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Dieter Lustig

von Dominik Drutschmann

29. Juli 2012  —  Der Tagesspiegel

Vor 20 Jahren gewann Dieter Baumann Gold bei Olympia, über 5000 Meter. Heute fährt er mit dem Kleinbus durchs Schwäbische und macht Witze, die man nur dort versteht.

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Dieter Baumann wartet. Niemand ist gekommen, um ihn in Empfang zu nehmen. Der Pausenhof der Friedrich-List-Realschule in Abtsgmünd, einem 7000-Einwohner-Ort auf der schwäbischen Alb, ist komplett verwaist. Nach ein paar Minuten wird Baumann unruhig. Er geht in die Schwimmhalle neben der Schule – auch dort ist niemand zu sehen. „Hallo?“, fragt er in die Stille. Und noch einmal lauter: „Hallo.“ Eine Frau mit nassen Haaren und Kind an der Hand tritt aus der Umkleidekabine. „Ist hier jemand?“, fragt Baumann. „Nein“, sagt die Frau.

Am Abend wird Dieter Baumann in der Schulaula Theater spielen. „Brot und Spiele“ heißt das Stück, es basiert auf dem gleichnamigen Roman von Siegfried Lenz. Die Geschichte handelt – wie sollte es anders sein – von einem Läufer. Bert Buchner tritt zu seinem letzten Rennen an. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive seines Wegbegleiters, eines Journalisten. Es geht um Freundschaft, Erfolg, Versagen. Baumann hat die Adaption selbst geschrieben. Er wird allein auf der Bühne stehen, zwei Stunden lang. Dabei schlüpft er in fünf verschiedene Rollen. „Das Buch“, sagt er, „hatte ich immer in meiner Sporttasche, im Trainingslager und bei Olympia.“ Er wollte etwas daraus machen. Zuerst einen Film, aber das scheiterte an der Finanzierung. Nun also Theater.

Doch eigentlich ist Dieter Baumann hier, weil er Dieter Baumann ist, der Olympiasieger. In Abtsgmünd findet an diesem Wochenende der „Sportacus“ statt, ein Event mit Radfahren, Laufen, Inline-Skating. Baumann ist als Stargast eingeladen, er wird für einen guten Zweck laufen, ganz ohne Gage. Er hat unter einer Bedingung zugesagt: dass er sein Theaterstück aufführen darf. Baumann weiß, dass er gebucht wird, weil er Baumann, der Läufer, ist. Auch wenn sein Karriereende mittlerweile neun Jahre her ist. „Die Leute wollen den Baumann sehen, wollen sehen, was der sich zumutet“, sagt er.

Am Mittag war Baumann in Tübingen gestartet. Das gesamte Bühnenbild – ein Wohnzimmer im Stil der 50er Jahre – verstaute er in seinem VW-Transporter: eine Garderobe mit kleinem Schrank, ein Sessel, ein alter Fernsehschrank, zwei Stühle, ein Hocker und eine Kiste mit Requisiten. Die Wegbeschreibung hatte er sich bei Google-Maps ausgedruckt, drei Seiten. Ein Navigationsgerät besitzt er nicht, den Ausdruck brauchte er eigentlich auch nicht. Dieter Baumann kennt sich hier aus. An Stuttgart vorbei, über Schwäbisch Gmünd nach Mögglingen und Heuchlingen bis Abtsgmünd. Baumann spielt ausschließlich zu Hause. Er stammt aus Blaubeuren auf der anderen Seite der Alb. Seit 15 Jahren lebt er in Tübingen. Er hat seine schwäbische Heimat nie verlassen. Nicht, als er seine großen Erfolge feierte, und auch nicht, als die Doping-Geschichte mit der Zahnpasta alles zu zerstören drohte.

Es ist das dunkelste Kapitel einer ansonsten strahlenden Karriere. Im Oktober 1999 wurde Dieter Baumann bei einer Trainingskontrolle Urin abgenommen: 23,2 Nanogramm Norandrosteron wurden festgestellt, zwei Nanogramm sind erlaubt. Baumann versuchte alles, um seine Unschuld zu beweisen: er machte einen Lügendetektor-Test, eine Schamhaaranalyse, berief umgehend eine Pressekonferenz ein, beteuerte immer wieder seine Unschuld. Jemand hätte ihm die verbotene Substanz in die Zahnpasta gemischt, sagte Baumann schließlich. Er hatte sich im Laufe seiner Karriere nicht nur Freunde gemacht, hatte sich gegen die Zusammenlegung der Ost- und Westverbände nach der Wiedervereinigung gewehrt. Hatte sich so bedingungslos gegen Doping eingesetzt wie kein anderer Athlet. Indizien, die auch viele Dopingexperten dazu bewogen, Baumann zu glauben. Beweisen konnte er seine Unschuld letztlich nie. Und so wurde aus Baumann, dem Olympiasieger, Dieter, der „Zahnpasta-Mann“. Erscheint heute eine Auflistung der dümmsten Doping-Ausreden, Dieter Baumann ist mit Sicherheit dabei. In seinem Kabarett-Programm hat er einen Zahnpasta-Sketch eingebaut, „weil es die Leute erwarten“, für den privaten Baumann ist das Thema humorfrei. „Es ging darum, mit Sachargumenten zu zeigen, was damals passiert ist“, sagt Baumann, „und ich glaube, dass mir das sehr gut gelungen ist.“ Ende der Durchsage.

Vor der Schule wartet Baumann noch immer. Er probiert wieder alle Türen aus, verschlossen. Baumann stemmt die Hände in die Hüften, schaut den grauen Schulbau vorwurfsvoll an. Er trägt Bluejeans und ein kariertes Hemd. Mit der randlosen Brille und dem dunklen Schopf, aus dem nur vereinzelt graue Haare herausgucken, könnte er als Junglehrer durchgehen – trotz seiner 47 Jahre. Baumann ist dem Alterungsprozess einfach davongelaufen. Vielleicht fällt ihm das Warten deshalb so schwer. Nach einer halben Stunde hält ein Auto vor der Schule. Der Hausmeister. Endlich. Er schließt die Tür auf, und sie gehen in die Aula.

Gut 100 Stühle stehen vor der kleinen Bühne. Der Hausmeister – Brille, Schnurrbart, schlechte Laune – deutet auf einen Raum neben der Bühne. Baumann schaut hinein: da stehen ein Flügel, ein Schlagzeug, Gitarren. Die Fenster haben keine Gardinen. „Scheiße“ sagt Baumann, „hier kann ich mich nicht umziehen.“ Er muss lachen. Der Chemiesaal ginge auch noch, bellt der Hausmeister. „Gern“, sagt Baumann und verdreht die Augen.

Zwischen Bunsenbrenner und Periodensystem sitzt Dieter Baumann in der letzten Reihe auf einem Holzstuhl und liest in Siegfried Lenz’ Roman, als sein Tontechniker Gunnar Hälsig den Kopf zur Tür hereinsteckt. „Mensch Gunnar.“ „Mensch Dieter.“ Hälsig, Ende 20, 1,95 groß, trägt die Haare zu einem Zopf gebunden, die Seiten wegrasiert. Auf seinem linken Unterarm prangt ein Tattoo. Daneben Baumann, einen guten Kopf kleiner, schmale Schultern, schmale Hüften.

Sie kennen sich vom Theaterhaus in Stuttgart. Hälsig hat schon Baumanns erstes Programm betreut, ein Kabarettstück mit dem Titel „Körner – Kenia – Currywurst“, bei dem Baumann lustige Geschichten über das Laufen, über Läufer und sich selbst erzählt. Hälsing arbeitet fest beim Theaterhaus, er kennt die Divenhaftigkeit einiger Schauspieler. Baumann schätzt er, weil der unkompliziert ist. „Nervös hab ich den noch nie gesehen.“

Ein Problem gibt es aber doch: Der Saal ist zu hell, der Hausmeister blafft: „Dunkler geht nicht.“ Baumann wirkt jetzt angespannt. „Dann seh ich mein Publikum“, sagt er, „muss mir das Elend anschauen.“ „Tja“, erwidert der Hausmeister. Hälsig checkt die Boxen, Baumann verrückt immer wieder das Bühnenbild, den Fernsehschrank zehn Zentimeter zur rechten Seite, den Sessel fünf nach vorne. Dabei übt er seine Begrüßung: „Sehr verehrte Damen und Herren, herzlich willkommen zu ,Brot und Spiele’.“ Baumann nennt das „Warmsabbeln“ oder „Einbabbeln“. Es ist ihm wichtig, früh am Auftrittsort zu sein. Auch als Läufer war er immer einer der Ersten im Stadion. „Ich muss ein Gefühl für die Bühne bekommen.“

Um 20 Uhr sind die meisten Stühle besetzt. Baumann hatte im Vorfeld Sorge, dass niemand kommen könnte. Schließlich sei die Konkurrenz groß: In Schwäbisch Gmünd ist Stauferfest, in Bopfingen das jährliche Volksfest. Baumann hat sich noch einmal in seine Chemiesaal-Garderobe zurückgezogen. Ehemalige Profisportler schleppen meist schon im ersten Jahr nach der Karriere einen stattlichen Wohlstandsbauch mit sich herum, Dieter Baumann ist beängstigend dünn. Als er in sein Bühnenoutfit schlüpft – weite Bundfaltenhose, Rollkragenpullover –, erinnert er an Steve Jobs.

Zu Beginn die Frage: „Wer hat das Buch gelesen?“ Drei Arme gehen in die Höhe. „Wahnsinnsquote“, ruft Baumann, „das kennt eigentlich kein Mensch, um nicht zu sagen: keine Sau.“ Das Publikum lacht. Baumann stellt diese Frage jedes Mal. Anfang des Jahres feierte das Stück in Stuttgart Premiere. Im Theaterhaus war Baumann näher am Stoff, setzte den „lustigen Dieter“ seltener ein. Heute ist die Figur „Baumann“ auf der Bühne dominanter. „Mittlerweile sind Laufevents riesige Ereignisse“, sagt er, „da kommen selbst in Abtsgmünd 200 Leute.“ Wieder wieherndes Gelächter, eine ältere Frau schlägt ihrem Nachbarn auf den Schenkel.

Baumann schwäbelt immer mehr im Laufe des Stücks. Er bedient das, was die Leute sehen wollen. Ihren Dieter, den lustigen Läufer, den Schelm. So ist er überhaupt erst auf die Bühne gekommen. Seine Vorträge über das Laufen, die er nach seiner aktiven Karriere gehalten hatte, langweilten ihn und sein Publikum. Er baute Späße ein, meist über sich selbst. Die Zuschauerzahlen stiegen.

Nach zwei Stunden ist das Stück vorbei. Dieter Baumann macht noch die Runde im Foyer, gibt Autogramme, schüttelt Hände. Mit breitem Grinsen fragt er in den Raum hinein: „Bei wem übernachte ich?“ Manchmal schläft Dieter Baumann nach solchen Auftritten hinten in seinem Transporter. Luftmatratzen und einen Schlafsack hat er immer dabei. Heute beherbergen ihn Freunde des Veranstalters. Die Nacht wird kurz.

Viele Sportler suchen nach der aktiven Karriere ihren Platz im Leben. Schwierigkeiten haben vor allem diejenigen, die als Aktive ein Aushängeschild für ihren Sport waren. Lothar Matthäus ist so jemand, Boris Becker auch. Dieter Baumann ist es für den Laufsport. Er ist für die Menschen „der Dieter“, genauso wie Matthäus „der Lothar“ ist und Becker „der Boris“. Baumann hat dabei eines begriffen: „Ich werde in keinem Bereich mehr so gut sein wie im Sport – und diese Karriere ist vorbei.“

Baumann kennt den Humor der Schwaben. Seine Tourneen bringen ihn selten über die Grenzen seines Bundeslandes. In Berlin würde er nicht funktionieren, in Hamburg und Köln auch nicht, vielleicht nicht einmal in München.

Dabei ist Baumann kein schlechter Schauspieler, kleinere Texthänger überspielt er gekonnt. Wenn er in die Rolle des Sportkommentators wechselt, läuft der Film von Olympia 1992 vor dem geistigen Auge ab. Damals kommentierten Dieter Adler und Gerd Rubenbauer. Als Baumann kurz vor Schluss zum Sprint ansetzte und vier Läufer überholte, überschlugen sich ihre Stimmen: „Dieter, lauf!“ Auf der Bühne reißt Baumann die Augen auf. Auch das erinnert an den Moment von 1992, als er durchs Ziel rannte, die Augen weit aufgerissen, und vor Freude einen Purzelbaum schlug.

Das wird er in Abtsgmünd nicht machen, auch wenn sie ihn dafür feiern würden. Der zweite Tag beginnt um zehn Uhr morgens. Am Platz vor dem Kulturzentrum, unweit der Schule, machen sich die ersten Sportler warm. Es gibt einen Bierwagen, einen Wurststand, die örtliche Sparkasse hat ein Banner aufgehängt. Dieter Baumann geht über den Platz. Wo immer er stehen bleibt, bildet sich eine Traube von Menschen. Das Wetter ist mies, es regnet. Den Menschen in Abtsgmünd ist das egal. Wenn ihr Sonnengott Dieter auftaucht, gehen die Mundwinkel nach oben. Baumann ist bester Laune, auch wenn seine Schultern langsam wund sein müssten vom vielen Geklopfe.

Baumann ist zum lustigen Laufpapst der Freizeitsportler mutiert. Dabei hat er bis vor einem Jahr noch als Trainer gearbeitet, war ganz nah dran am Profisport. Arne Gabius, der zuletzt Silber bei der Europameisterschaft in Helsinki holte, gehörte zu seinen Schützlingen. Aber Dieter Baumann liegt die Rolle des Antreibers nicht, „ich hatte keine Lust, immer das schlechte Gewissen zu sein“.

Dabei ist Baumann das personifizierte schlechte Gewissen der Freizeitläufer. Gespräche mit ihm beginnen häufig mit Sätzen wie „Früher war ich echt gut in Form“ und enden mit „dann kam die Verletzung, der Job, das Leben“.

Dieter Baumann will eigentlich nur das Bad in der Menge genießen. „Vielleicht bin ich ja süchtig nach dem Applaus.“ Und süchtig nach dem Laufen. Er joggt noch immer jeden Tag. Für die 14 Kilometer braucht er heute 51 Minuten.

Nach dem Lauf ist Baumann ausgepumpt. Er ist gelaufen, hat seine Pflicht getan. Die Kür, das war sein Theaterstück gestern. Die Siegerehrung findet erst später statt. Dieter Baumann aber hat keine Lust mehr zu warten. Alle Hände sind geschüttelt, duschen kann er auch zu Hause. Baumann geht so leise, wie er gekommen ist. Er fährt nach Hause. Über Heuchlingen und Möggingen nach Tübingen.

 

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