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Mein Bauch gehört Dir

von Lisa Rokahr

28. September 2012  —  GO 7/2012

—  nominiert für den Deutschen Reporterpreis 2012 — 

Neun Monate wächst Oskar in Antonias Bauch. Bei der Entbindung sieht sie ihn zum ersten und letzten Mal. Während Antonia alleine nach Hause geht, wird Oskar von seinen Eltern abgeholt. Antonia bleibt zurück mit einem quälenden Geheimnis. Aber der Gewissheit, einem Paar das Familienglück geschenkt zu haben.

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Donnerstag beim Frauenarzt, Muttermund schon offen und der Gebärmutterhals verkürzt. Lange wird es nicht mehr dauern, sagt der Arzt. Das spürte Antonia schon. Freitagmittag beginnen die Wehen, sie geht spazieren, ihre Freundin kommt vorbei und zählt die Zeit zwischen den Wehen. Samstag sitzt Antonia auf dem Sofa, hört Musik, die Fruchtblase platzt, alle Tücher unter ihr sind plötzlich nass. Sie geht ins Krankenhaus, zu Fuß, für den Weg von fünf Minuten braucht sie heute zehn. April, es nieselt. Geburtshelferinnen begleiten sie direkt in den Kreißsaal. Antonia blickt sich um: Badewanne, Bett, Geburtshocker. Sie entscheidet sich für das Bett, legt sich hin, steht wieder auf, läuft herum. Die Schwerkraft wird es schon herausholen, stöhnt sie. Die Schmerzen werden stärker, ich muss sterben, denkt sie. Trotzdem: Keine Peridualanästhesie, sagt sie, ich will es ohne schaffen. Am Sonntag – sie hat seit 38 Stunden nicht geschlafen – am Sonntag um 14.10 Uhr ist das Kind da.



Es liegt zwischen ihren Beinen, blutig, schleimig. Und Antonia ist glücklich, als sie es sieht. Endlich ist er da, endlich. Der Junge hat lange schwarze Haare. Wie ein Äffchen, denkt sie. Sie nimmt ihn nicht in den Arm. Er ist zu früh geboren, kommt kurz in den Inkubator, dann ins Wärmebettchen. Antonia wird auf Station verlegt.

Schon am nächsten Tag geht sie nach Hause, alleine. Denn die Eltern des Neugeborenen warten schon auf ihn. Länger als neun Monate. Endlich ist er da, Oskar, endlich sind sie eine Familie. Sie beugen sich über sein Wärmebettchen. Der Mann erkennt in dem Baby die dunklen großen Augen seiner Frau.

Für Antonia endet hier eine außergewöhnliche Erfahrung. Für ein Ehepaar die lange unerfüllte Sehnsucht nach einem eigenen Kind. Hier trennen sich die Wege, die sich vor elf Monaten ganz plötzlich kreuzten, als Antonia im Internet eine Anzeige aufgab: „Ich biete mich als Leihmutter an. Ich halte nicht viel von Geld, ich will es lediglich machen, um kinderlosen Paaren zu helfen! Ich bin 21 Jahre alt und fühle mich noch nicht in der Lage ein eigenes Kind großzuziehen. Aber warum nicht anderen helfen?“ In einem Selbsthilfeforum für ungewollt Kinderlose hinterlässt sie irgendwo zwischen 42 Threads und tausenden Posts ihre E-Mail-Adresse, Schmusesuse912@web.de.








Schnell melden sich Interessenten, seriöse und dubiose, fast 30 Personen innerhalb von zwei Wochen. Antonia beantwortet jede E-Mail. Aus einigen Mails schlägt ihr Verzweiflung entgegen, sie gibt ihre Telefonnummer heraus. Eine Frau ruft jeden Abend an, manchmal dreimal, erzählt ihr schon, wie das Kinderzimmer aussehen wird. Manche Kontaktpersonen haben eine merkwürdige Vorstellung von Leihmutterschaft. Wir könnten miteinander Sex haben, schlägt ein Mann vor, das Kind soll aus Liebe entstehen. Antonia erschrickt. Nein, dann lieber doch keine Leihmutterschaft. Für Paare sei es schwierig, eine seriöse Leihmutter zu finden, sagt Antonia. Aber umgekehrt sei es auch schwierig, ein seriöses Paar zu finden.

Dann meldet sich eine Frau, sie und ihr Partner möchten ein Kind mit ihren Genen austragen lassen. Beide Mitte 30, sie arbeitet für einen Notar, er im Management. Antonia wünscht sich ein Paar, das dem Kind eine gute Zukunft bieten kann, eine gute Ausbildung. Mindestens den Realschulabschluss sollen sie dem Kind ermöglichen, sagt sie, sich Zeit nehmen, mit dem Kind Schularbeiten machen. Antonia selbst macht gerade ihr Fachabitur, hat sich von der Realschule hochgearbeitet. Am Telefon erzählt ihr die Frau, dass sie selbst schon schwanger war. 37. Woche, in 20 Tagen sollte ihr Baby kommen. Dann eine Totgeburt, Blutungen, die Ärzte entfernen die Gebärmutter, ihre Eierstöcke behält sie. Der Kinderwunsch blieb, der Wunsch nach einem eigenen Baby. Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten, das Paar sucht im Ausland eine Leihmutter und findet eine Frau in der Ukraine. Die künstliche Befruchtung klappt, doch in der sechsten Woche verliert sie das Kind. Das Paar probiert es nochmal, andere Leihmutter, In-Vitro-Fertilisation (IVF) erfolgreich, das Kind schafft die kritische zwölfte Woche, die beiden freuen sich, in der 16. Woche die Fehlgeburt. 6.000 Euro kostet jeder Versuch, das Paar gibt auf. Dann finden sie Antonia.








Sie schreiben sich viele Mails, telefonieren. Meist spricht Antonia mit der Frau, zu dem Mann hat sie kaum Kontakt. Sie besprechen einen Termin für die Befruchtung in Tschechien. Einen Vertrag gibt es nicht. Risiko auf beiden Seiten, aber Antonia sagt: Kein Vertrag hätte vor einem deutschen Gericht Bestand. Die Eltern bekommen von der tschechischen Fruchtbarkeitsklinik Medikamente und einen detaillierten Zeitplan zugeschickt. Ein Kurierdienst bringt sie weiter zu Antonia, alles bezahlt von den Eltern. Zweieinhalb Monate muss sie sich nun auf die In-Vitro-Befruchtung vorbereiten. Die Antibabypille Marvelon, täglich. Das Implantat Zoladex, um das Endometrium, die Gebärmutterschleimhaut, auf die Einpflanzung vorzubereiten. Und für die Hormontherapie Utrogestan und Estrofem.

Nach einigen Wochen geht Antonia zu ihrem Frauenarzt. Bluttests auf Syphilis, HIV, Hepatitis В und С. Antonia sagt ihrem Gynäkologen nun, sie bereite sich auf eine IVF vor, er möge nachschauen, ob sich die Gebärmutterschleimhaut genügend entwickelt hat. Sie ist 21, der Arzt fragt nicht nach. Er müsste etwas ahnen, er ist seit Jahren ihr Gynäkologe. Keine 21-Jährige bereitet sich plötzlich und ohne Rücksprache auf eine IVF vor. Vielleicht schwant ihm etwas, aber er sagt nichts, er könnte sich strafbar machen. Das deutsche Embryonenschutzgesetz verbietet jede ärztliche Leistung bei Leihmutterschaften. Doch die Leihmutter und die Eizellengeberin werden nicht bestraft.

Wir haben nichts Verbotenes gemacht, sagt Antonia, kein deutscher Arzt hat die künstliche Befruchtung durchgeführt, sondern ein tschechischer. Grauzone. Das Thema bleibt ein Tabu. Für ihren Hilfsdienst werden Austragemütter häufig geächtet, darum heißt Antonia auch nur in diesem Text Antonia. Als sie die Praxis verlässt, fragen die Arzthelferinnen vorwurfsvoll: Sie wissen schon, was sie da machen?

An einem Morgen im August packt Antonia ihren Koffer, Klamotten für fünf Tage. Das Paar holt sie mit dem Auto aus der westdeutschen Großstadt ab, in der sie wohnt. Antonia wartet unten vor dem Mehrfamilienhaus, sie lebt alleine, seit vier Jahren schon. Zur Begrüßung schütteln sie sich die Hände. Befremdlich, denkt sie, bald habe ich ihre Körperflüssigkeiten in mir. Auf der Fahrt nach Tschechien reden die drei nicht viel, und wenn, dann nicht über das, was ihnen bevorsteht. Antonia ist aufgeregt.








Die Klinik ist modern eingerichtet. Zuerst wird das Sperma des Mannes im Reagenzglas mit den Eizellen seiner Ehefrau zusammengebracht. Spontane Befruchtung, natürliche Selektion der mobilsten Spermien. Zygoten entstehen, sie müssen sich drei Tage entwickeln. Antonia wartet im Appartement nahe der Klinik. Kein Internet, kein Telefon, sie langweilt sich. Abends geht sie mit dem Paar essen, wieder unterhalten sich sich kaum. Alle drei sind befangen. Der Tag der Einpflanzung. Es piekst und drückt, als ihr der Gynäkologe die befruchtete Eizelle einsetzt. Danach 30 Minuten liegenbleiben. Antonia kann sich nicht recht vorstellen, jetzt schwanger zu sein.

Zwei Wochen später geht sie in Deutschland zu ihrem Frauenarzt. Sie ist aufgeregt, aufgeregter als das Paar. Die beiden haben schon drei Kinder verloren. Der Schwangerschaftstest ist positiv, die fremde Eizelle hat sich eingenistet. Jetzt bin ich also Leihmutter, denkt Antonia. Gleich nach der Untersuchung ruft sie die Frau an, die bleibt ruhig. Zu groß die Angst, wieder ein Kind zu verlieren. Erst ab der 24. Woche kann sie sich freuen, dann ist das Kind überlebensfähig.

Als ihr Bauch wächst, kauft sich Antonia Umstandskleidung, eine bequeme Hose mit Gummizug. Sie bezahlt selbst, Geld für die Leihmutterschaft nimmt sie nicht. Dabei fordern deutsche Leihmütter, die es im Verborgenen durchaus gibt, bis zu sechsstellige Beträge als Aufwandsentschädigung. Antonia verurteilt jegliche Zahlung: Ob fünf oder fünftausend Euro – egal, sagt sie. Falls das Kind später nachfragt, soll es niemals denken, es sei gekauft worden. Wenn ich mich für eine Leihmutterschaft entscheide, dann weil ich selbst es möchte, weil ich helfen möchte. Alles, was sie sich wünscht, ist ein Familienfoto mit dem Kind. Antonia ist hart mit ihrer Meinung. Wenn eine Frau ihren Körper verkaufen will, soll sie Anschaffen gehen, sagt sie.

Antonias Eltern trennten sich, als sie in die Pubertät kam. Mit der Erziehung waren sie überfordert, gemeinsam, wie später allein. Stattdessen erfüllten sie Antonia jeden materiellen Wunsch, den neuen Flatscreen-Fernseher, die Wii, den Laptop. Aber glücklich war sie nicht. Es gab immer häufiger Streit, manchmal haute Antonia einfach ab. Mit 14 kam sie dann zu einer Pflegefamilie. Mietnomaden, ein Hund, vier Katzen, zwei Ratten, drei Meerschweinchen, zwei Hamster, ein Aquarium. Kündigte sich das Jugendamt an, wurde drei Tage vorher der gröbste Dreck beseitigt. Die haben uns Pflegekinder nur genommen, weil es Geld dafür gab, sagt sie. Sie kümmerte sich um die jüngeren Pflegekinder, die nannten sie bald Mama. Antonia wurde schnell erwachsen.








Ich hatte keine schöne Kindheit, sagt sie. Aber ich möchte anderen Kindern ermöglichen, wohlbehütet aufzuwachsen. Bei mir könnten sie das niemals. Sie will einem Kind das Zuhause geben, das sie selbst nie hatte. Keine Spur von Naivität. Sie hatte diese Idee und mit der Leihmutterschaft die Lösung. Reflektiert dachte sie über eigene Nachteile nach – und fand keine, die stärker wogen, als ein glückliches Kind in die Welt zu setzen. Muttergefühle hat sie für Oskar nicht. Die meisten Menschen können das nicht verstehen. Es war nie mein Kind, versucht sie zu erklären. Es hat Eltern, gute Eltern. Die boten Antonia sogar an, Oskars Patentante zu werden, aber sie lehnte ab. Eine Bindung entsteht vor allem nach der Geburt, sagt sie. Daher nahm sie das Kind nach der Geburt nicht in den Arm, darum möchte sie nicht Teil der Familie sein. Interesse habe sie an dem Kind, sagt sie. Aber ich interessiere mich auch für die Kinder meiner Freundin.

Während der Schwangerschaft hört sie mit dem Ungeborenen oft Musik, punkig, das mochte es. Dann streichelt sie über ihren runden Bauch und denkt: Bald bist du weg. Und ermahnt sich zugleich, genieß doch die Zeit, die du mit ihm hast. In manchen Momenten ist sie stolz, wenn sie spürt, wie er tritt. Das war ein unglaubliches Gefühl, findet sie, aber kein Muttergefühl. Unglaublich, wie er in mir sein kann, ohne dass er von mir ist, ohne, dass wir verwandt sind. Zur Leihmutterschaft gehört auch Selbstschutz, gesteht sie ein.

Wenige Freunde weiht sie in ihr Geheimnis ein, drei enge Freundinnen nur. Allen anderen erzählt sie von einem One-Night-Stand mit Folgen. In der 15. Woche vertraut sie auch ihrem leiblichen Vater die Leihmutterschaft an, am Telefon. Kurz, bevor sie in die Schule muss, damit keine Diskussion aufkommen kann. Die Eltern getrennt, die Mutter darf nichts erfahren. Du bist alt genug, sagt ihr Vater. Komm nicht an, wenn es dir schlecht geht.

Bald spürt Antonia, eine Leihmutterschaft ist ein aufwendiges Komplott. Monate vor dem Geburtstermin kontaktiert sie mit dem künftigen Kindsvater das Jugendamt, sie vereinbaren einen Termin. Wir spielten kompliziertes Theater, erzählt sie.








Erster Akt: Ein One-Night-Stand, erklären sie dem Mitarbeiter, und jetzt ein Kind. Wie soll ich das meiner Frau erklären, fragt der Mann. Ich bin 21, viel zu jung, jammert Antonia.

Zweiter Akt: Sie signalisiert Überforderung. Der Mann sagt, er habe mit seiner Frau gesprochen, wir könnten uns vorstellen, das Kind bei uns aufzunehmen.

Dritter Akt: Der Mann und seine Frau erzählen, wie sehr sie sich auf das Kind freuen. Für Antonia folgen weitere Gespräche, das Jugendamt möchte unbedingt, dass das Kind bei ihr bleibt. Sie bieten eine Grundausstattung an, Tagesmütter, einen Platz in einer Mutter-Kind-Einrichtung. Drei Wochen nach der Entbindung unterschreibt Antonia den Verzicht auf das Sorgerecht und das Aufenthaltsbestimmungsrecht für Oskar. Der Vater ist bereits als Vater eingetragen. Etwa zwei Jahre wird es nun noch dauern, bis seine Frau ihr eigenes Kind adoptiert hat. Denn in Deutschland gilt immer die Frau als leibliche Mutter eines Kindes, die es gebiert. Selbst wenn nicht sie, sondern eine andere Frau genetisch mit ihm verwandt ist.

Ab der 27. Schwangerschaftswoche geht es Antonia zunehmend schlechter. Zur Schule geht sie nun nicht mehr. In der 32. Woche meldet sie sich im Krankenhaus an. Ihr werden die Vorbereitungsräume gezeigt, der Kreißsaal. Die Behandlungsräume für die Babys, die Frühchenstation, Mutter-Kind-Station, das blendet sie aus. Darum müssen sich dann die Eltern kümmern, denkt sie.

Dann der Sonntag im April, die Geburt. Sie hat das Paar angerufen, die eilen ins Krankenhaus. Während der Geburt sind sie nicht dabei, aber sie sind die ersten, die den Säugling in den Arm nehmen. Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst, um dich zu verabschieden, sagen sie zu Antonia. Aber sie sieht Oskar das erste und letzte Mal, als er zwischen ihren Beinen liegt. Am nächsten Tag geht sie nach Hause.

Dienstag ist Feiertag, am Mittwoch geht sie wieder zur Schule, zu früh, alles zu viel, merkt sie. Eine Woche bleibt sie in ihrer Wohnung. Ihre Brüste schmerzen, sie stillt ja nicht. Sie trägt einen engen BH, trinkt Pfefferminztee bis ihr übel wird. Er soll die Milchbildung unterbinden. Nach einer Woche wird es ihr zu eng in der Wohnung. Sie fährt weg, für zwei Wochen zu Freunden nach Frankfurt, erzählt ihnen, das Kind sei tot. Die haben selbst Kinder, sie würden das niemals verstehen, dass eine Frau ein Kind weggibt, sagt sie.








Dann kehrt sie zurück in ihre Wohnung. Lila Wände, Blumenmuster, ihr Fisch namens Sushi. Eine Wohnung wie ein Mädchenzimmer. Oder die Wohnung einer jungen Frau, die ein Kind erwartet: Eine Spielecke mit Puppenhaus, ein Mobile hängt von der Dachschräge, ein Trip-Trap-Stuhl, in den Steckdosen Kindersicherungen. Überall Fotos von Kindern, gerahmt, selbstgebastelte Collagen, Kalender. Früher arbeitete Antonia oft als Tagesmutter. Die Kinder ihrer Freunde kommen gern zu Besuch. Sie liebt Kinder. Nur eigene möchte sie nicht. Die Verantwortung, an der schon ihre Eltern scheiterten, wiegt zu schwer. Sie hat entdeckt, dass sie als Leihmutter nicht nur Kindern, sondern auch verzweifelten Eltern Glück schenken kann.

Neben ihrem Sofa eine Erinnerungsecke für das Kind. Zwei Kerzen neben einem Stoffhasen, den sie kurz vor der Geburt geschenkt bekam, daneben ein Engel aus Ton. Mir bedeuten diese Dinge nichts, sagt sie. Die Ecke ist für die Leute, die denken, das Kind sei tot zur Welt gekommen. Denn Antonia soll jetzt trauern. Vor anderen fällt ihr das schwer, besonders vor ihrer eigenen Mutter. Es war eine Totgeburt, hat sie ihr gesagt. Das Kind sei anonym bestattet worden. Das sei das Beste für ihre Mutter. Die schenkte ihr ein Windlicht aus Ton, graviert mit Oskar. Antonia will nicht trauern, aber sie möchte über ihr Erlebtes sprechen dürfen. Es gehe ihr nicht schlecht, sagt sie. Aber es belaste sie, dass sie ihre Gedanken für sich behalten muss. Wieso ist es ein Tabu, obwohl ich einer Familie ihr größtes Glück geschenkt habe?

Sie versucht mit ihrer Therapeutin zu sprechen. Seit Jahren ist sie bei ihr, um die Kindheit aufzuarbeiten, Depressionen zu bekämpfen. Antonia berichtet ihr von der Leihmutterschaft. Erzählt, dass sie glücklich ist, geholfen zu haben. Eine Woche später die nächste Sitzung, Termin um 15 Uhr, kurzes Gespräch. Die Therapeutin bricht die Behandlung ab. Sie könne damit nicht umgehen. Das ist mir zu viel, sagt sie.

Antonia ist nicht traurig, sie vermisst das Kind nicht, aber sie möchte es auch nicht vergessen müssen. Abends schreibt sie in ein Buch an den Jungen. Oskar, fragt sie, lachst du schon mit deinen Eltern? Kannst du deinen Kopf alleine halten?








Dreieinhalb Wochen nach der Geburt nimmt das Paar sein Kind mit nach Hause. Sie legen Oskar auf ihr Sofa, rufen die ahnungslosen Großeltern an. Ihr müsst kommen! Es ist etwas Wunderbares passiert. Das Paar hat nie eine Schwangerschaft vorgetäuscht, das Gerede in ihrem Ort geht los. Aber der Frau ist es egal: Hauptsache, mein Kind ist endlich bei mir.

Antonia denkt nicht, dass die Gesellschaft mehrheitlich gegen Leihmutterschaft ist. Jedenfalls niemand, der sich mit dem Leid kinderloser Paare näher beschäftigt hat, sagt sie. Eine Leihmutterschaft bringt allen Beteiligten Freude: dem Paar, das seinen Kinderwunsch erfüllen kann, dem Kind, das in einer glücklichen Familie aufwächst – und der Leihmutter, die Erfüllung findet. Erfüllung im Helfen, Sinn im Leben, Helfersyndrom. Durch ihren Dienst sät sie Glück, erntet Bedeutung. Aber Helfersyndrom bedeutet auch Hilfe aufdrängen, um Anerkennung bangen, Unterstützung ablehnen, eigene Wünsche vernachlässigen. Antonia ist anders. Sie überlegt, wägt ab, setzt sich Grenzen.

Das Verbot der Leihmutterschaft in Deutschland kann sie nicht verstehen. Es füge den Menschen, die sowieso kaum noch Hoffnung haben, noch mehr Leid zu. Eine Änderung des Gesetzes könne helfen, vielleicht wie bei der Abtreibung. Die ist ebenfalls verboten, aber lässt Ausnahmen zu.

Das ersehnte Familienfoto hat das Ehepaar noch nicht zugeschickt. Antonia hätte es auf ihr Regal gestellt. Neben ein Bild von den Kindern ihrer besten Freundin. Sie hat Angst vor dem Moment, in dem Oskar Kontakt zu ihr aufnehmen wird. Falls er das je tut. Dann wird sie im erklären, dass er Eltern hat. Ich bin nicht seine Mutter, wir sind nicht einmal verwandt, ich war nur der Ort, wo er wachsen konnte.

Selbstlos will sich Antonia nicht nennen, denn auch sie habe durch die Schwangerschaft dazugewonnen, sagt sie, eine schöne Erfahrung, manchmal eine anstrengende. Mitunter stört sie ihr eigenes Gutmenschentum trotzdem. Ich kann zu hoffnungslosen Fällen nicht Nein sagen. Nicht zu dem Straßenhund, um den sie sich lange kümmerte, nicht zu dem jugendlichen Punk, den sie schon mal für einen Monat aufnahm, nicht zu unfruchtbaren Paaren, die in Deutschland kaum Chancen auf ein eigenes Kind haben. Ich hätte Nein sagen können, sagt sie. Aber mein eigenes Leben bleibt nicht stehen durch eine Leihmutterschaft.








Ein Kurier klingelt. Sie öffnet das Paket. Marvelon, Utrogestan, Estrofem, Zoladex. Acht große Packungen. Und auf dem Sofatisch die Adresse ihres neuen Psychotherapeuten.




 

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