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Vor 20 Jahren gewann Dieter Baumann Gold. Heute macht er Witze. Foto: Ruben Frank; Text: Dominik Drutschmann  — Link
Heimat Hof

von Lena Muessigmann

1. Oktober 2012  —  enorm

Die Soziale Landwirtschaft ermöglicht Straffälligen oder psychisch Kranken einen Weg zurück in die Gesellschaft. Profit für die Höfe: ein sicheres Zusatzeinkommen

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Im Gewächshaus auf dem Hof Dinkelberg steht Jakob in gebeugter Haltung und vereinzelt winzige Salatsetzlinge. „Immer pikieren, ich verstehe die Arbeit“, sagt er in gebrochenem Deutsch, strahlt und zeigt durch den dichten Vollbart seine Zahnlücken. Jakob ist 50, in Syrien geboren, und war lange obdachlos. Heute lebt er im Markus-Pflüger-Heim gleich nebenan. Morgens um 8.30 Uhr beginnt er seine
Arbeit in der Gärtnerei, um halb zwölf hat er Feierabend. Danach will er nur noch schlafen oder fernsehen, sagt er. Auf seiner roten Schirmmütze, auf der sich ein Salzrand abzeichnet, sind in weißer Schrift zwei Worte aufgestickt: „Zukunft säen!“

Knapp 200 Hühner, 27 Kühe, drei Schweine und viel Gemüse gibt es auf dem Hof im südbadischen Schopfheim, 50 Ki-lometer südlich von Freiburg. Um deren Versorgung und die Ernte kümmern sich, neben den regulären Mitarbeitern, 30 psychisch Kranke. Jakob ist einer von ihnen. Er ist wenig leistungsfähig, aber wie viel er in einer Stunde im Gewächshaus schafft, ist nebensächlich. Die Arbeit auf dem Hof entlockt ihm ein Lachen, strukturiert seinen Tag und gibt ihm das Gefühl, gebraucht zu werden. Darauf kommt es in der Sozialen Landwirtschaft an.

Seitdem die landwirtschaftliche Arbeit immer weiter intensiviert wird, die Preise
für Lebensmittel sinken und der Druck auf die Bauern wächst, verlieren Höfe ihre soziale Funktion. Die Arbeit mit der Natur wird den Menschen fremd, vor allem Arbeitsplätze für geringqualifizierte Beschäftigte gehen verloren. Dort setzt die Soziale Landwirtschaft an. Das Konzept: Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen, straffällige oder lernbehinderte Jugendliche, Suchtkranke und
Langzeitarbeitslose werden in die Arbeit eingebunden.

Etwa 600 Höfe gibt es in Deutschland, europaweit liegt die Zahl Forschern zufolge im mittleren vierstelligen Bereich. Die Betreiber sind häufig Existenzgründer, die sich dem Größenwahn in der Produktion von Fleisch, Milch, Getreide und Gemüse verweigern und mit dem sozialen Angebot eine zusätzliche Einnahmequelle schaffen. „Die Landwirtschaft wurde in der Vergangenheit sehr auf die Urproduktion reduziert. Dabei bietet sie mehr. Bauernhöfe können bunte und vitale Lebensorte sein“, sagt Christian Vieth. Er ist landwirtschaftlicher Berater und Betreiber von Hofgruender.de, einem Portal, das ältere Landwirte mit potenziellen Nachfolgernzusammenbringt; bei rund zwei Drittel aller landwirtschaftlichen Betriebe ist diese Frage ungeklärt. „Landwirtschaft und Gesellschaft müssen wieder näher zusammenrücken“, sagt Vieth. Er bemerke einen Trend zur Sozialen Landwirtschaft und höre häufig den Wunsch, soziale Angebote in den Geschäftsplan zu integrieren. „Zu uns kommen viele junge, gut ausgebildete Existenzgründer, die Idealismus, aber vor allem die nötige Tatkraft mitbringen.“

Ganz neu ist die Idee nicht. Träger wie etwa die Diakonie beschäftigen schon seit 20 Jahren kranke oder behinderte Menschen in der Landwirtschaft. Allerdings müssen deren Höfe in der Regel nicht auf dem freien Markt bestehen. Beim Hof Dinkelberg ist das anders. Er wurde vor 140 Jahren zusammen mit dem Markus-Pflüger-Heim gebaut, bis zum Zweiten Weltkrieg mussten die Bewohner auf den Feldern arbeiten. Heute wird der Hof privat bewirtschaftet, hat einen eigens dafür gegründeten gemeinnützigen Verein im Rücken und kooperiert mit dem Heim. Ein Drittel der Umsätze bringt der soziale Dienst ein, zwei Drittel die landwirtschaftliche Produktion. Christian Vieth kennt Konzepte, in denen sogar 80 Prozent der Umsätze über die sozialen Angebote erzielt werden. Meist muss aber die Landwirtschaft den größten Teil einbringen. „Die betreuten Menschen kann man nicht in wirtschaftliche Verantwortung nehmen“, sagt er. Er findet, dass sich die Angliederung von sozialen Angeboten für den Hofbetreiber trotzdem lohnt, weil der Hof dadurch breiter aufgestellt ist und sein Risiko streut.

„Die Privatisierung der Sozialen Landwirtschaft ist eine Innovation“, sagt Thomas van Elsen von der Universität Kassel. Er hat 2009 die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Soziale Landwirtschaft initiiert und ist auch an Projekten auf europäischer Ebene beteiligt. Aber: „In Deutschland sind die Hemmnisse bei dieser Entwicklung so groß wie nirgends sonst.“ Kleine Betriebe haben es sehr schwer, Werkstätten für Menschen mit Behinderung werden in Deutschland erst ab 120 Plätzen mit öffentlichen Geldern gefördert. Und der Bauernverband hat die Soziale Landwirtschaft gar nicht auf der Agenda, wie ein Sprecher auf Anfrage einräumt.

Im kleineren Holland wurden schon vor vier Jahren 620 „Care Farms“ gezählt. Mit Blick aufs Ausland sagt van Elsen deshalb: „Es tut weh, wenn man sieht, wie wenig Förderung bei uns in die Soziale Landwirtschaft fließt.“ Sieben Förderanträge hat er in den letzten Jahren beim Landwirtschafts- oder Forschungsministerium eingereicht. Alle wurden abgelehnt.

Seine Kollegen in den Niederlanden haben beobachtet, dass die Zahl der Betriebe wuchs, nachdem eine zentrale Koordinationsstelle als Ansprechpartner für Fragen zur Finanzierung und Organisation eines solchen Betriebs eingerichtet wurde. Deutsche Betreiber stehen häufig vor einem Dschungel aus Gesetzen und Ansprüchen. Die Betreuungssätze zahlt je nach Klientel die Agentur für Arbeit, das Jugendamt oder der Sozialhilfeträger. Zentraler Ansprechpartner könnte die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Soziale Landwirtschaft sein – doch auch hier fehlt die Finanzierung.

Für Landwirte, die trotzdem in die Arbeit mit psychisch kranken oder geistig behinderten Menschen einsteigen wollen, entwickelt das Europäische Projekt DIANA zurzeit ein Weiterbildungsprogramm. Auf dem Hof Dinkelberg hat der landwirtschaftliche Betriebsleiter eine sonderpädagogische Zusatzausbildung, die Leiterin der Gärtnerei war zuvor in der Sozialtherapie tätig. Psychotherapeutisch und medizinisch werden die betreuten Mitarbeiter im Markus-Pflüger-Heim behandelt.

Christian Vieth wird in diesem Herbst von Ashoka zum Fellow ernannt und dann selbst gefördert. Er will die Auszeichnung für seine Arbeit nutzen. „Ich will jetzt verstärkt auf politischer und auf praktischer Ebene Dampf machen für landwirtschaftliche Existenzgründer und außerfamiliäre Hofnachfolger.“ Auch wenn die Soziale Landwirtschaft nur eine kleine Rolle in seiner täglichen Arbeit spielt, ist sie eine Herzensangelegenheit für ihn. „Es gibt nichts Schöneres, als in der Landwirtschaft zu arbeiten.“

Auf dem Kohlrabifeld von Hof Dinkelberg ernten drei Männer die Knollen. Einer davon ist Markus Hentschel. Er ist 46 Jahre alt und schätzt die Arbeit mit den regulären Hofmitarbeitern. „Mit den Heimleuten ist es nicht so einfach, die haben mehr Höhen und Tiefen. Bei mir ist das alles vorbei.“ Demnächst zieht er aus dem Markus-Pflüger-Heim aus, in eine eigene Wohnung. Auch er trägt den Spruch rot auf weiß vor der Stirn, der eigentlich zu einer Initiative gegen genmanipuliertes Saatgut gehört, aber nirgendwo so gut passt wie hier: „Zukunft säen!“



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