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Die Kinder des Dalai Lama

von Barbara Opitz

1. Oktober 2012  —  Go

Tibets Kinder sollen im Exil schaffen, was in der Heimat unmöglich geworden ist: Die tibetische Kultur bewahren und die eigene Zukunft sichern. Seit der Dalai Lama ins indische Exil flüchtete, sind ihm viele seiner Landsleute gefolgt und noch immer schicken sie ihm ihre Kinder. Doch der Weg über den Himalaya ist schwieriger und die Situation in Indien ausweglos geworden


Du bist die Zukunft Tibets, hatten sie ihm beigebracht, bevor sie ihn über den Himalaya schickten. Dorthin, wo sich Gassen über die steilen Hänge Nordindiens winden – „Dharamsala“ – , der heutige Sitz des Dalai Lama. Von dort aus wirken die schneebedeckten Gipfel nah, lassen vergessen, wie hart der Weg über die fast sechstausend Meter hohen Pässe ist.

Tashi war zehn, als der Fluchthelfer ihn und seine zwei Jahre jüngere Schwester Kelsang holte. Er kam in einem weißen Jeep, der sich in den verschneiten Weiten nicht entdecken lässt. „Seine Heiligkeit freut sich auf euch“, hatte Tashis Vater noch zum Abschied gesagt. Tashi und Kelsang warteten an einer stinkenden Mulde, in der sich Vergorenes und faulende Wassermelonen, Schrott, Plastik und Kot zu einem dunklen Brei vereinigten, irgendwo in einem Vorort Lhasas. Dort würden sie chinesische Milizen nicht vermuten. „Das Kinderdorf des Dalai Lama ist wunderschön, ihr müsst viel lernen, es ist eine Chance“, sagte sein Vater noch. Tashi hat beim Abschied nicht geweint. Aber Kelsang weinte, sehr lange und sehr laut. Sie würden den Vater nie wieder sehen.

Seit zweieinhalb Jahren leben die Geschwister jetzt im indischen Dharamsala. Wie Flechten haften die Häuser am Hang. Das Kinderdorf  liegt oberhalb des Tempels, hinter Bäumen, gehütet wie ein Schatz. „Die Zukunft Tibets ist die neue Generation“, sagte der Dalai Lama, nachdem ihm die Flucht vor der chinesischen Miliz gelang und er die ersten tibetischen Kinder zu sich nach Indien holte. Als nur ein paar Baracken den Kinderflüchtlingen Schutz boten. Inzwischen ist die Zukunft Tibets streng organisiert: Die Kinder lernen tibetisch, englisch, Naturkunde, Religion und Politik. Wenn Kinder in Dharamsala keinen Platz finden, kommen sie in einem von sieben weiteren tibetischen Kinderdörfern unter. Zufluchtsorte, Talentschmiede, neue Heimat. 17 000 Kinder sind es in ganz Indien, allein 2000 in Dharamsala. Sie wurden von den Eltern geschickt, um eine Zukunft zu haben und die Kultur Tibets aufrecht zu erhalten. Tashi und Kelsang leben in Haus Nummer 35, mit 29 anderen Kindern unter einem Dach. Vor dem schlichten Steinhaus wehen bunte Gebetsfahnen.

Struktur ist gut gegen Heimweh. Tashis und Kelsangs Tag im Kinderdorf beginnt um 5.30 Uhr. Zähneputzen, Betten abziehen, Schlafanzug falten. Kante auf Kante, eine Stunde haben sie für den Hausputz. Kelsang hat diese Nacht nicht gut geschlafen. Der Neuzugang, die siebenjährige Pema, wälzte sich träumend in ihrem Bettchen. Dreizehn Kinder schlafen in Kelsangs und Pemas Zimmer. Im Nebenraum sind es sogar achtzehn, dort hat Tashi sein Bett. Schlaftrunken reibt sich Kelsang die Augen. Ihr Bruder ist schon länger wach. Er hat diese Woche Küchendienst, setzt Wasser für die Eier auf und holt Brot aus der Hauptküche. Um 6.30 Uhr muss alles fertig sein. Dann ruft ihre neue „Ama“ zur morgendlichen Segnung der Speisen. Die Ersatzmutter für 31 Kinder war als junge Frau selbst aus Tibet geflüchtet. Nie würde sie zurückkehren, solange Tibet besetzt sei, sagt sie. Frei will sie sein – und hat doch seit 25 Jahren Dharamsala nicht ein einziges Mal verlassen. Früh morgens, bevor sie ihre Chupa, das traditionelle Wickelkleid, anlegt, trägt sie einen Jogginganzug aus Nicki, darin sieht sie besonders kuschelig aus. Neuzugang Pema lässt ihre Ersatz-Ama an diesem Morgen nicht aus den Augen. Immer wenn sich die Gelegenheit ergibt, reibt sie ihren Kopf an ihrer Hüfte und nuckelt an ihrem kleinen Finger. Sanft schiebt Ama sie wieder zu den anderen Kindern, die den Gebetsteppich auf dem Vorhof ausbreiten, bevor alle im Kreis frühstücken.

Seine richtige Ama trug auch eine Chupa, erinnert sich Tashi. Ihre schwarzen Haare waren zu einem festen Knoten gebunden. Tashi und Kelsang kommen aus dem Osten Tibets, aus Kham, mit seinen tiefen Schluchten und den tausend Grüntönen. Zu Hause durften er und Kelsang länger schlafen, als hier im Kinderdorf. Hell wird es in Tibet erst am frühen Vormittag, seit der chinesischen Besatzung laufen die tibetischen Uhren nach Peking-Zeit. Als die Kinder damals aufstanden, war ihre Ama längst im Stall, die Kühe melken, während die Tante das Frühstück zubereitete, Buttertee brühte, Milch für den Tsampa-Brei aufsetzte, den Tashi am liebsten mit viel Zucker aß. Drei Kühe und sieben Yaks besaßen sie, dazu eine kleine Schafherde, die die Großmutter in den Bergen hütete. Die Eltern bearbeiteten die Felder, bauten Kartoffeln und Weizen an, den China anstatt der anspruchslosen Gerste eingeführt hatte und der in den Hochregionen schwer gedeiht. Bis zur sechsten Klasse hätten Tashi und Kelsang noch zur Schule gehen können. Der Leiter war ein Chinese, die Kinder verstanden seine Sprache nicht. Tashi und Kelsang durften nicht beten, durften den Namen des Dalai Lama nicht aussprechen und kein Bild von ihm besitzen. Wenn ein Erwachsener eines besitzt, kommt er ins Gefängnis, sagt Tashi. Wie viel Geld die Eltern aufbrachten, um den Fluchthelfer zu bezahlen, wissen die Kinder nicht. Doch einige Tage vor ihrer Flucht war die Schafherde verkauft.

Bald beginnt in Dharamsala die Monsunzeit. Über den Gipfeln des Himalaya türmen sich schwarze Wolken, Donner grollt im Hintergrund. Die Kinder sitzen im Kreis und kauen müde tibetisches Hefebrot. Tashi puhlt ein großes Loch hinein, und steckt zwei gekochte Eier in die Mulde, so schmeckt es ihm am besten. Er ist froh, wenn es nicht schon morgens so heiß ist. An die hohen Temperaturen haben sich die Kinder noch immer nicht gewöhnt, in Tibet ist das Klima sanfter. Noch die Eierschalen und Krümel vom Boden kehren, dann geht es für alle Schüler zum Morgengebet.

Während die Kinder im „Village“ aus den Häusern strömen und sich in der Aula sammeln, erwacht der Ort Dharamsala unterhalb des Kinderdorfes. Auf dem Hauptplatz, an dem sich Rikschafahrer hupend den Weg bahnen, ist heute Anmeldung für ein dreitägiges „teaching“ des Dalai Lama: diesmal die einfache Variante, für Touristen. In weiten Pumphosen und ledernen Sandalen, die Haare verfilzt, stehen sie in langen Schlangen. Sinnsuchende  aus einer anderen Welt. Für sie ist Dharamsala ein Spektakel. Neben dem teaching gibt es Massage-, Yoga-, Tibetisch- und Hindi-Workshops. An allen Ecken köchelt Kaffee für die „Westler“, indische und tibetische Händler breiten ihre Ware an den Straßenrändern aus, buddhistische Mönche in purpurnen Tüchern ziehen lächelnd in Richtung Tempel. Viele der Kaffekocher und Händler, waren auch einmal Kinder, die über die Berge kamen. Im Tempel stimmen Mönche das Morgengebet an, ein sanftes tiefes Murmeln legt sich über die Stadt und verschmilzt mit den klaren Stimmen der Kinder, die in der Aula laut für alles Leben dieser Welt singen.

Tashi geht in die fünfte Klasse. Im Englischunterricht nehmen sie heute den Zauberer von Oz durch. An der Tür hängt ein Poster: „The past is history, the future‘s a mystery, but today is a gift“. Vergangenheit ist Geschichte, Zukunft ein Geheimnis, aber das Heute ist ein Geschenk – das ist die buddhistische Lehre. Dennoch, immer wieder hat Tashi die Bilder vor Augen, als wäre es heute. Eine klare Nacht, die Bäume warfen dunkle Schatten, als der Vater mit ihm und Kelsang das Haus verließ um sie nach Lhasa zu bringen, wo der Guide wartete. Ama stand in der Tür und winkte. Sie hatte gelacht, aber Tashi weiß, dass sie heimlich weinte. Seinem besten Freund durfte Tashi nichts von der Flucht erzählen: „Je mehr Leute es wissen, desto gefährlicher“, sagte der Vater. „Der Dalai Lama freut sich auf euch“, das war ein Trost. Doch als die Kinder nach dem langen Weg endlich vor Seiner Heiligkeit saßen, den Segen erhielten, verstanden sie kein Wort. Zu sehr wich ihr Kham-Dialekt vom Hoch-Tibetisch ab. Zwei Jahre danach, das einzige Mal, dass sie mit ihrem Apa und ihrer Ama telefonierten, blieben sie ohne Worte. Eltern und Kinder verstanden sich nicht mehr. Tashi und Kelsang hatten den Dialekt vergessen.

Die Route, die ihr Fluchthelfer wählte, war gut – nur die besten Guides verdienen in diesen Tagen. Werden sie erwischt, drohen allen Gefängnis und Folter, auch den Kindern. Tagelang wanderte die Gruppe über die Berge, in den Tälern wartete der Jeep und brachte sie dem Ziel schnell näher. Einmal durchwateten sie einen Fluss. Bis zur Hüfte ging Tashi das Wasser, er spürte den starken Sog, dann wurden seine Beine taub vor Kälte. Der zweite Fluss war die Grenze zu Nepal. Mit Gurten gesichert und an einem Stahlseil schwangen sie sich über die Schlucht. Am anderen Ufer zischte der Guide: „schneller, verdammt“. Zum ersten Mal erlebte Tashi seinen Guide nervös. In dieser Nacht schliefen sie ohne ein wärmendes Feuer in den Bergen, der Schein hätte sie verraten.

Die meiste Angst hatte Tashi, als sie schon weit über die Grenze waren. Chinas Einfluss auf Nepal wächst, tibetische Hilfsorganisationen wurden schon vor ein paar Jahren geschlossen. Die Flucht ist schwieriger geworden, Nepalesische Grenzpolizisten bekommen viel Geld für tibetische Flüchtlinge. Noch mehr Geld hatte einem von ihnen der Guide geboten, als ihr Jeep bei einer Straßenkontrolle angehalten wurde. Es war ein dicker Mann, mit großen schweren Stiefeln. „Er nahm das Geld und winkte uns durch, doch 500 Meter weiter wartete der Nächste. Ihm reichte das Geld nicht. Er wollte Menschen fangen“, sagt Tashi. Soldaten mit Gewehren schlossen die die Kinder und ihren Guide in einem leeren Geschäft am Straßenrand ein. Nachts öffnete jemand die Tür, befahl, leise zu sein. Tashi erkannte das Gesicht nicht, sah nur einen Schatten. Aber hinter dem Geschäft stand ein Militärwagen. Der brachte sie nach Kathmandu, dort hält das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen noch eine schützende Hand über Tibeter. Warum die Person ihnen half, weiß Tashi bis heute nicht.

In der Nebenklasse beendet der Direktor der „junior section“ gerade den Unterricht: „We wish you a nice day, dear teacher“, verabschieden sich die Kinder im Chor. „Thank you my dears“. Er ist ein kleiner Mann mit großen warmen Augen. Seit drei Jahren leitet er die Grundschule im Village. Auch er ist hier aufgewachsen, in Haus Nummer Zwei. Mit sieben Jahren war er über die Berge gekommen. Seine Eltern hat er schemenhaft in Erinnerung, nie wieder hat er sie gesprochen. „Allmählich verblassen die Gesichter, vergeht deine Liebe“, sagt er. Seine Heimat ist Dharamsala, seine Familie sind die Kinder. „Sie sind so klein und schon völlig auf sich gestellt. Wir wollen ihnen Tibet erhalten.“  Er weiß, wie traurig die Kinder sind. „Wir alle sind es. Aber Tibeter zeigen es nicht.“

Mit Sorgen verfolge er die Situation in Tibet. „Wir können nichts tun.“  Jahrzehntelang folgten tausende Tibeter dem höchsten Lama über die Berge ins indische Exil, um ihre Religion zu leben – und um irgendwann zurück zu kehren. Viele erfroren auf den hohen Pässen, starben an Erschöpfung oder wurden von chinesischen Grenzsoldaten auf den Schneefeldern erschossen.  Diejenigen, die Dharamsala erreichten, blieben für das ferne China unbedeutend. Bis zu den Aufständen in Tibet, 2008, kurz bevor das Olympische Feuer nach Peking wanderte. Chinas Militär griff hart durch, an einem Tag kamen in Tibet mehr als 80 Menschen ums Leben. Der Dalai Lama räumte ein, dass die Aufstände über das Ausland, über Indien, organisiert gewesen seien. Einigen, die im Exil lebten, hatte der „mittlere Weg“ ihres Gottkönigs nicht mehr gereicht, die absolute Gewaltfreiheit und der Verzicht auf die Unabhängigkeit Tibets. China erklärte indische Exil-Gemeinden und die Schulen des Dalai Lama zum Staatsfeind. Seither schafften nur wenige Kinder den Weg über die Grenze, sagt der Direktor. Der früher wegen der Eiseskälte von chinesischen Soldaten nur sporadisch bewachte Nanga-Pass, über den damals hunderte von ihnen nach Indien geschleust wurden, sei unpassierbar geworden, die Zahl der Checkpoints nicht mehr zu zählen.

Im Flüchtlingsauffangzentrum Dharamsalas stehen 500 Betten bereit. Fünf große Wohnblocks aus Backstein, gelb gestrichen, in der Mitte ein kleiner Garten. Von hier aus werden die Erwachsenen an Klöster und Exil-Gemeinden, die Kinder an die Schulen verteilt. Vor den Aufständen kamen jedes Jahr mehr als 3000 Flüchtlinge in Dharamsala an – die Hälfte von ihnen Kinder. Im Moment leben hier lediglich eine 30-Jährige Frau und ein junger Mönch. „498 Betten stehen leer. Wir sind besorgt und gelähmt“, sagt die Leiterin des Zentrums. Die letzte Gruppe Kinder, das jüngste von ihnen drei Jahre alt, kam vor 13 Wochen. „Nur 36  Kinder waren es im vergangen halben Jahr. Gerade herrscht so gut wie Stillstand.“

Zu den Kindern, die zuletzt in Dharamsala ankamen, gehören zwölf zur Grenzregion Dolpo, hoch oben, dort, wo es keine Straßen mehr gibt. Sie sind Bergnomaden, Buddhisten und sprechen tibetisch. Doch offiziell sind sie keine Flüchtlinge, sondern Nepali. Vor 2008 gab es für sie keinen Platz im Kinderdorf. Heute können sie aufgenommen werden. Der Neuzugang in Haus Nummer 35, die kleine Pema, ist eine von ihnen. Ihr Großvater hatte alle Kinder aus dem Dorf geschickt, sie sollen es besser haben als die Großeltern und Eltern. Pemas Augen sind tief und leer, Stellen in ihrem Gesicht sind erfroren. Wie lange sie und die anderen unterwegs waren, steht nicht in den Akten. Ein Jahr sei sie gewandert, sagt Pema schüchtern. Sie ist zu klein, um ein Zeitgefühl zu haben.

Mittag im Village: Tashi schöpft Suppe aus gekochten Linsen und Gemüse in die kleinen Blechschüsseln. Dazu gibt es Reis und gedämpftes Hefebrot. Über ihm auf einem Poster prangt der Potala-Palast, einstiger Sitz des Dalai Lama in Lhasa. Ein wenig zu türkis wirkt der Himmel. Mit ernster Miene beobachtet Pema, wie ihre Ama das Besteck verteilt. Diesen Gesichtsausdruck wird sie heute nicht mehr ändern.

Seit die Flüchtlinge nicht mehr kommen, liegt ein grauer Schleier über Dharamsala, sagt der Direktor. Als wäre alles in schweren Schlaf gefallen. Früher gab es Bewegung und Hoffnung, eines Tages zurückzukehren, wenn Tibet endlich frei wäre. Mittlerweile lebt die dritte Generation in Dharamsala. Zwei Drittel der Kinder im Village sind in Indien geboren, immer mehr kommen aus der Grenzregion Dolpo. Sie alle kennen Tibet nur von Bildern. Wenn sie die Schule abgeschlossen haben, arbeiten sie für die Exil-Regierung, werden Lehrer im Kinderdorf oder kommen in Hilfsorganisationen unter.  Dharamsala, auch „little Lhasa“ genannt, hat eine tibetische Zeitung, einen Radiosender, eine tibetische Bibliothek, ein Krankenhaus und sogar ein Altersheim. Mehr als 40 tibetische Exil-Gemeinden gibt es inzwischen, verteilt über ganz Indien. Noch haben Tibeter trotz guter Ausbildung schlechte Chancen auf dem indischen Arbeitsmarkt. Sie sind Flüchtlinge und werden auch als solche gesehen. Dennoch, solange sich die Situation in Tibet nicht ändere, werde auch er außerhalb Tibets wiedergeboren, sagte der Dalai Lama einst, „um die Arbeit fortzuführen, die ich begonnen habe".

Es ist eine Chance, daran glaubt Tashi fest. Er kann sich vorstellen, einmal Tibetischlehrer zu werden. In Tibet ist das nicht möglich, auch nicht im Rest von Indien. Aber in Dharamsala. Am Nachmittag haben die Kinder zwei Stunden frei. Die meisten gehen in die Bibliothek. Tashi streift sich den grünen Pullunder seiner Schuluniform ab und wirft sich sein Fußballtrikot über. Eigentlich ist er Ronaldo-Fan, aber die Sponsoren hatten nur ein Trikot von Torres übrig. Auf dem Schulhof sind alle Bälle im Spiel. Ohne zu maulen füllt Tashi Kiesel in eine Plastikflasche, als Fußball-Ersatz. Seine Freunde stehen schon bereit, die Flasche schnellt über den zementierten Platz. In einer Stunde ist Essenszeit. Dann warten noch zwei Stunden „Abend-Hausaufgaben“, bevor alle um acht Uhr ins Bett müssen.

Unten in der Stadt ziehen die älteren Schüler mit brennenden weißen Kerzen über die Hauptkreuzung die Tempelroad hinunter. Drei Tage zuvor hatte sich in Tibet wieder ein Mönch mit Benzin übergossen und angezündet. Still stand er da, eine starre, flammende Säule. Es war die 51. Selbstverbrennung in den vergangenen drei Jahren – allein die zehnte in den vergangenen sechs Wochen. Tashi weiß viel über die Männer und Frauen, die sich selbst anzünden:  „Jedes Mal, wenn es passiert, will ich noch mehr lernen.“ Touristen kommen vom teaching und richten ihre Fotoapparate auf den Tross. „In Tunesien hat eine einzige Selbstverbrennung die Revolution ausgelöst“, sagt ein junges Mädchen. Jasminrevolution nenne man sie. „Die Pflanze kommt aus dem Himalaya.“

Es wird dunkel. Die Kerzen sind niedergebrannt. In Dharamsala sitzen nur noch wenige Mönche in den Cafés, die „Save-Tibet“ heißen oder „Buddha-House“. Zeit für Inder und Touristen, die Bars beginnen sich zu füllen.

Oben im Village ist die Hausaufgabenzeit beendet. Tashi spielt noch eine letzte Runde Mikado mit seinem Zimmerkameraden. Pema liegt im Bett und starrt an die Decke. Kelsang hat mit  Klebestreifen ein selbstgemaltes Bild über ihrem Bett befestigt. Es zeigt einen türkisfarbenen Fluss, der sich durch Wiesen in saftigem Grün schlängelt. Die Vögel hat sie mit einem Glitzerstift ausgemalt. „Das ist Tibet“, sagt sie.

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