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Leck auf der Plattform

von Tiemo Rink

14. Dezember 2013  —  Der Tagesspiegel

Wochenlang bereiten sich die Umweltaktivisten auf diesen Moment vor. Sie wollen in Berlin eine Veranstaltung des Shell-Konzerns stören und haben dafür extra eine Maschine konstruiert, eine Wundermaschine, sagen sie. Über einen bösen Plan, der einer guten Sache dienen soll.

 

- Nominiert für den Alternativen Medienpreis 2014 -


Es gibt diese Momente im Leben, da weiß man: Jetzt hat man verloren, jetzt geht nichts mehr. Als der Mann aus der Shell-Presseabteilung diesen Moment erlebt, sitzt er einfach nur da und schweigt. Und kratzt sich am Kinn. Zwischen seinen Füßen wird das dritte Bier langsam schal, bis eben war es noch ziemlich locker zugegangen. Die Kollegin von der PR-Agentur neben ihm hat sich aus dem Staub gemacht. Es wird ein langer Moment für den Pressesprecher. Dann springt er auf, läuft zum Tontechniker und macht eine eindeutige Geste: Ob dem Kerl auf der Bühne jetzt bitte endlich mal das Mikrofon abgedreht werden könne? Aber es ist zu spät.

Bis eben stand auf der Bühne auch noch eine seltsam aussehende Maschine.

Aus der haben sich gerade etwa 60 Liter einer schwarzen, ölartigen Flüssigkeit in den Saal ergossen. Wie aus einem Leck spritzte sie heraus. Die Maschine ist jetzt verschwunden. Aber der Kerl ist immer noch da, platscht durch schwarze Pfützen und ruft zu zivilem Ungehorsam gegen den Erdölkonzern auf. Das Publikum jubelt, doch der Pressesprecher, wie gesagt, will das alles nicht mehr. Es ist kurz vor halb zehn am vergangenen Mittwochabend im Berliner Tempodrom.

Die Anderen haben gewonnen.

Vier Wochen zuvor öffnet eine Mitarbeiterin der PR-Agentur Burson-Marsteller eine Email. Darin bewirbt sich ein junger Mann mit dem Namen Paul von Ribbeck für die Teilnahme am „Shell Science Slam“. Sie antwortet: „Lieber Paul, vielen Dank für deine Bewerbung. Wir melden uns im Laufe der Woche, spätestens Anfang nächster Woche, bei dir! Gruß, S.“

Bei einem Science Slam treten Nachwuchswissenschaftler vor Publikum und einer Fachjury gegeneinander an und präsentieren ihre Forschungsergebnisse unterhaltsam und in wenigen Minuten. Auch der Ölkonzern Shell bedient sich dieses Ideen-Wettkampfs. Gesucht werden Wissenschaftler mit „Ideen für die Zukunft der Energie“, schreibt Shell auf seiner Internetseite. Das Unternehmen will einen Kontrapunkt setzen zum weit verbreiteten Image des Umweltverschmutzers – „Greenwashing“ wird diese Methode von Kritikern genannt.

„Lieber Herr von Ribbeck“, meldet sich als nächstes der für den Ablauf der Veranstaltung verantwortliche „Regisseur“. Er bittet um ein Gespräch. „Wir würden über Ihre Präsentation sprechen, ich denke das dauert 10-20 Minuten.“

Paul von Ribbeck hat in seiner Bewerbung eine sensationelle Erfindung vorgestellt: ein Auto, das die Umwelt nicht mehr verpestet, sondern reinigt. Und er hat ein Video mitgeschickt. Darin erklärt er, dass seine Maschine das Kohlendioxid der Autoabgase in einer Art Batterie speichert. Die wiederum lasse sich an Tankstellen reinigen, das Kohlendioxid anschließend industriell weiterverwenden. Er erstellt eine Powerpoint-Präsentation und wirbt dafür, die gespeicherten Abgase als Kohlensäure für Cola oder Mineralwasser zu nutzen. Und weil Umweltschutz ein wichtiges Thema ist, hat er auch einen Namen für seine Erfindung: „Das 5000-BS-Auto“. BS steht für Baumstärke. Seine Maschine soll so viel Kohlendioxid filtern wie 5000 Bäume.

Noch mal: Da kommt ein junger Mann aus adligem Haus und schlägt vor, mit Autoabgasen Mineralwasser herzustellen.

Paul von Ribbeck heißt eigentlich Jean Peters, ein Polit-Guerillero, Spezialgebiet: Rollentausch. Hinter ihm steht das anarchistisch angehauchte „Peng! Kollektiv“.

Drei Tage später kommt die Einladung. Paul von Ribbeck ist dabei. Nun denn, sagen sich die Aktivisten.

An einem Freitagnachmittag steht ein junger Ingenieur, nennen wir ihn Max, im Baumarkt und sucht Schrauben. Wenn Aktivisten in Berlin ein technisches Problem haben und verschwiegen genug sind, dann haben sie vielleicht auch die Handynummer von Max. Man kann ihn treffen, er hört sich die Pläne an und fängt dann an zu bauen. Er hat Feuerlöscher schon zu Graffitisprühdosen umfunktioniert oder bastelt Rohre, mit denen sich Anti-Castor-Demonstranten an Gleisen festketten könnten. Und die 5000-BS-Maschine.

Für die sucht er jetzt billige Schrauben, die aber stark genug sind, einen etwa 60 Kilogramm schweren Kanister zu halten. Sie kosten 84 Cent, die komplette Maschine am Ende 400 Euro. Sie besteht im Wesentlichen aus einem Tank und einer Pumpe, verbaut in einer Metallkiste, aus der ein paar Schläuche und ein Erlenmeyerkolben ragen. Unter der Kiste steht ein Generator, dessen Abgase angeblich in der Maschine gereinigt werden, eine Leihgabe aus einer befreundeten WG. Außerdem ein Notausknopf, der zu nichts taugt, außer dass er einen guten Eindruck macht. Streng genommen geht es nur um den guten Eindruck.

„Wenn wir einmal drin sind, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen“, sagt Max. Was nicht passieren darf: ein Testlauf der Maschine vor der Jury. Dann fliegt die Truppe auf, mit ihrer inszenierten Ölkatastrophe im Tempodrom.

Ein Trojanisches Pferd, sagt Max mit roten Wangen. Er ist ein Umweltschützer, der auf einem Liegerad mit hölzernen Bauteilen durch die Stadt fährt. Der „containern“ geht, was bedeutet, von den Abfällen der Supermärkte zu leben. Er gibt nur etwa 60 Euro monatlich für Essen aus. Ein halbes Jahr lebte Max freiwillig auf der Straße, schlief in einer Hängematte, die er nachts in der Wuhlheide aufspannte. Oder auf dem Tempelhofer Feld, oben in den Bäumen, wo ihn die Sicherheitsleute nicht fanden.

Noch sieben Tage. Ganz locker sei so ein Slam, sagt der Shell-Pressesprecher am Telefon. Trotzdem brechen ihnen die ersten Kandidaten weg. In Hamburg und Köln finden ebenfalls Science Slams statt, in Köln ist nun ein Teilnehmer krank geworden, da mussten sie einen der Berliner nach Köln verfrachten. Er sagt, Markus Kavka mache die Moderation, „der stellt dann am Anfang ein paar spaßige Fragen, wer aus dem Publikum denn noch nie bei einem Science Slam gewesen ist – und der wird dann Publikumsjuror, so in der Art“.

In Berlin treffen sich eine Handvoll Aktivisten in einem Büro am S-Bahnring. „Secret Action“ steht auf dem etwa vier Quadratmeter großen Plan, der an der Wand hängt. Knapp 300 Leute passen in den Veranstaltungsraum, wissen sie, das Peng! Kollektiv hat sich knapp 30 Karten besorgt. „Shell will, dass es voll wird“, sagt Jean Peters genannt von Ribbeck, „und wir wollen das auch.“

Es sind viele Leute in den Plan eingeweiht. Jetzt werden die Rollen verteilt. Da sind die „Ökospinner“, die Shells Pläne, in der Arktis nach Öl zu bohren ebenso anprangern werden wie die Menschenrechtsverletzungen und Umweltverschmutzungen, die der Konzern im Nigerdelta zu verantworten hat. Sie werden sagen: Tausende seien ihrer Lebensbedingungen beraubt worden, Öl aus den Shell- Pipelines habe Landstriche verwüstet.

Dagegen werden die „Beschwichtiger“ antreten. Wieder andere kommen als Kameraleute eines „Studentensenders“ und filmen. Nach der Aktion erscheint ein „Schmuggler“ und holt die Speicherkarten ab. Für die Security-Leute haben sie leere Speicherkarten dabei. Vor dem Tempodrom wartet einer, der die Karten in Empfang nehmen und sofort verschwinden wird. Andere filmen derweil mit dem Smartphone weiter, und wieder welche schaffen die Maschine aus dem Raum. Eine Frau mit Locken will versuchen, als Publikumsjuror an die Stimmzettel zu gelangen.

Und sollte Paul von Ribbeck vor der Show von der Fachjury mit technischen Fragen gelöchert werden, auf die er als Sozialwissenschaftler mit zwei Masterabschlüssen keine Antwort wird geben können, dann taucht in dem Moment zufällig eine alte Frau auf, legt ihm die Hand auf die Schulter und erklärt, wie sehr sie sich freue ihn hier zu sehen und dass sie ihm unbedingt etwas erzählen müsse. Das wäre die letzte Reißleine, für den Fall, dass die Sache mit dem fingierten Anruf nicht funktionieren sollte.

Bei der PR-Agentur Burson-Marsteller haben sie zu der Zeit auch einen Tip, wer sich beim Science Slam durchsetzen werde. Einen „besonders pfiffigen Kandidat“ hätten sie in Berlin, sagt eine Mitarbeiterin, „eine richtige Rampensau“, sein Name sei Paul von Ribbeck.

„Ich bin echt gespannt und freu mich wie ein kleiner Affe auf seine Kokosnuss“, steht in der Mail, die Paul von Ribbeck an die Veranstalter schreibt.

Nach Meinung vieler beim Peng! Kollektiv ist die klassische Arbeit der Umweltschutzorganisationen gescheitert. Denn längst kooperierten die mit Unternehmen, die sie eigentlich bekämpfen müssten. Der WWF gebe sein Panda-Logo her für Produkte von Rewe und Edeka, in den USA arbeiteten die Naturschützer von „Conservation International“ zusammen mit Starbucks und Walmart. Kooperation statt Konflikt – die Ergebnisse jedoch seien miserabel, das Kyoto-Protokoll sei tot, die Klimaerwärmung schreite voran, Interessen würden verschleiert, indem so getan werde, als gäbe es tatsächlich Win-win-Situationen, als müsse man nur darüber reden.

„Shell soll keinen Science Slam veranstalten sondern als größtes Unternehmen der Welt endlich im Nigerdelta aufräumen und die Opfer vernünftig entschädigen“, sagt Peters.

Noch ein Tag. Die Katastrophe ist da. Die Veranstalter haben sich gemeldet: Sie wollen einen Probelauf vor der Show.

In einer Berliner WG in einem ehemaligen Industriegebäude sind sie in diesem Moment durchaus verzweifelt. Aber sie können es abwiegeln. Die Maschine würde mehrere Durchläufe nicht überstehen, sagen sie, der Batterie wegen, komplizierter Mechanismus. Das genügt. Aber den Vortrag muss der falsche Adlige halten. Jetzt stellt sich heraus: Er kann es nicht, versteht nichts von dem Thema. Die Aufgabe: Ein falscher Wissenschaftler muss eine Jury von einer Erfindung überzeugen, die er nie gemacht hat. Die Lösung: Karteikarten, Vokabeln lernen, Fachchinesisch.

Mit drei Leuten haben sie bei Burson-Marsteller in den letzten Monaten für den Science Slam gearbeitet. Das sei schon ein gewisser Aufwand gewesen, sagt Mitarbeiterin S. Jetzt sind es noch vier Stunden. Nein, sagt S. da im Tempodrom, mit den Beiträgen der Teilnehmer würde man die Fachjury vorher nicht behelligen. Sonst seien die am Ende noch voreingenommen. Sie selbst versteht nichts von Technik und Naturwissenschaften, macht aber nichts. Es gehe, sagt sie darum, einen schönen Abend zu haben und auf Shell aufmerksam zu machen.

Es gibt Menschen die sagen, Agenturen wie Burson-Marsteller sind ein Demokratie-Häcksler. Weil sie das Vertrauen der Wähler in ihre Möglichkeiten zur Mitbestimmung erschüttern und im Auftrag mächtiger Unternehmen deren Interessen verschleiern. Weil insbesondere diese Agentur in der Vergangenheit schon Pressearbeit für die argentinische Militärjunta oder den chilenischen Diktator Augusto Pinochet machte, der tausende Oppositionelle ermorden und ihre Leichen ins Meer schmeißen ließ. Weil Burson-Marsteller für das Saatgutunternehmen Monsanto Menschen dafür bezahlt, bei inszenierten Kundgebungen als Anhänger der Gentechnik aufzutreten. Oder weil Burson-Marsteller Demonstrationen kurzerhand selber organisiert: Zum Beispiel für den umstrittenen Ausbau des Frankfurter Flughafens – im Auftrag von Lufthansa, Fraport und Condor. Und nun also Shell.

Noch zwei Stunden. Markus Kavka, ein Endvierziger in Turnschuhen, sitzt am Bühnenrand und schaut auf sein Handy. Hinter ihm schieben drei jüngere Herren eine Maschine auf die Bühne.

Dann fliegen sie auf, müssen auffliegen. Ob da etwa Benzin in dem Generator sei, fragt eine resolute Frau von der Haustechnik. Es folgt von ihr ein Vortrag, geprägt von Wörtern wie Brandschutz, Sicherheitsbestimmung und Hausordnung. Schluss mit lustig. Darauf erklären die jungen Herren, dass die Maschine zur Not auch mit Strom aus der Steckdose funktionieren würde.

Welche Abgase dann gereinigt werden? Egal.

Noch eine Stunde, Showtime: Wer aus dem Publikum denn noch nie bei einem Science Slam gewesen ist, fragt Markus Kavka. Auf der Tribüne meldet sich eine Frau mit Locken.

Der erste Redner fordert mehr Erderwärmung, das ist Sarkasmus und war nicht geplant. Der zweite hantiert mit einer Zitrone und einer Glühbirne herum. Paul von Ribbeck sitzt in der ersten Reihe, erstaunter Blick, was hier los ist.

Noch eine Minute. Jetzt haben wir hier unsere Wundermaschine, sagt Paul von Ribbeck. Die Frau von Burson-Marsteller lacht kurz, als das Wort Wundermaschine fällt, der Shell-Pressesprecher nimmt einen Schluck Bier.

Dann zieht der Mann, den sie Paul von Ribbeck nannten, das schwarze Tuch weg, das über der Maschine lag.

Und dann? Dann läufts.



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