt das Thema des Morgengrauens. Die Sprache der Bürokraten, passt eigentlich nicht zu einem Mann wie Breer. Ihm kann man dreihundert Jahre alte Türklinken aus dem Köpenicker Rathaus in die Hand drücken, und er erklärt dann begeistert, welche davon einst in welche Amtsstube führte. Weil er es weiß als studierter Kunsthistoriker, weil er es erkennt, keine große Sache für einen Denkmalschützer.

Breer ist seit 21 Jahren im Geschäft, aber dass er dem Eigentümer mit einem Bautrupp zu Leibe rückt, das hat er auch noch nicht so häufig gemacht. Im Waffenarsenal des Denkmalschutzes ist das hier der Revolver auf der Brust: Weil du nichts machst, machen wir jetzt was. Viel mehr Steigerungspotenzial bleibt danach nicht mehr. Vielleicht noch entsichern und abdrücken: den Besitzer enteignen. Aber Breer kann sich nicht erinnern, dass jemals in Berlin ein Besitzer wegen Verstößen gegen den Denkmalschutz enteignet wurde. Und überhaupt: Schon jetzt hat er sich ziemlich weit nach vorne gewagt. Sicherungsanordnungen und Ersatzvornahmen sind ziemlich selten in der Stadt, sagt er. Und so viele Freunde macht man sich damit auch nicht.

Kein Wunder, schließlich ist Berlin voll mit Denkmälern – und gelten Denkmalschutzbehörden in Investoren- und Eigentümerkreisen oft als Verhinderungsbehörden. Rund 8000 Positionen stehen auf der Liste beim Landesdenkmalamt, der übergeordneten Behörde. Die tatsächliche Zahl jedoch ist viel höher. So gilt beispielsweise die komplette Köpenicker Altstadt als nur eine Position, ist aber voller Denkmäler. Knapp 900 Positionen zählt das Landesdenkmalamt für Breers Bezirk, tatsächlich entspricht das rund 4500 Denkmälern. Braucht man die wirklich alle? Die ganzen Statuen, Grünanlagen, alten Ausflugslokale und natürlich auch Wohnhäuser. Berlin wächst, braucht dringend Wohnraum. An der Stelle geraten immer stärker auch denkmalgeschützte Gebäude ins Blickfeld. Wo sollen die neuen Berliner wohnen? Wieso baut man nicht einfach die unter Denkmalschutz stehenden Häuser aus? Oder lässt sie so weit verfallen, dass man sie abreißen darf, weil eine Sanierung nicht mehr zumutbar wäre – und errichtet an der Stelle Neubauten?

In den letzten Jahren ist die Nachfrage nach alten Immobilien immer weiter gestiegen. Damit steigt die Arbeitsbelastung in den Denkmalschutzbehörden. Gleichzeitig wurde dort in den vergangenen Jahren massiv Personal abgebaut, in Extremfällen um bis zu 50 Prozent, schätzen Experten. Irgendwo zwischen Pleitestadt und Investorentraum sitzen die Denkmalschützer und sollen – so die Arbeitsbeschreibung laut Gesetzestext – die Denkmäler schützen, aber auch dafür sorgen, dass sie erhalten bleiben. Das eine muss mit dem anderen nicht zwingend etwas zu tun haben. Vielleicht widerspricht es sich manchmal sogar. Denn was sich auf Dauer nicht rechnet, bleibt – wie beispielsweise die Deutschlandhalle – nur selten auf Dauer erhalten. Irgendwann rollen die Bagger. Was wird dann aus den Menschen, die in den Denkmälern wohnen? Verliert die Stadt ihr Gesicht, wie die warnen, die alles bewahren wollen, von Gaslaternen bis Tempelhofer Feld? Und überhaupt: Wie will man hier eigentlich künftig wohnen?

Zurück in Grünau, mit Breer auf dem Riviera-Gelände. Ein gelber Klinkerbau, 1890 gebaut, ein altes Hotel mit Festsälen, einst eine große Nummer für das Viertel. Nach der Wende an die Treuhand, die letzten legalen Tänze dürften knapp 25 Jahre her sein. Das bedeutet nicht, dass hier seitdem keiner mehr tanzt. Konfetti-Schnipsel unter Breers Schuhen, ein Graffiti an der Freitreppe: „Wenn wir nur einen kleinen Teil von uns ausleben können – was passiert dann mit dem Rest?“ Schwärmerische Nachtschwärmer. Hippies unter sich, illegale Partys in den Sommermonaten, die Anwohner kennen das. Die Polizei auch.

In den Katakomben unter dem Festsaal ein großes Hakenkreuz an der Wand. Angerostete Konserven, die Türen aufgebrochen. Wohnt da jemand? Kann schon sein, sagt Breer, mal lieber nicht weiter gehen. Vor gut zwei Monaten war die Behörde das erste Mal auf dem Gelände. Vorangegangen war ein Streit mit dem Investor, der mal ein Kongress-Hotel bauen wollte, mal ein Seniorenheim, und mal Wohnungen. Breer hätte durchaus mit sich reden lassen, sagt er heute, aber vor allem die alten Festsäle hätten in jedem Fall erhalten werden müssen. Stattdessen passierte nichts, nur das Gebäude verfiel immer weiter.

In der Zwischenzeit machten die Anwohner Druck, das findet Breer ganz gut, und das kann man auch gerne schreiben, sagt er. Nun hat Breers Behörde die ersten Aufträge an Handwerker erteilt, die haben angefangen, Dachrinnen zu ersetzen, ein Gutachten für die Statik des Daches wurde beauftragt, Bäume sollen gefällt werden. Die Rechnung dafür geht an den Eigentümer, sechsstellige Beträge werden in den nächsten Wochen entstehen. Der Bezirk geht in Vorleistung, bekäme das Geld dann gerne erstattet. Das ist die eine Seite: Geld. Das sie eigentlich nicht haben. Die andere Seite ist, dass Breer und seine zwei Leute in der Behörde viel zu viel Zeit in dieses Haus investieren müssen. Vor-Ort-Termine, Schlichtungstermine mit dem Eigentümer, der Papierkram, der jedes Mal neu entsteht, bevor der Bezirk überhaupt Leute auf das Gelände schicken darf. Zeit, die ihnen woanders fehlt. Längst schon sei man am Rand der Belastungsgrenze, sagt Breer. Rund 750 Vorgänge hätte seine Behörde jedes Jahr zu bearbeiten. Das entspricht schätzungsweise rund 4000 Terminen, sagt er. Für drei Leute. Die auch mal Urlaub haben, vielleicht mal krank sind, womöglich sogar auf Fortbildung. Wenn man ihn fragt, ob das überhaupt funktionieren kann, dann lacht er. Was soll er auch sagen.

Ein anderer Tag, ein anderer Schauplatz: Friedrichshain, Frankfurter Allee. Die alten Stalinbauten, geflieste Fassaden. Einstige Prachtallee, sozialistischer Klassizismus, Prestigeobjekt. Wenn bei Christian Breer in Grünau für den Laien augenscheinlich ist, dass da etwas nicht stimmen kann, dann ist die Lage in der Frankfurter Allee auf den ersten Blick besser: Die Fassaden stehen. Und glänzen. Der schöne Schein ist gewahrt. Für manche derer, die hier wohnen, ist das aber auch alles.

Vor gut drei Jahren kam ein Investor hierher und wollte eines der Gebäude sanieren, ausgehend von der Kreuzung Frankfurter Tor bis hin zur Proskauer Straße. Spitzenidee, fand der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg – und schickte seine Denkmalschutzbehörde ins Rennen. Schließlich war der Gebäuderiegel der letzte noch unsanierte Straßenabschnitt unter Denkmalschutz, einige Fliesen fehlten, andere waren beschädigt, und verdreckt waren sie fast alle. Ist doch prima, dass da jetzt mal was passieren sollte.

Zwei Menschen arbeiten in der Denkmalschutzbehörde von Friedrichshain-Kreuzberg. Der Bezirk hat knapp 1500 Häuser unter Denkmalschutz. Die gute Nachricht: In den letzten zehn Jahren wurde kein Personal abgebaut. Die schlechte Nachricht: Durch dauerhafte Erkrankung war in den letzten Jahren ohnehin immer nur eine Person da. Und die hat gut zu tun. Vor-Ort-Termine beispielsweise.

Protokolle sind aufgetaucht, die einen Eindruck davon vermitteln, was hier im Bezirk, an dem Haus in der Frankfurter Allee, passiert. Was das eigentlich bedeutet: Denkmalschutz und Haussanierung. Dass der Eigentümer hier streng genommen keine einzige Fliese anfassen darf, ohne Rücksprache mit der Behörde gehalten zu haben.

Vor gut zwei Jahren haben sie sich hier getroffen: Behörde, Bauherr und Architekt – Details klären. Wie sah das Haus ursprünglich einmal aus, wie soll es nach der Sanierung aussehen? Im Idealfall: so wie vorher. Unter einer alten Brüstung im Eingangsbereich finden sie dabei ein Stromkabel. War hier mal eine Laterne? Sie wissen es nicht, können es nicht beweisen. Könnten sie es, dann müsste die Laterne hier wieder hin. Außerdem müssen die Eigentümer Musterfliesen vorlegen. Verschiedene Modelle. Die vorgelegten sind „etwas zu glänzend“, steht in den Protokollen. Wie sieht’s aus mit der Oberfläche der Fliesen? Zu glatt? Zu dellig? Was ist mit der Glasur? Und welcher Farbton? Für die beige gefärbten Originale legt der Eigentümer vier Musterfarben vor. Für die grün gefärbten Fliesen bietet er sieben unterschiedliche Farbtöne. Daraus trifft die Behörde eine Auswahl, verlangt aber hier einen „größeren Grauanteil“, dort einen „leichten Grünstich“. Und überhaupt sei man an der Stelle noch lange nicht fertig, denn die vorgelegten Musterfliesen sind – es nützt ja alles nichts – „noch nicht mit rückseitigen Schwalbenschwänzen versehen“. Die aber sollen es sein, die haften besser auf dem Untergrund, also braucht es einen Folgetermin.

Und so treffen sie sich drei Wochen später wieder. In der Zwischenzeit hat der Eigentümer ein paar der noch vorhandenen Fliesen putzen lassen. Ergebnis: „Es ist eine deutliche Reinigungswirkung zu erkennen.“ Aber was wird dann aus der Fliesen-Oberfläche? Die Denkmalschutzbehörde will es genauer wissen, will „eine gereinigte Fläche aus der Nähe betrachten“, es könnte ja sein, dass beim Putzen etwas kaputtgegangen ist. Und so geht es immer weiter, wird immer detaillierter, immer penibler. Und das alles, wie gesagt, bei einer Behörde, in der noch eine einzige Person arbeitet. In einem Bezirk, in dem jedes Jahr von 1500 denkmalgeschützten Häusern knapp jedes zehnte umgebaut wird. Kann man ernsthaft erwarten, dass unter solchen Umständen jedes Detail berücksichtigt wird?

Nun dürfte es durchaus die Ausnahme sein, dass ein Investor ein Haus sanieren will, weil er schon immer von Vor-Ort-Terminen mit der Denkmalschutzbehörde träumte. Im Normalfall werden Häuser gekauft und saniert, weil die Eigentümer sich davon Profit versprechen. Und so ist auch in der Frankfurter Allee eine Sache passiert, die der Fußgänger von der Straße aus gar nicht sehen kann, gar nicht sehen soll, wie manche meinen: Das Dach wird ausgebaut. Penthäuser entstehen, Eigentum zu verkaufen. Die gab es vorher nicht, sagen die, die hier wohnen. Wie kann das sein? Wie passt das mit dem Denkmalschutz zusammen? Warum macht man ein Riesen-Bohei um die richtigen Farbtöne der Fliesen und erlaubt gleichzeitig, das Dach auszubauen? Es gab Zeiten, sagen sie, da haben sie auf dem Dach ihre Wäsche getrocknet, hier zusammengesessen und sich an der schönen Aussicht erfreut. Die jetzt privatisiert wird. Wenn das der Walter Ulbricht wüsste.

Denkmalschutz ist ein Geben und Nehmen, sagen dann die anderen. Was ist gewonnen, wenn ein Haus denkmalgeschützt verfällt, weil niemand kommt und investieren will? Wem nützen Ruinen? Ist es da nicht besser, wenn in der Frankfurter Allee wenigstens die Fassade gewahrt bleibt und zusätzlich noch eine neue Wohnung entsteht? Für die in den unteren Geschossen ist es nicht besser. Denn beim Dachausbau scheinen Fehler zu passieren. Wassereinbrüche, Putz fällt von der Decke, dazu der ständige Baulärm. Und auch die denkmalgerechte Sanierung der Fassade scheint nicht so gelaufen zu sein wie erwünscht. Risse in den Fensterstürzen, immer noch: kaputte Fliesen, dazu stinkende Bäder und Toiletten, weil die Hauslüftung jetzt zum Teil der Dach-Baustelle geworden ist.

Irgendwann fangen die da unten an zu schimpfen. Achim Bahr zum Beispiel, kein Mieter, sondern Eigentümer von zwei Wohnungen und Sprecher der Eigentümergemeinschaft. Nützt ihm aber auch nichts. Ein Mann mit vielen „Wie-kann-das-sein“-Sätzen, in denen die Wörter „kriminell“, „verbrecherisch“ und „korrupt“ eine große Rolle spielen. Auch Bahr kaufte seine Wohnungen von dem Investor, der nun wiederum mit dem Dachausbau beschäftigt ist. Juristisch gesehen streiten hier also Eigentümer untereinander. Das Problem müsst ihr zivilrechtlich lösen, sagt der Bezirk, Eigentümer gegen Eigentümer. Wieso zivilrechtlich, fragt dann Bahr, wenn hier doch an einem denkmalgeschützten Haus rumgebastelt wird, dabei angeblich der Denkmalschutz konsequent unterlaufen wird. Müsste das nicht dann viel eher behördlich verfolgt werden?

Und Bahr fragt: Was ist ein denkmalrechtlicher Bescheid eigentlich wert, der eine Sanierung der Treppenhäuser beinhaltet, wenn dann statt der denkmalgeschützten Kronleuchter irgendwelche Lampen „vom Trödelmarkt“ in den Hausflur geschraubt werden? Wieso lässt man sie nicht in die Bauunterlagen schauen? Und warum ist fast nie jemand von der Denkmalschutzbehörde für ihn zu sprechen? Bahr rennt ständig gegen Wände. Irgendwann wird er richtig sauer.

Richtig sauer scheint man in Köpenick nicht mehr zu werden. Wer was von Denkmalschutz versteht, bevorzugt hier mitunter den Sarkasmus. Ein Freitagabend im Rathaus, es tagt der Denkmalbeirat. Ein Gremium von Sachverständigen, die den Bezirk beraten sollen. Helmut Engel sitzt darin, er war mal Landeskonservator in der obersten Denkmalschutzbehörde, höher geht es in Berlin nicht. Und wenn man annimmt, dass der Höchste auch der Kompetenteste ist, dann ist Engel das Maß aller Dinge. Ehrenämtler mit Sachverstand – so kann mitunter die Hölle eines Bezirksamtes aussehen: Man bekommt Druck. Manchmal scheint Engel sich einen kleinen Spaß zu erlauben. Dann wird er grundsätzlich. Dann stellt er Fragen an den Bezirk. An Christian Breer, der hier natürlich auch sitzt. Haben Sie eigentlich ein Gutachten für das Denkmal, fragen die kompetenten Ehrenämtler dann manchmal. Oder wenigstens ein Konzept für die Sanierung? All die Dinge, die der Bezirk eigentlich haben müsste, bevor hier an irgendwelchen Denkmälern drauflosgebaut wird. Haben Sie Geld, fragen die Ehrenämtler natürlich nicht, sie sind ja nicht bescheuert. Hätte die Behörde Geld, sie hätte vielleicht sogar ein Konzept. Stattdessen sitzt hier an einem Freitagabend ein gutes Dutzend hochkompetenter Leute zu Beratungen an einem Tisch, auf dem nicht einmal ein paar Flaschen Wasser stehen.

Das ist die Lage des Denkmalschutzes und seiner Ehrenämtler: Sie haben fast nichts, außer Sachverstand und einer Menge Euphorie. Und natürlich eine Vorstellung davon, was die Stadt ausmacht, denkmalschutztechnisch gesehen. Das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium in Spindlersfeld zum Beispiel, Bauhausstil, denkmalgeschützt. Ein „Juwel“, wie Helmut Engel jetzt sagt, ganz ohne Sarkasmus. Eine Schule mit einer gefliesten Fassade, irgendwann fielen die Fliesen runter, dann kam der Rauputz. Der soll nun wieder weg, die Fliesen wieder dran. Mit dem Gebäude könne der Bezirk werben, sagt Engel, „nationale Bedeutung“ habe die Schule. Mit anderen Worten: Gibt’s sonst fast nirgends. Ein Fall für die Reiseführer?

So müsste er wohl aussehen, der Berliner Denkmalschutz in einer idealen Welt: Alles, was wichtig ist, wird geschützt, erhalten, hergezeigt. Berlin, der alte Gernegroß. Vollgepumpt mit Bedeutung. Und wenn dann der zehnte Jahrgang irgendeiner niedersächsischen Gesamtschule nach einer Woche Berlin-Klassenfahrt zurück in die Heimat reist, und die Eltern fragen, was so erlebt und besichtigt wurde, dann erzählen die Kinder vom Brandenburger Tor, den Kreuzberger Kneipen und dem Humboldt-Gymnasium in Spindlersfeld.

Die Realität ist durchaus profaner. Kein Geld. Zwei Wörter nur, und das Thema ist durch. Zumindest bis jetzt. Zumal sich nebenbei schon ein Verein gegründet hat, der die Schule wieder herrichten will. Nächster Punkt auf der Tagesordnung im Denkmalbeirat nach rund drei Stunden Sitzungsdauer: die bekannte Geschichte, wie die Behörde ein Ausflugslokal gegen den Willen des Besitzers vor dem Verfall bewahrt. Was aber gleichzeitig bedeutet, dass sie noch weniger Zeit hat, die anderen Ecken ihres Viertels zu bearbeiten. Die Denkmalschützer kommen einfach nicht mehr hinterher.

Und das, obwohl schon vieles verbessert wurde. Man könnte auch sagen: Vereinfacht und dadurch am Ende verkürzt. Zum Beispiel in der Zusammenarbeit von bezirklichen Denkmalschutzbehörden mit dem übergeordneten Landesdenkmalamt. Grundsätzlich sollen Bezirke und Landesdenkmalamt bei Arbeiten an Denkmälern einvernehmlich entscheiden, so verlangt es das Gesetz. Das klingt nach Arbeit, Abstimmung, ständigem Austausch. Aber so ist es nicht. Stattdessen gilt eine Entscheidung zwischen Bezirk und Landesdenkmalamt bereits dann als einvernehmlich, wenn das Landesamt binnen eines Monats keine Stellungnahme abgibt. Wer schweigt, stimmt zu – dafür braucht es keinen großen Personalstamm. Was sich recht gut mit der Tatsache vereinbaren lässt, dass für viel Personal ohnehin kein Geld da wäre. Aber es gibt Fälle, in denen das Landesdenkmalamt nicht schweigen kann und die Abstimmung mit dem Bezirk ausdrücklich schriftlich stattfinden muss. Und dann gibt es Fälle, in denen nicht einmal das zu funktionieren scheint.

Zum Beispiel in Reinickendorf, in der Steinbergsiedlung, denkmalgeschützt. Knapp 40 Reihenhäuser, dazu drei Mehrfamilienhäuser. Ein Dorf in der Stadt, hinter den kleinen Häusern die Gärten, ursprünglich gedacht zur Selbstversorgung der Menschen, die hier wohnen. Um 1920 gebaut, Zwischenkriegszeit, keine schlechte Idee, wenn dann ein paar Kartoffeln im eigenen Garten wachsen. Das ist die Ausgangslage, dann passiert Jahrzehnte nichts, Sanierungsstau, hier wird immer noch mit Kohle geheizt. Dann kommt vor ein paar Jahren ein Investor, kauft die Siedlung, will sanieren: Ein Musterhaus entsteht. Mit einer aufgestemmten und verglasten Hinterseite, einem Wintergarten und einem angehobenen Hausdach. Nach den Plänen des neuen Eigentümers soll in den Garten ein Swimmingpool, für den einige der Bäume weichen müssten. Die Steinbergsiedlung wird zu „Stonehill Gardens“. Alles denkmalgerecht, sagt der Bezirk. Natürlich sprengen die Arbeiten den Budgetrahmen der hier Lebenden: Mietsteigerung um bis zu 400 Prozent, auch, weil die Wohnfläche vergrößert wird. 400 Prozent dürften aber selbst für die Berliner Entwicklung der letzten Jahre ein Spitzenwert sein.

Am Anfang dieser Entwicklung aber stehen Bauanträge, Absprachen, Termine. An der Stelle kommt das Landesdenkmalamt ins Spiel: Wer in den Erhalt von Denkmälern investiert, wird dafür steuerlich belohnt. Den Antrag dazu bearbeitet nicht der Bezirk, sondern das Landesdenkmalamt. Auf der Basis einer Bauplanung entscheidet es, welche Baumaßnahmen steuerlich begünstigt werden. Über die Frage hingegen, ob die geplanten Bauarbeiten überhaupt genehmigungsfähig seien, entscheidet die Denkmalschutzbehörde im Bezirk. Aber eben im Einvernehmen mit dem Landesdenkmalamt. Bei der Sanierung der Fassade beispielsweise suchte der Reinickendorfer Sachbearbeiter die Abstimmung mit dem Landesamt. Und hier scheint es Probleme gegeben zu haben. Fassadendämmungen haben unter Denkmalschützern nicht den besten Ruf: Häuser in Styropor einzupacken gilt vielen als deutliche Veränderung des Denkmals.

In einer BVV-Sitzung im Herbst erklärt Reinickendorfs Baustadtrat Martin Lambert (CDU), dass die Gespräche zur Sanierung „von Beginn an in Zusammenarbeit und im Einvernehmen zwischen Eigentümer, Bezirk und Landesdenkmalamt“ stattgefunden hätten. Daran jedoch bestehen Zweifel. Tatsächlich stellte der Eigentümer vor rund vier Jahren einen Antrag beim Landesdenkmalamt zur steuerlichen Begünstigung seiner geplanten Baumaßnahmen im Musterhaus. Der Antrag des Eigentümers umfasst insgesamt 85 Posten, darunter auch die Dämmung der Fassade. Das Landesdenkmalamt jedoch lehnte die Dämmung der Fassade ab, neben einigen weiteren Punkten.

Daraufhin legt der Eigentümer Widerspruch ein und trifft einige Wochen später Mitarbeiter des Landesdenkmalamtes zu einem Gespräch. Während dieses Gespräches akzeptiert das Landesdenkmalamt weitere Positionen als steuerlich absetzbar. Die Dämmung der Fassade jedoch bleibt davon ausgeschlossen, der Eigentümer zieht seinen Widerspruch zurück. Man habe über „steuerbegünstigt anzuerkennende Maßnahmen“ entschieden, sagt der Justiziar des Landesdenkmalamtes heute. Und nicht über die Frage, ob die Dämmung der Fassade überhaupt denkmalrechtlich zu genehmigen wäre.

Der Eigentümer indes will die Fassade weiterhin dämmen und braucht dafür weiterhin die denkmalrechtliche Genehmigung. Wochen später geht ein diesbezüglicher Antrag in der Reinickendorfer Denkmalschutzbehörde ein. Am grundsätzlichen Problem hat sich in der Zwischenzeit nichts geändert: Ohne Zustimmung vom Landesdenkmalamt ist es Essig mit der Fassadendämmung, und diese Zustimmung muss schriftlich erfolgen. Es bräuchte also einen Briefwechsel, amtliche Dokumente, Aktenzeichen. Erstaunlicherweise gibt es nichts dieser Art im Landesdenkmalamt. Und noch erstaunlicher: Auch ohne diese Dokumente ist die Fassade mittlerweile gedämmt.

Die dafür erforderliche Zustimmung will der Reinickendorfer Sachbearbeiter in einem Telefonat mit seinem Kollegen im Landesdenkmalamt eingeholt haben. Nicht schriftlich, sondern mündlich. In Reinickendorf gibt es eine Notiz des Telefonates. Im Landesdenkmalamt gibt es nichts. Anders gesagt: In der übergeordneten Behörde gibt es keinen Nachweis darüber, dass ein Telefonat überhaupt stattgefunden hat, in dem die übergeordnete Behörde einen beachtlichen Meinungsumschwung vollzogen haben soll: Bisher: Nein zur Dämmung. Jetzt: Ja zur Dämmung.

Irritiationen erzeugt auch die handschriftliche Notiz, die der Reinickendorfer Sachbearbeiter seinem Kollegen im Landesdenkmalamt am Tag nach dessen behaupteter Zustimmung geschickt haben will. Auf einem handbeschriebenen DIN-A5-Zettel bittet der Reinickendorfer darum, dass sein Kollege ihm die „Mitzeichnung für das Bauvorhaben“ schicken möge. Eben diese Mitzeichnung, die es nach heutiger Auskunft des Landesdenkmalamtes gar nicht gibt. Einen Eingangsstempel der Postzentrale im Landesdenkmalamt gibt es auf diesem Zettel auch nicht. Und das, obwohl eingehende Dokumente nach Auskunft des Hausjustiziars normalerweise abgestempelt werden.

Legt das Landesdenkmalamt nun Protest gegen das Vorgehen der Behörde in Reinickendorf ein? Gibt es den Fall weiter an die Oberste Denkmalschutzbehörde, die zuständig ist, wenn sich Landesdenkmalamt und Untere Denkmalschutzbehörde nicht einigen können? Nichts dergleichen geschieht. Man gehe davon aus, sagt der Justiziar im Landesdenkmalamt, dass der Sachbearbeiter, mittlerweile im Ruhestand, telefonisch zugestimmt habe. Obwohl es keine schriftliche Abstimmung gibt, wie vorgeschrieben. Obwohl die wenigen in dieser Zeit überhaupt entstandenen Dokumente belegen, dass das Landesdenkmalamt einer Fassadendämmung kritisch gegenüberstand.

Nun ist es aber so: Das Landesdenkmalamt hat in den letzten zehn Jahren knapp 30 Prozent seines Personals verloren. Wie viele Menschen in der Behörde in Reinickendorf als Vollzeitkräfte für den Denkmalschutz arbeiten, will Baustadtrat Martin Lambert nicht sagen. Auf der Internetseite der Behörde ist indes zu lesen, dass von vier Stellen für den Bereich Denkmalpflege derzeit zwei nicht besetzt sind.

Wo verläuft die Grenze zwischen Pragmatismus und Ignoranz? Ist es denkbar, dass aus Personalnot mitunter strittige Fragen einfach durchgewunken werden, weil eh keiner die Zeit hat, sich wie vorgeschrieben mit ihnen zu befassen? In der Obersten Denkmalschutzbehörde hat man schon abgewunken: Kein Dissensfall in Reinickendorf, sagt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Thema durch. Die Verwaltung als Miss-Wahl-Klischee: Bei komplizierten Fragen könnte es etwas schwierig werden. Aber dafür ist sie schön schlank.

Und die Personalnot ist dabei nicht das einzige Problem. So kritisiert Wolfgang Illert, Vorstandsmitglied der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, den Ressortzuschnitt in den Ämtern: „Denkmalschutz gehört in die Kulturverwaltung, nicht in die Bauverwaltung.“ Architektur sei – anders als Theater, Museen oder Opernhäuser – der einzige kulturelle Bereich, dem sich niemand entziehen könne. „Denkmäler setzen den Maßstab, mit dem wir uns in der Geschichte verorten können“, sagt Illert. Viel höher kann man Ansprüche an die Verwaltung kaum formulieren. Stattdessen aber wirft auch die Ausbildung einiger Sachbearbeiter Fragen auf. Hinter vorgehaltener Hand schimpfen Berliner Denkmalschützer über gelernte EDV-Fachkräfte und Erzieher, die im Rahmen des Stellenpools der Berliner Verwaltung in die Denkmalschutzbehörden versetzt werden – und natürlich nichts vom Thema verstehen. Nicht verstehen können.

Von derlei Kritik dürfte sich Christian Breer nicht angesprochen fühlen. Zurück in Köpenick, ein letztes Mal in seinem Bezirk. Läuft ja nicht alles schief bei ihm, das will er jetzt auch mal zeigen. Ein Rundgang durch die Altstadt, beim Landesdenkmalamt: eine Position. Tatsächlich: ein Ensemble vollgestopft mit denkmalgeschützten Häusern. Und vollgestopft mit Arbeit.

Wenn die Denkmalschützer beispielsweise an einem Haus, das heute eine Sushi-Bude und einen Blumenladen beinhaltet, die alten Holzpfeiler untersuchen. Und dann feststellen, dass dieses Haus im Jahr 1616 gebaut wurde. Weil sie, erklärt Breer, eine Probe aus dem Holz bohren und dann die Jahresringe untersuchen lassen. Und abhängig von der Dicke ableiten können, ob es ein kalter Winter war, ein langer Sommer oder ein später Frühling oder was auch immer. Und weil es Datensätze gibt, die dabei durchaus auch das Unterscheiden verschiedener Regionen möglich machen, können sie problemlos Hunderte von Jahren zurückschauen. Hier zeigt sich, mit wie viel Liebe – und Detailverliebtheit – die Denkmalschützer mancherorts arbeiten. Und was diese Leute draufhaben müssen, um ihren Job richtig machen zu können.

Und natürlich gibt es auch in der Altstadt die Neubauten, irgendwo zwischen „Brinkis Brutzelbude“, dem Hauptmann von Köpenick und den alten Industriegebäuden an der Spree. Sinnlos steht ein Schornstein im Garten eines Hauses, das einmal industriell genutzt wurde. Sinnlos? Nein, natürlich nicht, findet Breer. Vielleicht nutzlos, aber genau darum geht es einem wie ihm doch: um den Sinn jenseits des Nutzens und die unterschiedlichen Wege, beides zusammenzubringen.

Er ist da ganz offen in dieser Beziehung: Natürlich kostet der Erhalt eines Schornsteins zusätzliches Geld, das kaum ein Eigentümer gerne zahlen will. Dann kommt Breer ihm halt entgegen, erlaubt den Anbau von Balkonen und den zusätzlichen Bau eines Neubauwürfels, dessen einst weißer Putz mittlerweile algengrün schimmert. Ist ja alles eine Abwägungssache. Breer sieht das pragmatisch: Ich den Schornstein, du den Balkon und den Neubau. Kuhhandel würde er das niemals nennen. „Wir machen keine Deals“, sagt der Mann, der natürlich Deals macht. Weil der Erhalt eines denkmalgeschützten Hauses nur zumutbar ist, wenn es auch wirtschaftlich nutzbar ist. Denkmalschützer sein bedeutet, die Dinge vom Anfang her zu denken. Und vom Ende her zu rechnen.

Und wer weiß: Vielleicht kommt ja eines Tages, im Jahr 2114 vielleicht, ein neuer Investor nach Köpenick und will ein paar Häuser sanieren. Und trifft dann auf den Denkmalschützer im Köpenicker Rathaus, der ihm umgehend in den Arm fällt. Ob er denn wahnsinnig sei, hier einfach Bauanträge zu stellen. Ob er nicht sehe: der ganze Hauswürfel eingepackt in Styropor, die Fassaden tiefgrün von den Algen. Die meisten Fenster ohne Griffe, aber dafür bis zum Boden, und in jeder Etage ein kleiner Balkon. Ein klarer Fall von Denkmalschutz, würde dann der Denkmalschützer sagen, ein Haus aus der Epoche von Euroangst und Niedrigzins, da wird nicht einfach drauflossaniert.

Sagen Sie mal, Herr Breer, könnte das so kommen? Kann schon sein, sagt er, ist dann aber nicht mehr sein Thema. Christian Breer geht, nach 21 Jahren. Gestern war sein letzter Tag im Bezirk, Montag geht es für ihn in der Obersten Denkmalschutzbehörde weiter. Seine Stelle in Treptow-Köpenick wird regulär neu besetzt, sagt die Bezirksverwaltung. Wann, sagt sie nicht.



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