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Mein Vater, der Tierarzt

von Nancy Waldmann

9. November 2014  —  jádu - goethe.de

LPG ade, neue Patienten, veränderte Tierhalter – die Wende stellte den Beruf meines Vaters auf den Kopf. 25 Jahre später empfiehlt er keinem mehr, ihn zu ergreifen


Wendeverlierer, so etwas würde mein Vater nie über sich sagen. Im Gegenteil, die Wende wird in seinen Augen immer das Gute und Richtige bleiben, eine Erlösung vom gottlosen Kommunismus. Ich denke, dass er dennoch viel verloren hat.

Mein Vater ist Katholik und wählt CDU. Beides ist im Eichsfeld, dem Thüringer Landstrich gleich an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, wo meine Familie lebt, nichts Besonderes. Aber mein Vater ist besonders gläubig und vielleicht hatte er deswegen auch besonders starke Hoffnungen in die Wende gesetzt. Auf eine Reform des real existierenden Sozialismus hätte er nichts gegeben, für meinen Vater wuchs zusammen, was zusammen gehört. Und er packte an. In unser Grenzdorf, das man bis dahin nur mit Sondergenehmigung betreten durfte, strömten Westdeutsche von „drüben“. Mein Vater begrüßte sie alle, trank Brüderschaft mit ihnen, viele lud er damals zu uns nach Hause ein. Er knüpfte Kontakte mit Pfarrgemeinden im Westen, holte Investoren ins Dorf und trieb den Wiederaufbau der Dorfkapelle voran, die die Grenzsoldaten zerstört hatten.

Tierarzt ist mein Vater nicht aus Tierliebe, sondern aus Liebe zur Landwirtschaft geworden. Möglicherweise hat er das sogar dem Arbeiter- und Bauernstaat zu verdanken, wo sonst wäre es selbstverständlich gewesen, dass ein Bauernsohn studieren geht. Was ihn im Kapitalismus in seinem Beruf erwartete, muss ihn zunächst wenig gekümmert haben. Er hätte sich sicherlich nicht träumen lassen, dass sich nahezu alles ändern könnte. Nicht nur, dass er Unternehmer werden musste. Eine andere Landwirtschaft hielt Einzug. Mensch und Tier bekamen ein neues Verhältnis.

In der DDR hatte mein Vater von morgens bis abends in den großen Ställen der LPG zu tun gehabt, mit Rindern und Schweinen. Er zog eingekeilte Kälber aus dem Geburtskanal, er zog störrischen Bullen Nasenringe ein. Er untersuchte, legte Infusionen, nahm Blutproben, besamte, kastrierte. Er impfte mit einer Spritze, die wie eine Pistole aussah, Reihen von Kühen, Färsen, Sauen, Ferkeln. Manchmal hunderte am Tag. Davon hat er die dicken Finger bekommen, sagt er. Er fuhr einen Moskwitsch als Dienstwagen, den wir manchmal auch privat nutzten. Wir hatten sogar ein Telefon, den Anschluss teilten wir uns mit dem Polizisten. Aber meinem Vater gefiel nicht, dass er kaum mehr verdiente als ein Schichtarbeiter im Stall.

„Kumpanei ist Ludernei“


Mein Vater ist Fachtierarzt für Schweine, das klingt fast wie ein Witz in unserer Landwirtschaft, in der Schweine Billigware, fast Wegwerfprodukte sind. Wird eins krank, wird es eher getötet als behandelt. Heutzutage hat mein Vater ungefähr einmal im Monat in einer Mast- oder Milchviehanlage zu tun. Tierärzte sind dort nur noch Berater. Gelegentlich liefern sie Medikamente. Das „amerikanische System“, das nach der Wende Einzug hielt, erlaubt den Viehhaltern die meisten Behandlungen selbst vorzunehmen. Impfen, kastrieren, besamen – für all das braucht kein Tierarzt zu kommen, das übernehmen unqualifizierte Stallarbeiter. Kühe sind noch etwas komplizierter, aber selbst dort hat sich die Arbeit für einen Tierarzt auf ein Minimum reduziert.

Mein Vater hatte kaum Arbeit. Außer samstags. Dann wurde im Eichsfeld auf den Dörfern geschlachtet. Jemand musste das Fleisch kontrollieren. Mein Vater brachte samstags früh Dutzende Fleischproben von Schlachtschweinen, die am Morgen dran glauben mussten. Wir saßen alle am Küchentisch, meine Mutter, meine Schwestern und ich und mussten winzige Fleischfetzen schneiden, in Reihen zwischen Glasplatten mit nummerierten Feldern pressen, 20 Stück pro Schwein. Mein Vater schaute sie sich unter dem Mikroskop an. Er war ziemlich nervös in der Zeit und an den hektischen Samstagen besonders.

Die LPG wurden verkauft und stellten sich neu auf. Die Sauenanlage verlor mein Vater zuerst. Ein „Autobahntierarzt“, der alle paar Wochen von weit her kam, übernahm sie. Viele Arbeiter wurden entlassen. Nie wusste man, wie lange es einen Stall noch geben würde. Der Staat, der Arbeitgeber meines Vaters, war verschwunden. Im Westen waren Tierärzte selbstständige Unternehmer.

Mit zwei Kollegen, die er aus der LPG kannte, gründete er eine Gemeinschaftspraxis. Sie betreuten ein paar der alten Ställe. Aber die drei zerstritten sich bald. Man warf sich gegenseitig vor, Geld zu stehlen, unversöhnlich gingen sie auseinander. „Kumpanei ist Ludernei“, ist der Lehrsatz meiner Eltern, der sich mir in dem Zusammenhang eingeprägt hat. Sie bringen den Satz regelmäßig, wenn es um gemeinschaftliche Unternehmungen verschiedener Art geht.

 

Mein Vater pries sich und wurde mir fremd


In der Wende-Zeit hatten wir uns mit einer Tierarzt-Familie aus der hessischen Nachbarstadt befreundet. In ihrem Haus gab es schwarze Ledersofas, was mich beeindruckt hat, denn sie sahen für mich nach Reichtum aus. Die Arbeit des Tierarztfreundes war nicht so schmutzig wie die meines Vaters, er behandelte Hunde, Katzen und Pferde, für die die Leute im Westen viel mehr Geld ausgaben. Bei uns kläfften die Hunde auf dem Hof an der Kette oder sie liefen auf der Straße herum. Die Katzen jungten in den Scheunen im Frühling und Herbst. Aber das änderte sich.

Mein Vater beschloss schließlich, auch ein Geschäftsmann zu werden. Obwohl das nicht gut zu ihm passt. Er zeigt sich gern großzügig und gibt bei Verhandlungen meistens nach. Außerdem verschlampt er oft Papiere.

Ein Sonntagabend, ich war elf, zwölf Jahre alt, saß ich mit meinen Eltern in einer Pizzeria. Mein Vater traf einen alten Bekannten. Wir setzten uns zu ihm und die beiden unterhielten sich die ganze Zeit über irgendwelche Geschäfte, darüber wie sich dieser und jener nach der Wende entwickelte. Ich hörte, wie mein Vater sich selbst und seine veterinärmedizinischen Fähigkeiten anpries. Er wurde mir plötzlich ganz fremd. Sein Verhalten passte nicht zur Erziehung, die ich genossen hatte. Bescheidenheit fanden meine Eltern immer ganz wichtig. Das hieß vor allem: man redet nicht über sich selbst.

Das neue Verhalten betraf nicht nur meinen Vater. „Wir sind ein Geschäftshaus!“, rief er, wenn jemand nicht sofort zum klingelnden Telefon gerannt war und notiert hatte, wer angerufen hatte. Mit „Tierarztpraxis“ mussten wir uns jetzt melden. „Is denn Voorter nitt do?“, entgegnete der Bauer am anderen Ende der Leitung. Die meisten Leute kannten uns natürlich. Ich lernte formell zu bleiben: „Nein, er ist unterwegs. Darf ich etwas ausrichten?“.

Wir mussten professioneller werden, es gab einen Kredit von einer viertel Million D-Mark zu tilgen. Meine Eltern hatten das Haus meiner verstorbenen Großeltern saniert. Dort eröffnete mein Vater 1996 seine eigene Praxis für Kleintiere. Ein Raum mit Behandlungstisch, ein Wartezimmer, eine Apotheke und ein Zahnsteinentfernungsgerät. Eine einfache Landarztpraxis. Die würde ich einmal übernehmen. So dachte er sich das jedenfalls. Mein Vater bot Grundversorgung und keine aufwendigen Behandlungsmethoden an, aber er schraubte an den Preisen, manchmal bis in eine gesetzliche Grauzone hinein. Zum Ärger der Konkurrenten im Westen. Die Freundschaft mit dem hessischen Tierarzt zerbrach.

In die Praxis meines Vaters kamen Westdeutsche, die günstige Preise lockten. Es kamen Ostdeutsche, die ihre Häuser renovierten und sich passend dazu Retriever oder Schäferhunde, Wellensittiche oder Zwergkaninchen zulegten. Sie alle mussten geimpft und entwurmt werden und sollten keine Flöhe und Zecken haben. Mein Vater, der Nutztierarzt, hatte jetzt mit Tierliebhabern zu tun. Viele ließen ihre Tiere kastrieren. Meine Mutter, meine Schwester und ich wurden die Assistentinnen. Ich sterilisierte Instrumente, fing wild gewordene Katzen ein und half meinem Vater bei Operationen. Dabei strömte ihm oft der Schweiß von der Stirn. Mit seinen Fingern, die vom Kühe impfen dick geworden waren, musste er jetzt in einem aufgeschnittenen Katzenbauch die Eierstöcke finden. Die sind oft kleiner als eine Erbse.

 

Eine Woche Urlaub im Jahr


Das neue Wissen las sich mein Vater in Büchern und Fachzeitschriften an. Weiterbildungen besuchte er selten. Dafür war auch keine Zeit. Denn in seiner Abwesenheit würden die Kunden sofort einen anderen Tierarzt aufsuchen, behauptete mein Vater. Obwohl er mit vielen Kunden ein vertrautes Verhältnis pflegte, traute er niemandem. Das war auch stets sein Generalargument, um Familienausflüge abzulehnen. In den ganzen 90er Jahren fuhren wir zwei Mal weg, an die Ostsee.

Mein Vater dachte an den Kredit. Er war Ende 40 und hatte nicht mehr ewig Zeit, um ihn abzuzahlen. Da erhielt er ein Angebot für eine Fleischerei die Fleischbeschau von Schlachttieren zu übernehmen. Natürlich nahm er an. Montags bis samstags stand er um halb drei nachts auf, bis halb sechs inspizierte er Schweinehälften. Tagsüber betreute er Höfe und Kuhherden, abends Sprechstunde, 15 Jahre lang. Mein Vater war dauergereizt und wollte zuhause nur seine Ruhe. Er bekam Diabetes und einen Schlaganfall. Kürzer trat er nicht. Zum Urlaub muss meine Mutter ihn gewissermaßen nötigen. Eine Woche, allenfalls zehn Tage, fahren meine Eltern im Jahr weg.

Wenn ich ihn mal zu Patienten begleite, verblüfft mich, mit welch unterschiedlichen Tierhaltern er eine Sprache findet. Im Westen, wo die Landwirtschaft noch kleinteiliger strukturiert ist, betreut er alte Familienbetriebe, High-Tech-Ställe, Öko-Bauern, Aussteiger, Katzenmuttis und Pferdeflüsterer, die ihre Tiere am liebsten mit Kräutern behandeln. Mit den Feierabendbauern im Eichsfeld spricht er ortstypisches Platt, mit denen im Westen hochdeutsch. Entsprechend wechseln auch die Scherze.

Ein Geschäftsmann ist er immer noch nicht. Er nimmt weite Wege mit dem Auto in Kauf, die ihn oft zu viel Zeit und Benzin kosten, um den Kunden keinen Gefallen abzuschlagen. Als Einzelkämpfer ist man wohl mehr auf deren Anerkennung angewiesen. Mit anderen Tierärzten hat mein Vater kaum Kontakt. Man ruft sich an, um einen Bereitschaftsdienst zu tauschen, mehr nicht.

Vor zwei Jahren ging die Fleischerei pleite. Zum Glück. Nachts zu schlafen tut meinem Vater gut. Der Kredit ist abgezahlt. Vor einer Weile, als wir mit Verwandten am Tisch saßen, sagte er plötzlich etwas, das mich erschreckt hat: er würde niemandem mehr diesen Beruf empfehlen. Die Konkurrenz sei viel zu hart. Mein ist Vater enttäuscht, Leute wie er haben nichts abbekommen von den Millionen, die die Besitzer riesiger Agrarbetriebe aus EU-Subventionen und dem Verkauf von Flächen einstreichen. Stattdessen seien Tierärzte die Prellböcke, die für jeden Antibiotika-Skandal verantwortlich gemacht werden. „Vielleicht hätte ich besser Pfarrer werden sollen“, fügte er an. In zwei Jahren will er in Rente gehen, vorausgesetzt er findet alle nötigen Papiere. Eine Nachfolge für seine Praxis gibt es nicht. Mit der Arbeit ist er entspannter geworden. Es kommt vor, dass ich zu Hause anrufe und niemand geht ran.

 

 

 



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