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Ein Kinderspiel

von Stefanie Maeck

17. Dezember 2012  —  DER SPIEGEL

ORTSTERMIN: In München wollen zwei krisenerprobte Griechinnen die deutsche Kita-Krise lindern.

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Athanassios Tsokos, erster Hemdknopf offen, imposante Silberuhr, hat den Platz an der Stirnseite des Konferenztischs eingenommen und streut fröhliche Sätze in den Raum. Er ist gut drauf. Er kann Lösungen präsentieren.

Tsokos leitet zusammen mit seinem Bruder die Personalvermittlungsagentur Axia. Er hat Büros in München, Athen und demnächst auch in Thessaloniki und eine klare Vorstellung davon, welche Problemlösungen gerade gefragt sind, in deutschen Städten.

Früher hat er meist Ärzte und Ingenieure vermittelt. Jetzt bedient er vor allem Kindergärten. Im Westen Deutschlands fehlen 14000 Erzieherinnen. In Griechenland fehlen 345 Milliarden Euro. Die Zukunftskrise der Griechen und die Kita-Krise der Deutschen verschmelzen bei Tsokos zu einem wunderbaren Geschäftsmodell.

In den Räumen des Münchner Kinderschutz e.V. bringt Tsokos die beiden Krisen an einem Tisch zusammen, es sieht nach Aufbruch aus, nicht nach Krise.

Kyriaki Nikolaidou, diplomierte Erzieherin, 22, ist eine griechische Schönheit, Pferdeschwanz, lange Wimpern, modische Stiefel. Zu ihrer Begrüßung sind ein Herr vom Vorstand des Kinderschutz e.V. erschienen, eine Bereichsleiterin für Kindertagesstätten, zwei Kita-Leiterinnen, Tsokos’ Bruder und eine junge Frau aus Kreta, die auch ihren ersten Arbeitstag hat.

Die Kita-Leiterinnen reichen Lebkuchenherzen und erzählen, dass eine der Stellen beinahe zwei Jahre nicht besetzt werden konnte, weil viele Kandidaten nicht einmal zum Vorstellungsgespräch erschienen sind. Die Bereichsleiterin bietet Brezeln an und fragt, ob die Griechinnen schon mal Brezeln gegessen haben. Die Griechinnen schütteln stumm den Kopf und hängen sich die Lebkuchenherzen um.

Kyriaki Nikolaidou, die schöne junge Frau, lebte bei ihren Eltern in Kalampaki, einem Ort mit gut 6000 Einwohnern. Ihr Vater fährt Lieferwagen, aber ihr Bruder und sie haben studiert. Ihr Abitur hat sie mit 1,3 gemacht, sie besitzt ein Sprachzertifikat des Goethe-Instituts, hat das Studium der Vorschulpädagogik mit „sehr gut“ abgeschlossen und Seminare in Kognitiver Psychologie besucht. Ihre Diplomarbeit stellte sie auf dem „3. Panhellenischen Kongress für Entwicklungspsychologie“ vor. Zuletzt arbeitete sie im Café Adeso, wo sie Cappuccino mit Herzschaum servierte und 200 Euro verdiente.

Dann sah sie die Anzeige von Tsokos’ Firma im Internet, hatte ein Gespräch mit Axia und dann eines mit der Bereichsleiterin, die dafür eigens nach Athen geflogen war. Geld haben die Deutschen ja. Kyriaki weiß, dass akademische Bildung bei deutschen Erzieherinnen nicht üblich ist, der Anteil liegt nach den jüngsten Zahlen bei drei Prozent. Sie sagt, dass deutsche Erzieherinnen engagiert seien, mit den Kindern an die Luft gingen und nicht bloß Kaffee trinken wollten. Sie wird 3000 Euro brutto verdienen und soll jetzt gleich nach Haidhausen, „die Taka- Tuka-Gruppe kennenlernen“. Sie hat sich überlegt, dass die Kinder sie „Sandy“ rufen können, weil das einfacher sei.

Auf einem Zahn glitzert ein Steinchen, wenn sie lacht. Sie schaut zum Vermittler, der lächelt beruhigend. Tsokos hat die jungen Frauen morgens in ihren Wohnungen abgeholt, vorhin war er mit ihnen beim Kreisverwaltungsreferat. Die Griechinnen wunderten sich über die Schnelligkeit der deutschen Bürokratie. Zu Hause, sagten sie, dauerte die Bearbeitung von Anträgen monatelang. Sie fanden es unfassbar, dass man in deutschen Amtsstuben kostenlos fotokopieren darf.

Die Frau im Bürgerbüro kam ihnen sympathisch vor, obwohl die kaum mit ihnen sprach. In Griechenland sei der Ton jetzt sehr rau. „Man muss ihnen erklären, dass hier alles ganz leicht ist“, sagt Tsokos. Dass in Deutschland tatsächlich niemand geschmiert werden muss.

Tsokos bewegt sich geschmeidig zwischen beiden Welten. Seine Eltern kamen in den Sechzigern nach Deutschland, in Traunstein wuchs er auf, in Thessaloniki studierte er Wirtschaft. Mit den Krisen kam sein Weg nach oben. Ein Journalist von der „Abendzeitung München“ schrieb, dass Tsokos von den Deutschen 5000 Euro „Kopfprämie“ pro Erzieherin kassiere.

Tsokos sagt, er habe für die Frauen Unterkünfte im ehemaligen Olympiadorf besorgt, er melde sie bei der Krankenversicherung an, er übe das S-Bahn-Fahren mit ihnen und achte darauf, dass sie am ersten Abend nicht in der Wohnung allein hocken und Depressionen kriegen. Mit Sandy und ihrer Kollegin war er bayerisch essen, Knödel und Kraut. Nach eigenen Angaben verdient er „etwas mehr als 3000 Euro“ pro Erzieherin, das sei „spitz kalkuliert“, sagt er. In München ist seine Firma gerade in die Ludwigstraße 8 gezogen, eine von Münchens Prachtadressen.

Tsokos erklärt dem Kinderschutz e.V. noch ein paar Eigenheiten der Neuen: In den ersten zwei Wochen werde eine Erkältung unvermeidlich sein. Das sei immer so. „Ihr müsst gesund werden, das ist wichtig für euch“, sagt die Dame vom Kinderschutz. Der Blick der Griechinnen wandert zwischen Vermittler und Arbeitgeber hin und her, sie lächeln, alles ist organisiert, das ist die Übergabe. „Herzlich willkommen“, steht auf ihren Lebkuchenherzen, in Zuckerguss.

 

 

 

 



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