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Früher sangen sie für eine bessere Welt, heute für ein besseres Ich. Foto: Fabian Widmann; Text: Dominik Drutschmann  — Link
Melodien für Millionen

von Dominik Drutschmann

9. September 2012  —  Der Tagesspiegel

Er schrieb ein Lied für einen Film. Der warnte davor, die Ideen anderer zu stehlen. Doch dann ging seine Komposition um die Welt – ohne dass er davon wusste. Denn ausgerechnet die Bürokraten, die sein Werk schützen sollten, wurden selbst zu Pirate

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Ihm ist mal wieder danach. Einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher verbringen, vielleicht mit einem Glas Wein, dazu ein schöner Film. Das braucht er jetzt. Melchior Rietveldt hat lange in seinem Studio gesessen, er ist müde und will nur noch nach Hause, abschalten. Erst kürzlich hat er sich den neuesten Teil der Harry-Potter-Reihe auf DVD gekauft, „Der Orden des Phoenix“. Der ewige Kampf Gut gegen Böse.

Rietveldt legt die DVD ein. Musik ertönt. Auf dem Fernsehbildschirm sieht er eine Kamerafahrt, von oben über ein Filmstudio hinweg. Brennende Stuntmen springen von Dächern, schnelle Schnitte. Es geht um die Arbeit von Kameramännern und Schauspielern und wie schwer sie ist. Und es geht um den Aufwand, der für Filme betrieben wird. Der Werbespot ist albern, doch seine Aussage ist ernst: Raubkopieren ist ein Verbrechen. Dazu diese Musik. Rietveldt kennt sie. Er hat sie im Jahr zuvor selbst komponiert. Für einen Anti-Piraterie-Spot, der nur auf einem kleinen Filmfestival in Utrecht zu sehen sein sollte. Jetzt hört er ihn auf einer Harry-Potter-DVD. Warum wusste Rietveldt nicht, dass sein Werk verwendet wird? „Was zur Hölle ist hier los?“, denkt er.

Heute, fünf Jahre später, sitzt Melchior Rietveldt in seinem Studio unweit von Rotterdam. Auf die Frage, was zur Hölle los ist, hat er noch immer keine Antwort gefunden. Aber aus seinem Anfangsverdacht ist inzwischen eine unglaubliche Geschichte geworden, die in den Niederlanden Politik und Gerichte beschäftigt. Es ist eine Geschichte von Piratenjägern, die selbst zu Piraten wurden. Von kriminellen Machenschaften, Lügen und Einschüchterungen. Von einem Komponisten, der Angst hat. Angst, seinen Job nicht mehr ausüben zu können. Angst, dass er nicht mehr von seiner Musik leben kann. Aber der Reihe nach.

Zurück in den Sommer 2006. „Mach uns was Bombastisches“, hatten sie damals bei der NVPI, einem Verband der niederländischen Unterhaltungsindustrie, zu Melchior Rietveldt gesagt. Er sollte einen Song komponieren, „so wie bei ,Star Wars’. Es muss nach großem Kino klingen“. Immerhin sollte es auch um die Rettung des Kinos gehen. In seinem Studio, einem flachen Containerbau am Rande eines Industriegebietes, produziert Rietveldt eigentlich Musik für die Sonnenseite des Lebens: Café del Mar, Ibiza-Lounge, elegant plätschernde Hintergrund-Sounds. Nun sollte es also Werbung sein. Immerhin zum Urheberschutz. Damit konnte er sich identifizieren.

Rietveldt setzte sich gleich ans Keyboard. So wie er auch jetzt dort sitzt: braungebrannt, dunkle Jeans, weißes, tief aufgeknöpftes Hemd, Jackett, die lockigen Haare an den Seiten zurückgegelt und im Nacken unzähmbar. Er ist unsicher. Wie ging das noch mal? Er summt vor sich hin. Die schlanken Finger gleiten über die Tasten. Nein, das war es nicht. Etwas in ihm wehrt sich. Dieser verdammte Song. Er setzt wieder an, klimpert, summt, bricht dann ab. „Entschuldigung“, sagt er, „es ist schon so lange her.“

Doch die Musik selbst braucht es gar nicht unbedingt, um zu verstehen, was Rietveldt seit seiner irritierenden Entdeckung auf der Wohnzimmercouch um die Ruhe bringt. Er hatte einen Auftrag erhalten, er hat ihn erfüllt. Wenn seine Arbeit nun darüber hinaus noch verwendet worden war, umso besser. Er freute sich schon auf das zusätzliche Geld. Als Urheber steht es ihm zu. Was für Geld? Das war die Antwort, die Rietveldt bei seiner ersten Nachforschung erhielt. Er hatte bei der Verwertungsgesellschaft Buma-Stemra angerufen, dem niederländischen Äquivalent zur deutschen Gema, der „Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte“. Seit 1988 ist Rietveldt Mitglied – und natürlich wollte er wissen, warum er noch kein Geld bekommen habe für die Verwendung seines Songs auf DVD.

Die Ermittlung solcher Einkünfte ist die Kernaufgabe von Buma-Stemra. Eigentlich ist es ganz einfach: Die Verwertungsgesellschaft muss die genauen Verkaufszahlen von Tonträgern für ihre Künstler herausfinden. Kann sie das nicht leisten, hat sie ein Problem – ein grundsätzliches. Und vor dieses Problem war Melchior Rietveldt nun gestellt. Damals allerdings wusste er das noch nicht. Denn Hans Stekelenburg, Rietveldts Ansprechpartner bei Buma-Stemra, beruhigte ihn. Auf der nächsten Abrechnung würde der Posten sicher auftauchen. Das war im Oktober 2006.

Im Juli des nächsten Jahres bekam Rietveldt eine Rechnung mit sämtlichen Ausschüttungen. Die Musik für den Anti-Piraterie-Spot war nicht aufgelistet. Das müsse an den Filmstudios liegen, sagte Stekelenburg. Solange die keine konkreten Zahlen lieferten, könne Buma-Stemra auch nicht ihren Job machen. „Im Dezember wird er sicher auftauchen“, sagte er dem Musiker. Melchior Rietveldt glaubte ihm erneut. Doch 14Monate vergingen und es passierte: nichts. Rietveldt entdeckte stattdessen, dass der Spot mit seiner Musik auch auf DVDs mit den Filmen „Ocean’s Thirteen“, „Batman“, „Happy Feet“ enthalten war. Alles Blockbuster. Erfolgreiche Filme, sehr beliebte. Warum dauerte das so lange, die Zahlen zu besorgen?

„Rietveldt, pass auf“, soll Stekelenburg schließlich gesagt haben, „15000 Euro sind eine Menge Geld, nimm es, du solltest glücklich sein. Und die Sache ist gegessen.“ Rietveldt weigerte sich, zu vergessen, er bestand auf einer korrekten Abrechnung. Nach einer kurzen Pause sagte Stekelenburg die Worte, die Rietveldt bis heute in den Ohren nachklingen, auch, weil er sie später noch häufiger zu hören bekommen sollte: „Es ist etwas kompliziert.“

Was so schwierig daran sein sollte, die Verbreitung eines Werbespots auf Film-DVDs zu verfolgen, erschloss sich Rietveldt nicht. Aber im Mai 2010, vier Jahre nachdem er den Song produziert hatte, war die Sache noch immer nicht geklärt. Und so kam Rob Storm ins Spiel. Storm ist Rietveldts Finanz- und Steuerberater. Ihm waren die 15000 Euro auf Rietveldts Konto aufgefallen. Die Erklärung, die Rietveldt ihm dafür gab, machte ihn stutzig. „Melchior ist Komponist, kein Jurist. Er macht Musik, mit Zahlen hat er nichts zu tun“, sagt Storm. Er sitzt in Rietveldts Studio, sie geben ein ungleiches Paar ab. Der feinsinnige Musiker, mit seinem fast kindlichen Gesicht, der im Gespräch immer mal wieder abwesend wirkt. Daneben Storm, Mitte Fünfzig, das grau melierte Haar mit Gel frisiert, wache, helle Augen. Er sagt: „Die machen einen Anti-Piraterie-Spot und der Komponist bekommt kein Geld – das ist bizarr.“ Es ist ein Wort, dass Storm häufig benutzt: bizarr. Melchior Rietveldt allerdings hat vorübergehend andere Sorgen. Ihm knurrt der Magen, er will etwas essen.

Und so gehen die beiden in ein Restaurant in der Innenstadt, roter Teppich, Begrüßung per Handschlag, kleine Portionen auf riesigen Tellern, Fisch und Carpaccio. Rietveldt hatte immer Erfolg. Mit acht Jahren nahm er seine erste Platte auf, als Nachfolger von Heintje. Er war stets gut im Geschäft. Dennoch fürchtet er seit dem Streit mit Buma-Stemra um seine Existenz. Sein Leben ist ins Wanken geraten, er leidet an Bluthochdruck, hyperventiliert. Seit Januar ist er in ärztlicher Behandlung. In den vergangenen beiden Jahren hat er nicht viel komponiert. Er ist zu sehr In den Fall eingespannt, um Zeit für seinen eigentlichen Job zu haben. Zuletzt fuhr er nach England und Frankreich, auf der Suche nach DVDs mit dem Spot. Beweismaterial. Rob Storm sprach mit ehemaligen Mitarbeitern von Buma-Stemra, mit Copyright- Spezialisten, mit DVD-Presswerken.

Das Ergebnis der Spurensuche: Buma-Stemra schuldet Melchior Rietveldt mindestens eine Million Euro. Rietveldt muss plötzlich lachen. So sehr, dass man Angst hat, er könnte ersticken. Er lacht über sich selbst. Darüber, wie gutgläubig er war. Wie viel Vertrauen er hatte. Dabei war der Musiker auf Buma-Stemra angewiesen. Ihm steht für jede DVD, die mit seinem Spot in Umlauf gerät, eine kleine Vergütung zu. Der Rietveldt-Spot wird auf DVDs von Warner Bros. London vertrieben. Rietveldt selbst könnte gar nicht gegen Warner Bros. vorgehen, weil das Recht und die Pflicht, die Urheberrechte zu wahren, bei der Verwertungsgesellschaft liegen.

Statt die Angelegenheit zu klären, versuchte die ein neues Manöver. In einem Brief wies sie Melchior Rietveldt darauf hin, dass die Sache längst beigelegt sei. Schließlich habe er eine einmalige Zahlung über 15000 Euro erhalten. Sie schickten ihm auch den Vertrag. Der allerdings war nicht unterschrieben. Weder von Buma-Stemra noch von Melchior Rietveldt. Sogar sein Name war falsch geschrieben. „Irgendwas ist hier verdammt faul“, dachte Rob Storm. „Warner Bros. macht einen Fehler, Buma-Stemra macht seinen Job nicht. Und Melchior muss dafür bezahlen. Das ist bizarr.“

Für Rob Storm ist das Verhalten von Buma-Stemra eine Mischung aus Unfähigkeit und kriminellen Machenschaften. „Kompliziert“ sei es nur, weil Urheberrechtsverletzungen von einer Firma begangen würden, mit der Buma-Stemra eigentlich zusammenarbeite, in diesem Fall einem Filmstudio. Und die Rechteverwalter hätten kein Interesse, sich wegen eines kleinen Komponisten mit der großen Filmindustrie anzulegen. Was war zu tun?

Als der Chef von Buma-Stemra, Hain van der Ree, Ende 2011ein mühsam anberaumtes Gespräch einen Tag vorher platzen ließ, wandten sich Storm und Rietveldt an die Presse. Ganz sauber gingen sie dabei nun auch nicht mehr vor. Aus dem Studio von „PowNews“, einer Nachrichtensendung auf „Nederland 3“, wo Aufnahmegeräte stehen, um Telefongespräche mitzuschneiden, riefen sie Jochem Gerrits an, eines der Vorstandsmitglieder von Buma-Stemra. Er kannte den Fall. Und er bot seine Hilfe an. Gerrits, nicht nur Board-Mitglied bei Buma-Stemra, sondern auch Eigentümer des Labels High Fashion Music, würde sich im Vorstand für Rietveldt einsetzen. Das versprach er.Unter einer Bedingung. Rietveldt müsse bei Gerrits’ Label unterschreiben. Damit bekäme dieser, sollte er die Forderungen von Rietveldt im Vorstand durchdrücken, 33 Prozent des Geldes. Noch immer stand eine Summe von einer Million Euro im Raum. Gerrits erhielte mehr als 300000 Euro. „Dafür, dass er seinen Job macht“, sagt Storm. „Es ist bizarr.“

Das Gespräch wurde im holländischen Fernsehen ausgestrahlt. Die Empörung war groß. „Korruption bei Buma-Stemra“ lautete die Schlagzeile in den Zeitungen, die Politik schaltete sich ein. Man wolle in Zukunft unterbinden, hieß es, dass ein Vorstandmitglied von Buma-Stemra gleichzeitig Betreiber eines Musiklabels sei. All dies schaffte jedoch nicht das Problem mit der Abrechnung aus der Welt. Was tun, wenn ein Unterhaltungskonzern seine Verkaufszahlen nicht zur Verfügung stellt?

Hein van der Ree ist vorübergehend für die Presse nicht zu sprechen. Verreist sei er, heißt es bei Buma-Stemra. Jochem Gerrits trat von seinem Posten zurück. Der Fall „Rietveldt gegen Buma-Stemra“ ging vor Gericht. Im Februar 2012 wurde die Verwertungsgesellschaft aufgefordert, all ihre europäischen Tochterfirmen anzuschreiben, zudem alle Filmstudios, mit denen sie Verträge hat. Rietveldt bekam 20000 Euro zugesprochen – unabhängig davon, was er am Ende von Buma-Stemra bekäme.

Statt der Aufforderung des Gerichts nachzukommen, drängten die auf eine Einigung. Buma-Stemra bot 60000 Euro. Die Gegenseite setzte Rietveldt unter Druck. Nimm das Angebot an, sonst wird es teuer für dich. Melchior Rietveldt aber blieb hart. Bis heute weiß er nicht, auf wie vielen DVDs sein Song tatsächlich verbreitet wurde. Auf dem Weg vom Restaurant zu seinem Haus erzählt Rietveldt von seinem Karriereanfang. Dass er immer schon Produzent werden wollte. Schon als kleiner Junge, als er die Lieder der anderen sang. Er wollte selbst etwas schaffen, kreativ sein. Der Tag hat ihn angestrengt. Die ganze Geschichte noch einmal durchzukauen. Rietveldt ist müde, er will nur noch nach Hause, abschalten. Vielleicht schaue er sich später einen Film an, sagt er. Einen Blockbuster. Einen, in dem am Ende das Gute siegt.



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