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Früher sangen sie für eine bessere Welt, heute für ein besseres Ich. Foto: Fabian Widmann; Text: Dominik Drutschmann  — Link
Penibel. Pedantisch. Paranoid?

von Lisa Rokahr

29. November 2012  —  Stern 48/2012

Offiziell ist Gustl Mollath ein Patient. Er bezeichnet sich als Gefangenen. Der Weg zu ihm führt durch meterhohe Gittertore, Metalldetektoren, einen unterirdischen Tunnelgang mit Überwachungskameras, Sicherheitstüren. Bis zur Station FP 4, Forensische Psychiatrie Bayreuth. Vor den Fenstern Sicherheitsglas, Türen abgeschlossen, Stacheldraht über der meterhohen Hofmauer. Seit fast sieben Jahren sitzt er in der Psychiatrie. Gegen seinen Willen.

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Die Geschichte von Gustl Mollath zeigt, wie nah Widerborstigkeit und Wahn beieinanderliegen können. Und wie schnell ein Mensch in einer kafkaesken Verstrickung die Kontrolle über sein Leben verlieren kann. Ein Mann, der Unrecht witterte, Schwarzgeld in der Schweiz, der dagegen anging und offenbar mundtot gemacht wurde. Der sich wehrte, für geistig gestört erklärt und von bayerischen Gerichten in die Psychiatrie eingewiesen wurde. Jetzt, da sich herausstellt, dass vieles stimmt von dem, was Gustl Mollath immer behauptet hat, steht Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) unter Druck: „Es wird eng für die Ministerin“, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“.

Diese Geschichte nahm ihre dramatische Wendung an einem Donnerstag im September 2003, Amtsgericht Nürnberg. Gustl Mollath stand vor Gericht, soll seine Ehefrau geschlagen, gebissen, gewürgt haben. Es sollte über Schuld verhandelt werden, doch plötzlich ging es um Schuldunfähigkeit. Seine Frau Petra legte ein Fax vor, in dem die Psychiaterin Dr. K., Fachärztin aus Erlangen, schrieb, der Angeklagte leide „mit großer Wahrscheinlichkeit“ an einer „ernstzunehmenden psychiatrischen Erkrankung“. Mit Gustl Mollath hatte diese Ärztin nie gesprochen, sie hatte ihn nie gesehen. „Als meine Frau dieses Schreiben ins Spiel brachte, wusste ich, hier geht es um mehr. Hier geht es um meine Zukunft“, sagt er heute.

Seine Vergangenheit besteht aus zahllosen Dokumenten, Kopien, Notizzetteln. Mollath schreibt alles auf, winzig klein. Früher notierte er die Geschäfte seiner Frau, hielt fest, wie sie Bargeld in die Schweiz transportiert, schrieb von Verflechtungen der Nürnberger Hypovereinsbank, sammelte Beweise. Noch heute bringt er alles, was er erfährt, zu Papier. Sogar sein Essens-Coupon, Vollkost, 1 Portion, Tagessuppe, ist eng beschrieben. Mollath ist 56 Jahre alt, ein ordentlicher Mensch, der Oberlippenbart akkurat gestutzt, Scheitel gekämmt. Penibel. Pedantisch. Paranoid?

Die Verhandlung am Amtsgericht in Nürnberg an diesem Donnerstag 2003 dauerte nur 50 Minuten. Aber der kurze Prozess markierte die entscheidende Wende im Fall Mollath. Er kam allein, ohne Anwalt. Zu seiner Verteidigung übergab er einen Schnellhefter, ein Konvolut mit 106 Seiten. „Meine Verteidigung in der Strafsache mit der Geschäftsnummer 41 Ds 802 Js 4743/03 und 41 CS 802 Js 4726/03“ stand darüber. Die Akte beginnt mit einer langatmigen Biografie: Mollath erzählt vom „Bomber“-Haarschnitt zur Kommunion und dem Krebstod der Mutter. Dazwischen streut er Daten des Weltgeschehens ein, die ihn besonders bewegt hätten: „Biafra Krieg ist beendet, aber Hungerskatastrophe hält an. Es stirbt die hälfte aller Kinder!“ Der Schnellhefter wirkt wie ein einziges Tremolo, keine Zeit, auf Rechtschreibfehler zu achten, Riesenlettern, unvollständige Sätze. Wer Mollaths Kernbotschaft finden will, braucht Geduld. Erst im zweiten Teil geht er auf sein Hauptthema ein: die Aktivitäten seiner Frau in der Schweiz. Er schreibt von Steuerhinterziehung „im großen Stil“. Er habe seine Frau geliebt, aber sie mache Dinge, „die ich nicht tolerieren kann“. Das Gericht nahm den Schnellhefter in Empfang. Keine weiteren Nachfragen.

Die Ehefrau legte das Fax der Psychiaterin vor und sagte: „Ich glaube, dass mein Mann unter Bewusstseinsstörungen leidet.“ Das Gericht ordnete an, den Geisteszustand von Gustl Mollath zu überprüfen, und verwies den Fall an das Landgericht.

Schon als Mollath seine Petra heiratete, arbeitete sie bei der Hypovereinsbank. Sie war Vermögensberaterin, er tunte Sportwagen. Schnelle Autos, ein Hobby auch von ihr. „Die ganze Welt hatte uns beneidet, weil sie glaubten, wir wären das Ausnahmepaar, das immer zusammenhält“, bedauert Mollath. Zusammen bestritt das Ehepaar ein Autorennen in Italien, in ihrem Ferrari, Gustl am Steuer, Petra als Copilotin. Im Alltag war es andersherum. „Petra hat immer gemacht, was sie wollte“, sagt Mollath. In den 90er Jahren habe sie begonnen, sich parallel zur Hypovereinsbank einen eigenen Kundenkreis aufzubauen, ohne Wissen der Bank. „Es wurde heikel, ich bekam Angst, dass alles auffliegt.“ Er schrieb ihr Briefe, forderte sie auf, die illegalen Geschäfte zu beenden. Doch die Provision sei größer gewesen als seine Angst. „Sie kassierte, wenn sie einen Kunden von der Schweizer Hypo-Tochter AKB Bank zur Konkurrenz-Bank Leu brachte.“ Mehrere Hunderttausend Euro unbekannter Einzahlungen fanden die Prüfer der Hypovereinsbank später auf Petra Mollaths Konto.

Sie will sich bis heute nicht zu den Vorwürfen äußern. „Am Ende fuhr sie jeden Freitag in die Schweiz, brachte Bargeld dorthin oder hob etwas für ihre Kunden ab.“ Gustl Mollath konnte nicht schlafen, wachte schweißgebadet auf. Er warnte sie: „Das ist zu riskant!“ Alles könne auffliegen. „Aber sie hat nur gelacht, sagte, mich erwischt niemand.“ Sie verschickte Nachrichten über sein Faxgerät, die Schweizer Banken antworteten, meterlang quoll das Papier aus dem Gerät: „Bitte überweisen Sie von Konto Laim 1112 DM 40 000,– auf Konto Seligstadt 2986.“ Allein an einem Mittwoch im Dezember 2001 waren es Transaktionen im Wert von 115000 Mark. Die Geschäfte waren kein Geheimnis zwischen dem Ehepaar, seine Frau lagerte Berge von Unterlagen im gemeinsamen Haus. Selbst als sie sich von ihm trennte und auszog, ließ sie Unterlagen im Haus.

Gustl Mollath wies sogar ihre Vorgesetzten auf die Tätigkeiten seiner Frau hin. Die Hypovereinsbank nahm seine Hinweise ernst und führte eine interne Prüfung durch. Am 15. Januar 2003 begann die Untersuchung gegen Petra Mollath. Es war der Tag, an dem sie der Polizei schilderte, wie ihr Mann sie eingesperrt, geschlagen, gebissen und gewürgt haben soll. Gut drei Jahre später, im August 2006, verhandelte das Landgericht über diese Körperverletzung. Die Allgemeinärztin Madeleine R. hatte die Verletzungen in einem Attest protokolliert. Darin beschrieb sie Würgemale am Hals, Blutergüsse an Oberarmen und Oberschenkel und eine Bisswunde am rechten Ellenbogen „mit Abdruck von Unter- und Oberkiefer“. Allerdings: Das Attest datierte auf zehn Monate nach der Verletzung. Fotos von der Tat gab es nicht. Madeleine R. ist heute in den Siebzigern, sie versorgt noch einige Privatpatienten. An den Fall erinnert sie sich „überhaupt nicht“, den Namen Mollath lässt sie sich buchstabieren. Sicher aber ist sie, dass sie in dieser Sache nie als Zeugin vor Gericht geladen worden sei, „daran würde ich mich erinnern“.

Der Richter habe insgesamt wenig nachgehakt, erinnert sich Karl-Heinz Westenrieder. Er saß der Verhandlung als Schöffe bei. „Richter Brixner war ein Mann, der seine Fälle schnell vom Tisch haben wollte“, sagt er heute. Auch das Thema Schwarzgeld habe der Richter nicht thematisiert, obwohl Gustl Mollath immer wieder davon anfing. Der Richter sei genervt gewesen, wurde laut, schrie Mollath an, wenn er noch einmal etwas von Steuerhinterziehung sage, würde er ihn des Saales verweisen. Am Ende verwies er ihn dauerhaft in die Psychiatrie.

Die Glaubwürdigkeit von Petra Mollath stellte das Gericht nicht infrage, obwohl sie wegen der Enthüllungen ihres Mannes durchaus ein Motiv für falsche Behauptungen gehabt haben könnte. Edward Braun, ein gemeinsamer Freund des Ehepaars, erinnert sich an einen Anruf, in dem Petra ihn bat, zwischen Gustl und ihr zu vermitteln. „Sie klang wütend“, sagt er. „Sie erklärte mir wörtlich: ‚Wenn Gustl meine Bank und mich anzeigt, mache ich ihn fertig!‘“

Niemand kommt wegen Körperverletzung in die Psychiatrie.

Die Gewalt gegen seine Frau war nicht der einzige Grund, weshalb Gustl Mollath vor das Landgericht kam. Er sollte auch Reifen von mehreren Autos zerstochen haben. Alle Geschädigten standen in Verbindung zu Petra Mollath, für das Gericht offenbar ein Anzeichen, dass Gustl Mollath die Tat begangen habe. Ein Video, das als Beweis geführt wurde, zeigt, wie ein Mann die Reifen eines Autos zersticht. Petra Mollath sagte aus, sie halte es für möglich, dass ihr Mann der Täter sei. „Es gibt keinen Grund, dieses Urteil anzuzweifeln“, sagt Richter Otto Brixner heute. „Es war damals richtig, und es ist heute richtig.“

Niemand kommt wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung in die Psychiatrie.

Schon das Amtsgericht Nürnberg hatte ein psychiatrisches Gutachten angefordert, um festzustellen, ob Mollath schuldfähig sei. Fortan ging es weniger um den Tatvorwurf – um die Frage, ob Mollath seine Frau misshandelt hatte –, sondern um seinen Geisteszustand. Mollath, der sich keinesfalls als verrückt ansieht, verweigerte jede Untersuchung. Anfang 2005 wurde er von der Polizei ins Bezirkskrankenhaus Bayreuth eingeliefert, stationäre Beobachtung unter dem Gutachter Klaus Leipziger. Der verfasste 31 Seiten über den Probanden. Mollath schwieg. Der Psychiater kam dennoch zur Diagnose: Der Patient habe ein „paranoides Gedankensystem“ entwickelt, vor allem beim Thema Schwarzgeldverschiebung. Sein Wahn spitze sich schon seit Jahren zu, er fühle sich von immer mehr Personen benachteiligt oder bedroht, nicht ausgeschlossen, dass er aggressiv werde. Welche Belege er für die schwere Gestörtheit und Gefährlichkeit hatte, dazu möchte sich Leipziger gegenüber dem stern nicht äußern.

Mehr als ein halbes Dutzend Gutachter beschäftigten sich in den Folgejahren mit Gustl Mollath. Sie erstellten ihre Diagnose meist nach Aktenlage, denn Mollath verweigerte weiterhin jedes Gespräch. 2011 gestattete er schließlich dem Ulmer Psychiater Friedemann Pfäfflin eine Untersuchung. Der befand, der Wahn beziehe sich nicht vorrangig auf die Steuergeschichten, die könnten durchaus wahr sein. Doch sehe sich Mollath reihum von Ärzten und Anwälten verfolgt.

Kämpft Mollath pedantisch um sein Recht oder erklärt er wahllos jeden zum Feind? Die Grenze verläuft zwischen dem möglichen Wahn eines Kranken und der Willensstärke eine Mannes.

Mollath ist äußerst misstrauisch, er spricht mit keinem Arzt, er widersetzt sich jeder Therapie, er sieht sich als Geisel von Justiz und Medizin. Doch weil er nicht kooperiert, betrachten ihn die Ärzte weiterhin als gefährlich. Keine Einsicht, keine Behandlung, keine Besserung, keine Freilassung. Die Sache dreht sich im Kreis. Das Einzige, was er wolle, sei eine Wiederaufnahme seines Verfahrens, um seine Unschuld zu belegen, betont Mollath. „Ich weiß, dass es nicht sehr glaubwürdig klingt, was ich behaupte“, gibt er zu. „Aber ich kann meine Behauptungen beweisen, vieles steht in meiner Verteidigungsschrift.“

Dieses Schriftstück nennt Justizministerin Beate Merk ein „abstruses Sammelsurium“, daraus hätte sich für die Staatsanwaltschaft kein Anfangsverdacht ergeben. Auch nicht aus den angehefteten Kontoauszügen, den Namen der Beteiligten und den Bezeichnungen der Schweizer Konten. „Bloße Vermutungen genügen nicht, um jemandem eine Tat zur Last zu legen.“ Als Mollath mit diesem Satz konfrontiert wird, lacht er kurz auf.

Für die Hypovereinsbank ist der Fall klar: Schon im Jahr 2000 hatte man beobachtet,dass innerhalb von zwölf Monaten Depots einer Tochterbank im Gesamtwert von 18,5 Millionen Mark an das Schweizer Bankhaus Leu verloren worden waren. Der interne Untersuchungsbericht von 2003, ausgelöst durch Mollaths Informationen, bescheinigte ihm „Insiderwissen“, mehr noch, „alle nachprüfbaren Behauptungen haben sich als zutreffend herausgestellt“: Die verlorenen Gelder stammten zum Großteil von Kunden Petra Mollaths und ihres Kollegen Wolfgang D. Beide verloren ihren Arbeitsplatz. Auch die Steuerfahnder des Finanzamts Nürnberg-Süd haben inzwischen bei mehreren der von Gustl Mollath genannten Personen Kapitalanlagen in der Schweiz festgestellt. Eine systematische Mithilfe zur Steuerhinterziehung durch die Hypovereinsbank ist indes nicht zu beweisen.

Hartmut Pfeifer, der Sprecher der Bank, erklärt, dass es auch Vermögenstransfers zur Schweizer Bank AKB gab, einer Unternehmenstochter: „Wir haben unseren Kunden angeboten, dort Konten zu eröffnen. Es ist ganz legal, sein Geld dahin zu transferieren. Ob die Kunden es versteuern, ist ihre Sache.“ Die Hypovereinsbank habe sich unterschreiben lassen, dass sie ihre Kunden auf die Steuerpflicht hingewiesen hat. „Steuerehrlichkeit ist Sache der Kunden, nicht der Banken.“

Erst als vor Kurzem der Untersuchungsbericht publik wurde, hätten sich die Behörden mit der Bitte um Hilfe an die Bank gewandt. Seitdem beginnt sich der Fall zu drehen. Justizministerium und Staatsanwaltschaft betonen unisono, dass selbst die eventuelle Wahrheit der Behauptungen Mollaths seinen Wahn nicht aufhebt. „Es geht darum, dass Herr Mollath alle Welt mit in diesen Wahn einbezieht“, erklärt Antje Gabriels-Gorsolke, Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Beate Merk hält Mollath gar für „gefährlich“.

Im nächsten Jahr gibt es wieder eine Anhörung, bei der entschieden werden soll, ob Gustl Mollath in der Psychiatrie bleibt. Bis dahin läuft jeder Tag für ihn gleich ab: eine Stunde am Tag Hofgang, mittwochs Sport und die sonntägliche Messe. Das sind die Höhepunkte seines Alltags. In der Weihnachtszeit gibt es eine besondere Andacht, der Pfarrer verschenkt eine Kleinigkeit. 2009 gab es Datteln. Die Kerne davon hob Mollath auf, schaufelte beim Hofgang ein wenig Erde in einen leeren Joghurtbecher und wartete, wochenlang, fast hatte er die Hoffnung aufgegeben. Irgendwann zeigte sich ein grüner Spross. „Es ist das ‚Glück‘ der Haltungsbedingungen, dass ich überhaupt so lange gewartet habe.“

Heute steht eine kleine Palme in seinem Zimmer.

(Mit Recherchen von Ingrid Eissele)

Bilder


Das erste Lebenszeichen nach dem Urteil: Im September 2006 schreibt Mollath an seinen Freund G. mit der dringenden Bitte, ihm zu helfen: „Mir geht die Kraft aus“




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