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Heute spiel ich, morgen lern ich

von Katrin Langhans

18. Dezember 2012  —  Dein SPIEGEL

Keine Lust auf Unterricht? In einer Leipziger Schule entscheiden die Kinder selbst, ob und wann sie lernen. Kann das gut gehen?


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Arthur ist neun Jahre alt, aber er kann noch nicht lesen und schreiben. Dabei ist Arthur nicht blöd. Er hat nur keine Lust. Und niemand zwingt ihn zum Lernen. Denn in seiner Schule gibt es keinen festen Unterricht, keine Hausaufgaben und keine Noten. Niemand meckert, wenn Arthur den ganzen Tag lang Panzerschiffe oder Festungen baut, wenn er als Pirat durch die Schule streift oder mit seinem Lehrer Karten spielt. Das klingt nach einem Paradies. Man fragt sich nur: Ist es das auch?

Arthur besucht die „Freie Schule Leipzig“. Das ist eine sogenannte Demokratische Schule. Demokratisch heißt: Alle dürfen mitbestimmen, wie es in der Schule läuft. Die Schüler stimmen sogar darüber ab, welcher Lehrer unterrichten darf und welche neuen Kinder auf die Schule kommen. Die Meinung eines Schülers zählt dabei genauso viel wie die eines Lehrers. Und da es nur 14 Lehrer, aber 149 Schüler gibt, bestimmen vor allem die Kinder die Schulregeln.

Nur eines dürfen die Schüler trotz Mehrheit nicht ändern: Von 8.30 bis 13 Uhr müssen alle in der Schule sein. Das überprüfen die Lehrer mithilfe einer Fotowand, die im Flur hängt. Jeden Morgen dreht Arthur ein Holzkärtchen mit seinem Namen um. Auf der Rückseite klebt ein Foto von seinem Gesicht. Jetzt wissen die Lehrer, dass er da ist. Arthur läuft über den Flur in sein Klassenzimmer.

Er lässt sich auf ein rotes Kissen plumpsen und kuschelt sich an seinen Lehrer Felix Nowottnick. Arthur darf die Lehrer duzen und beim Vornamen nennen. Trotzdem: Auch an dieser Schule sind Lehrer manchmal streng: wenn Kinder ihren Müll nicht wegräumen. Oder wenn sie den Unterricht stören. Es gibt nämlich auch ganz normale Kurse wie Deutsch, Chemie oder Englisch. Arthur kann sich selbst aussuchen, welche er besucht.

Aber Arthur mag keinen festen Unterricht. Er baut lieber Fantasiebauten aus „Kaplas“. Das sind fingerlange Bauklötze. Seine Lehrer finden das okay. Sie sagen, dass Arthur auch beim Spielen etwas lernt. Zum Beispiel, wie man Bauklötze so stapelt, dass das Gebäude stabil ist.

Dass Arthur erst ein paar Wörter schreiben kann, aber noch keinen ganzen Satz, das findet der Lehrer Henrik Ebenbeck nicht schlimm. Er glaubt, dass Kinder am besten lernen, wenn sie es freiwillig tun. Trotzdem haben Arthurs Mutter, Arthur und der Lehrer jetzt vereinbart, dass Arthur jeden Tag wenigstens drei Wörter liest und schreibt. Arthur findet das in Ordnung.

Andere Kinder an derselben Schule mögen den Unterricht gern, zum Beispiel Fredda. Sie ist zwölf Jahre alt und geht am liebsten zum Deutsch-Kurs. Manchmal hilft Fredda den jüngeren Schülern beim Schreiben. Zu den Mathe-Kursen geht sie dagegen nicht so oft: „An manchen Tagen fühle ich mich nicht danach, Mathe zu lernen, dann hat es auch keinen Sinn“, sagt sie. Aber wenn sie sich entscheidet Mathe zu pauken, ist sie voll konzentriert. „Ich kann hier ohne Druck lernen“, sagt Fredda. Wenn sie etwas nicht versteht, kann sie so oft nachfragen, wie sie will, ohne dass der Lehrer sauer wird. Fredda dürfte sogar während der Schulzeit schlafen, ohne dass jemand meckert.

Jetzt flitzt Fredda in den Keller, um ihrer Freundin Nele bei der Bandprobe zuzuhören. Nele sing „Today I don't feel like doing anything“ aus einem Lied von Bruno Mars. Auf Deutsch heißt das so viel wie „Heute fühle ich mich nicht danach, irgendetwas zu tun.“ Das passt ja irgendwie.

Fredda summt leise mit. Für das kommende Schuljahr hat sie sich vorgenommen, öfter zu Mathe zu gehen, weil sie später den Realschulabschluss machen möchte. Dafür muss sie fünf mündliche und vier schriftliche Prüfungen an einer normalen Realschule bestehen. Das ist ganz schön viel. Normalerweise müssen Realschüler nur vier Prüfungen bestehen. Aber Fredda hat ja nie eine Klassenarbeit geschrieben oder Noten bekommen. Deswegen müssen die Lehrer bei ihr genau prüfen, was sie weiß.

Wie an anderen Schulen auch haben viele Schüler Angst vor den Prüfungen. Vielleicht sogar noch ein bisschen mehr – sie sind Prüfungen ja nicht gewohnt. „Aber ich glaube, dass ich das schaffe“, sagt Fredda. Im vorigen Schuljahr konnten die ersten Schüler ihren Realschulabschluss machen. Immerhin: Drei der fünf Jugendlichen haben mit einer Zwei vor dem Komma bestanden.




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