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Die tibetische Kultur wird im Ausland am Leben erhalten, eine Reportage aus dem GO-Magazin. Foto: Jana Euteneier  — Link
Die zwei Leben der Manuela Schwesig

von Tiemo Rink

26. Mai 2014  —  Deutschlandradio Kultur

Eine gefälschte Hilfsaktion für die Aufnahme syrischer Flüchtlingskinder sorgte in den letzten zwei Wochen im politischen Berlin für Aufsehen. Vor allem Familienministerin Manuela Schwesig geriet dabei ins Visier der Aktivisten. Ihre Reaktion gewährte einen ernüchternden Einblick in das Verhältnis von deutscher Erinnerungs- und Flüchtlingspolitik, meint der Journalist Tiemo Rink.


Die Bundesfamilienministerin gab es plötzlich zwei Mal. Die eine Manuela Schwesig, die wohlbekannte, hielt beispielsweise einen Vortrag auf der "Europäischen Familienkonferenz" oder lobte in einem brandenburgischen Städtchen eine Initiative zu Beruf und Familie.

Und dann gab es eine zweite. Diese rief unter dem Logo ihres Ministeriums dazu auf, Pflegeeltern eines syrischen Kindes zu werden. Diese SPD-Politikerin reiste auch unter Lebensgefahr in das zerstörte Aleppo – ganz authentisch, aber nur im Internet und gegen den Willen der ersten, der echten.

Die Website aus dem Bundesfamilienministerium war gefälscht für eine Kunstaktion, für den "Hyperrealismus" eines Was-wäre-wenn-Szenarios. Die Aktivisten erfanden einen Beschluss der Innenministerkonferenz, sodann eine Aufnahmeanordnung der Bundesregierung und schließlich die Werbekampagne, welche die Bundesministerin zur nächsten Kanzlerkandidatin machen wollte, da sie sich so sehr für die Rechte der Kinder stark mache.

Es entstand eine Art zweiter Realität, die auf Wunsch gute Nachrichten produzierte – anders als in der echten Politikwelt, die diesen Protest wenig beachtete und so auch nicht merkte, wie sie blamiert wurde. Denn natürlich plant die Bundesregierung nicht, 55.000 syrische Kinder aufzunehmen. Und doch bringen die Künstler die simple Frage unters Volk: Warum eigentlich nicht?

Erst recht dann, wenn die deutsche Vergangenheit Pate seht. Nach den Novemberpogromen des Jahres 1938 konnten rund 10.000 jüdische Kinder das Deutsche Reich verlassen. Sie fanden Zuflucht in England. Oft als Einzige aus ihren Familien überlebten sie den Holocaust, weil die Engländer ihre Einreisebestimmungen lockerten.

Und so ahmten die Aktivisten diese Geschichte nach, errichteten eine "Flüchtlingszulassungsstelle" und ließen die Berliner darüber abstimmen, welches Kind überleben darf. Das alles direkt vor dem Denkmal in der Berliner Friedrichstraße, das an das Schicksal der jüdischen Kinder erinnert.

Darf man das? Den Holocaust mit dem syrischen Bürgerkrieg vergleichen? Natürlich darf man; ein Vergleich ist keine Gleichsetzung. Zum Wesen des Vergleiches gehört es eben auch, die Unterschiede zu erkennen. Die historische Hilfsaktion bewahrte Kinder vor dem millionenfachen Mord in Konzentrationslagern.

Die gefälschte will auf die Folgen eines jahrelangen Bürgerkriegs aufmerksam machen, der dazu geführt hat, dass nach UNICEF-Angaben mittlerweile rund 5,5 Millionen Kinder dringend Hilfe benötigen, für die sich hierzulande niemand interessiert.

Zynismus hielt man den Aktivisten vor, zumal sie in Aleppo Filmaufnahmen machten, auf denen Kinder Manuela Schwesig dankten. Vielleicht. Aber ist nicht die offizielle Erinnerungspolitik ungleich zynischer, wenn deutsche Politiker gleichzeitig den heutigen Flüchtlingskindern ihre Hilfe verweigern?

Das fingierte Hilfsprogramm hat nichts mit üblicher Lobbyarbeit zu tun. Aber es kaperte die Methoden politischer Selbstdarstellung. Vor einigen Tagen beispielsweise absolvierte Manuela Schwesig ein dreistündiges Kurzzeitpraktikum in einem Altersheim und ließ sich dabei von Pressefotografen ablichten. Von der Syrienaktion aber distanzierte sie sich umgehend.

Und das ist das Verdienst der Künstler: Ihr Lehrstück war ergebnisoffen. Es hätte syrischen Kindern helfen können, wenn die überraschte Bundesministerin nachträglich mitgespielt hätte. So aber wurde es nur zum Lehrstück darüber, was Politik ist. Und ließ doch für einen kleinen Moment erahnen, was Politik auch sein könnte.



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