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Herr Aynal und seine armenische Frage

von Nancy Waldmann

8. Mai 2012  —  Stuttgarter Zeitung

Benjamin Aynal kommt als Jugendlicher von Istanbul in ein Dorf auf der Schwäbischen Alb. Der Gastarbeitersohn bleibt Armenier mit Leib und Seele. Das Schicksal seiner Ahnen treibt ihn um.

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Im Wohnzimmer der Familie Aynal hängt das Bild eines aufgepeitschten, türkis leuchtenden Meeres. Kein Schiff und kein Land in Sicht. Es ist das Gemälde ihres Landsmanns, des armenischen Malers Aiwazowski. In dem Haus im schwäbischen Reutlingen, in dem Benjamin Aynal und seine Frau seit 31 Jahren leben, hängt das Bild wie eine  Warnung, sich nicht zu sicher zu wähnen im eigenen Heim. Und sich als Armenier immer der Verlorenheit  zu besinnen.

Benjamin Aynal ist ein großer, kräftiger Mann von sechzig Jahren. Er sitzt im Sessel und schlürft einen Cognac. Dazu gibt es Kaffee und „Zigarettenbörek“, Teigröllchen mit Käsefüllung. Über ihm schwebt ein Foto des Katholikos, dem Oberhaupt der armenisch-apostolischen Kirche, der ältesten christlichen Kirche der Welt. Neben dem Fernseher stehen Bilder der Kinder und Enkelkinder, dazwischen ein  silbernes Kruzifix.

Ihr Vater wisse genau, was er wolle, sagt seine Tochter Vartuhi. Es dauert keine fünfzehn Minuten, und Benjamin Aynal ist bei seinem Thema.  „Warum müssen wir ständig zerstreut über die ganze Welt leben? Ständig um unsere Identität kämpfen? Warum haben wir keine Heimat? Das ist keine Frage von gestern!“ schmettert er in den Raum. Aynal spricht vom Völkermord  an den Armeniern im Osmanischen Reich vor 97 Jahren, dem bis zu 1,5 Millionen Menschen zum Opfer fielen, und den die Türkei, der Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches, nicht so nennen will. Und er meint die Folgen, die bis heute andauern: Unterdrückung, Vertreibung, Exil. Aynal ist einer von 40 000 Armeniern in Deutschland. Von den  zehn Millionen Armeniern leben  weniger als ein Drittel in ihrer Heimat.

Benjamin Aynals Antwort auf die armenische Frage ist sein Leben: Er hat eine Armenierin geheiratet. Gab den beiden Kindern armenische Namen. Pflegt die armenische Sprache in Wort und Schrift. Hält Kontakt zu den Verwandten in Frankreich, der Türkei und Amerika. Hat sich jahrzehntelang für die armenische Gemeinde in Baden-Württemberg engagiert. Verfolgt alles, was sich in der armenischen Frage tut, mit Hilfe von drei Fernsehantennen im Vorgarten in armenischen, türkischen und deutschen Medien. Er schreibt in Zeitschriften  und hält Vorträge. Pflegt Freundschaften zu Armeniern. Und er hat seine Autobiografie geschrieben, auf Westarmenisch, der Sprache der Diaspora-Armenier. Auf Türkisch wäre es ihm leichter gefallen, denn es ist die Sprache seiner Eltern, die er bis heute am besten beherrscht.

„Herr Aynal  ist ein interessanter Gesprächspartner“, sagt der Anwalt, bei dem Aynal einen Minijob als Bürokraft hat. Wegen ihm kommen viele türkische Klienten in die Kanzlei, für die er übersetzt. Trotzdem gibt es in Aynals Freundeskreis keine Türken. Mit dem türkischen Nachbarn in der anderen Haushälfte versteht er sich gut, aber man lädt sich nicht  ein – „lieber Grenzen setzen“, sagt er. Irgendwann käme es zu Meinungsverschiedenheiten, und der Dialog wäre dahin, glaubt Aynal. Wegen der umstrittenen Geschichte, wegen Glaubensgrundsätzen. Wenn es um die Rechte der Armenier in der Türkei und die Rechte der Türken in Deutschland geht, um die Höhe der Minarette oder um einen gesetzlichen Ramadan-Feiertag, dann wird Aynal ungehalten. Deutschland ist doch ein christliches Land!”

In einem Kellerraum seines Hauses hütet Aynal sein Armenien wie einen heiligen Gral. Es riecht nach alten Zeitungen – Veröffentlichungen auf Armenisch, Deutsch und Türkisch, die er gesammelt hat. Im Bücherregal stehen Werke in drei Sprachen zum Völkermord, etwa Werfels „40 Tage des Musa Dagh“. An der Wand neben einer Karte von Berg-Karabach hängt die Kopie eines unscharfen Fotos, auf dem gekreuzigte Armenier in der Wüste zu sehen sind. Im Bilderrahmen ist Sand aus der syrischen Wüste Der-Es-Zor. Der Wüstensand berge, so Aynal, die zu Staub gewordenen Knochen der Opfer. Daneben lies man auf Türkisch den Klagevers einer Zeugin: „Wäre ich doch blind geworden, ich hätte die Hölle nicht geschaut“, übersetzt er.

Aynal berichtet von seiner Großmutter, die überlebte, weil ein türkischer Gendarm sie heiraten wollte, während sie ihre Eltern und Geschwister in den Tod ziehen lassen musste. Ihre Mutter beschwor sie, sie solle die Familie später rächen, indem sie viele Kinder bekäme. Nach dem Krieg verließ die Großmutter den türkischen Gendarm, ihr gemeinsames Kind starb. Sie bekam acht Kinder mit einem Armenier. „Verstehen Sie, dass ich meinem Volk etwas schuldig bin?“ Aynal wird wieder laut.

Seit er vor vier Jahren seinen Schnauzbart abrasiert hat, kann man seine Herkunft kaum  mehr erahnen. Wenn sie jemand erahnte, gab es meistens ein Missverständnis. Aynal ist in der Kleinstadt Pinarbasi in Anatolien geboren und in Istanbul aufgewachsen. 1966 beschlossen seine Eltern, als Gastarbeiter nach Deutschland zu gehen. Er war 15 als sie nach Großengstingen auf die Schwäbische Alb kamen.  Aynal machte  dort seinen Hauptschulabschluss,  arbeitete in einer Textilfabrik, später als  Schlosser. Dass er und seine Familie  keine Muslime, sondern Christen sind, begriff fast niemand.

Er  hat zwei Namen. Einen offiziellen – Aynal, der auf seinem Türschild steht. Und einen wahren – Ehmalian. Weil ein türkisches Gesetz in den 30er Jahren bestimmte Namenssilben verboten habe, hätten seine Eltern  nicht Ehmalian heißen dürfen, sagt er. Stattdessen habe der Standesbeamte den Namen Aynal für sie festgelegt.

Als Aynal deutscher Staatsbürger wurde, wollte er wieder den originären Familiennamen annehmen. Er hatte aber zu wenig Belege dafür, dass er  Ehmalian hieß.  Die Standesbeamtin habe ihm vorgeschlagen, einen  deutschen Namen anzunehmen –  Müller oder Schmidt. Er blieb bei Aynal.

Er ist ein guter, man möchte sagen besessener Erzähler.  Aus dem Los  des Diaspora-Armeniers hat er die Tugend des Geschichtenerzählers gemacht.  Unerschöpflich scheint sein Gedächtnis. Benjamin Aynal schreitet seinen alten Schulweg in Großengstingen ab, und die Geschichten sprudeln nur so aus ihm heraus. Er rekapituliert eine Auseinandersetzung mit seinen Mitschülern, kurz nach seiner Ankunft in dem fremden Land, dessen Sprache er nicht sprach. „Du Türke! – I am Armenian. I am Catholic! – Römisch-katholisch or old-katholisch? – Römisch. – ‚Which passport? – Turkish. – O-Allah o-Allah.“  Aynal macht die Bewegungen der Kinder vor. Mit erhobenen Händen verneigen sie sich, betende Moslems imitierend.

„Ich war so wütend damals“, sagt er lachend.  Als Jugendlicher auf der Alb fühlte sich Aynal „sehr sehr verlassen“. Er kannte die Wut schon aus der Türkei, wo man ihn als  „Gawur“ als  Ungläubigen, anfeindete. Trotzdem blieb der Istanbuler Stadtteil Gedikpascha, wo er aufgewachsen war, sein Sehnsuchtsort. Immer  wartete er nur darauf, dass die Ferien kamen und er mit seiner Familie in die Heimat fuhr.  Das alte Gedikpascha ist untergegangen, die Armenier sind ausgewandert. In seiner  frühere Schule sind Schuhmacher eingezogen.

„Ich bin froh, dass ich das alles erlebt habe. Auch Schmerz  und Qual sind eine Bereicherung des Lebens“, sagt Aynal im Auto  auf der kurvigen Straße von der Alb hinunter nach Reutlingen. Und:  „Die Liebe ist nicht nur ein Gefühl. Sie ist eine Himmelsmacht und sie verlangt Aufopferung.“ Er muss zurück zu seiner Frau, die an einer schweren Krankheit leidet, und für die er – so sagt ein guter Freund – alles tue. Yeranuhi, eine Armenierin, die er auf einer von den Eltern arrangierten Brautschau kennenlernte und mit der er eine Vernunftehe einging, bezeichnet er heute als sein größtes Glück. Als „Vorsehung“, die ihm in einem Traum vorhergesagt wurde.

Eine kurvenreiche Straße war es auch, auf der der junge, vom Militärdienst in der Türkei heimgekehrte Aynal sich und seine damalige Verlobte, eine muslimische Kosovo-Albanerin, um ein Haar in einen Autounfall verwickelt hätte. Absichtlich – aus Wut darüber, dass sie ihn verlassen hatte und das Kind eines anderen im Bauch trug.

Diese Frau sei es gewesen, sagt  Aynal, die bei einer gemeinsamen Bootsfahrt in der Türkei vorhersah, dass er ein  „unbescholtenes armenisches Mädchen“ heiraten würde, und nicht sie.  Yeranuhi sagte eine Wahrsagerin aus dem Kaffeesatz voraus, wen sie heiraten werde. So kam es.

Aynal hat Freude daran, bei Lesungen die Geschichte seiner ersten Liebe im Beisein seiner Frau vorzutragen. Er unternimmt fast nichts mehr ohne Yeranuhi. Seit ihrer Krankheit lebt er zurückgezogen.  Vor zehn Jahren hat er angefangen zu schreiben. „Hör bloß nie damit auf“,  sagt seine Frau immer zu ihm,  „dann bist du ruhiger.“ Benjamin Aynal hat noch viel zu erzählen.

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