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Copsa Mica, bleiverseucht, einst die dreckigste Stadt Europas. Foto: Katrin Langhans  — Link
Einwahl statt Eierlikör

von Dominik Drutschmann

25. Mai 2013  —  Der Tagesspiegel




Der ganze Stolz meiner Großeltern war ein Mehrfamilienhaus in Herne. Das liegt zwischen Wanne-Eickel und Castrop-Rauxel und ist selbst nach Ruhrgebietsmaßstäben kein schöner Ort. Trotzdem liebten meine Großeltern dieses Haus. Im Sommer grillten sie im Garten, die Nachbarn brachten Bier mit, man saß zusammen. Am Briefkasten, an den Mülltonnen, überall verweilten die Hausbewohner zum kurzen Plausch. Nicht selten endete der am Kaffeetisch meiner Oma. „Noch einen Eierlikör?“ So war das damals. Ein ehrenwertes Haus.

Auch ich lebe in einem Mehrfamilienhaus. Von meinem direkten Nachbarn weiß ich nach etwa einem Jahr des Tür-an-Tür-Zusammenlebens genau drei Dinge: 1. Er mag Bier, 2. Er sieht gern fern, 3. Er hört nicht mehr so gut.


Wenn er die Bierflaschen wegbringt, grüßt er mich. „Guten Tach“. Mehr nicht. Die Anonymität der Großstadt. Das muss es sein, ich war mir sicher.

Bis ich mal wieder den Müll nicht heruntergebracht hatte. Ich lebe im vierten Stock, der Weg ist weit und ich, nun ja, etwas faul. Müll stinkt mit der Zeit, ich stellte ihn in den Hausflur. Als ich das nächste Mal den Computer einschaltete und unter den vielen anderen Drathlosnetzwerken im Haus das meine suchte, der Schock. Ein Netzwerk, Verbindungsstärke „hervorragend“, hieß: „Bring endlich den Müll runter.“ Ich tat, wie vom Netzwerk befohlen. Kurz darauf – ich war neugierig geworden – schaute ich wieder in die verfügbaren Netzwerke. Statt der Müllanklage ein neuer Name: „Geht doch“.

Als ich meinen Freunden davon erzählte, eine Stimmung wie in der Selbsthilfegruppe. Jeder hatte seine Geschichte. Ein guter Freund von mir etwa lebt in Neukölln, Braunschweiger Straße. In seinem Haus wohnt auch der Ortsvorsitzende der NPD. Das lädt zu Wortspielen ein, klar. Ein Netzwerk im Haus heißt: „Braun-schweig!“

Eine Kollegin von mir wiederum erzählte die folgende Geschichte: Als sie frisch verliebt war, zelebrierten sie ihr neues Glück vor allem in ihrer Wohnung. Kurz darauf entdeckte sie ein Netzwerk mit dem Namen: „Ich kann euch beim Sex hören.“

In Andenken an meine Großeltern, Gott hab sie selig, wollte ich mehr; das abgehoben Digitale auf den Boden des Analogen zurückbringen. Seit zwei Wochen heißt mein Netzwerk „Briefkasten-Nachbarschaftsplausch-17Uhr“. Seitdem stehe ich jeden Tag am Briefkasten, warte darauf, dass mir jemand einen Eierlikör anbietet oder zumindest einen kleinen Plausch mit mir hält. Letzten Donnerstag war es so weit. Dachte ich. Ich hörte eine Tür, dann Schritte aus dem Treppenhaus. Um die Ecke kam mein Nachbar, eine Tüte mit leeren Bierflaschen in der Hand. Als er an mir vorbeiging sagte er „Guten Tach“, schaute auf den Boden und ging hinaus.



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