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Die Kammer

von Dominik Drutschmann

4. April 2015  —  Der Tagesspiegel

Zu vermieten: ein winziges Neuköllner WG-Zimmer ohne Aussicht. Mit Bett, Stuhl, Tisch. Für junge Durchreisende ist es genau das Richtige. Eine Zwischenlösung. Für ein Praktikum, für die Suche nach einem Job oder nach sich selbst, für die Suche nach dem Berlin-Gefühl. Im ersten Teil begleiten wir über Monate die unterschiedlichsten Nutzer dieser acht Quadratmetern Berlin – und erzählen auf dem Weg, wie die Vermietung auf Zeit den Markt für Mieter verändert: Einige profitieren, andere verlieren.

Teil 1/3 - Hier die komplette Geschichte: Häuserkampf


Als sich Annie eine Wohnung in Neukölln kauft, hat sie gerade wieder einen Job geschmissen. Eigentlich dachte sie, dass ihr das liegen würde, die alternative Arbeitsweise eines Berliner Start-up-Unternehmens. Das Informelle. Das Verspielte. Aber sie hielt nur etwa sechs Monate durch. Wie damals, in London, als sie als Investmentbankerin gutes Geld verdiente und nach nicht einmal einem halben Jahr hinwarf.

Ihr Leben ist seither noch unsteter geworden, hat sich weiter vom Tag in die Nacht verschoben. Sie arbeitet als DJ. Das erfüllt sie, alles andere nicht so. Sie konzentriert sich auf die Musik, lebt von ihren Reserven, die sie aus ihrer Zeit als Bankerin noch hat. Im Mai 2013 merkt sie, dass es langsam eng wird. Die zweieinhalb Zimmer in der Braunschweiger Straße, Neukölln, könnten die Lösung sein. Eine Einnahmequelle. Annie hat nicht vor, in ihre neue Wohnung einzuziehen. Sie schafft Möbel an und bietet die Wohnung auf dem Internetportal Airbnb an. Verkauf eines Lebensgefühls. Living like Locals, über Nacht Berliner sein. Bei Annie in der Braunschweiger Straße kostet das 50 bis 80 Euro pro Nacht, das Apartment bietet Platz für bis zu vier Personen.

„In den zwei Jahren seit meinem Kauf der Wohnung sind die Preise explodiert, gerade in Neukölln“, sagt Annie.

 

Wir lernen sie im Sommer 2014 kennen. Clemens, ihr Vermieter, von dem noch zu reden sein wird, hat sie in die Villa Neukölln mitgenommen. Er will hier ein WM-Spiel der Deutschen Nationalmannschaft sehen. Viele seiner Freunde sind da. Und Annie eben auch. Sie hatte Clemens’ Inserat für ein winziges Zimmer entdeckt. „Für mich war das ideal“, erzählt sie. Der kleine Raum ist nur wenige Häuser von ihrer eigenen Wohnung entfernt. So kann sie nach dem Rechten sehen, neue Mieter empfangen. Und die Kammer ist billig, Monatsmiete 185 Euro.

 

Ein metallischer Rollkoffer steht neben Annie, am Abend will sie in ein Flugzeug nach London steigen. Am nächsten Tag wird sie im Battersea Park direkt an der Themse auflegen. Sie trinkt zwei Radler und raucht während des Spiels E-Zigarette. Als sie schließlich aufbricht, fährt eine Frau mit Kind auf dem Rad vorbei. Das Kind lässt eine Deutschlandfahne aus der Hand gleiten und zu Boden fallen. Auf dem Weg zur Bahn hebt Annie die Fahne auf. Ihr blonder Lockenkopf glüht in der Sonne.

Bis zum Sommer könne sie in der Kammer bleiben, hatten Clemens und seine Freundin Katharina zu Annie gesagt. Dann sei das Zimmer einem guten Freund versprochen.

Dort, wo bei früheren Bewohnern das Kinderzimmer war und wo es wieder sein könnte, werden in den nächsten Monaten vier verschiedene Mitbewohner einziehen. Sie bleiben nur kurz, oft nicht länger als einige Wochen, sie sind auf der Suche. Auf der Suche nach dem Berlin-Gefühl.

Es ist dasselbe Gefühl, das Tausende jede Woche eine Ferienwohnung in Berlin suchen lässt. Leute auf der Durchreise, die wie die Einheimischen leben wollen. Mitten unter ihnen. In Wohnungen, die sie zur Verfügung stellen. Der Wunsch: von der Stadt aufgesogen zu werden. Das ist billig zu haben, wie überhaupt Berlin der Ort von Zwischenlösungen ist, die man sich glaubt leisten zu können. Kalte Treppenhäuser und der Geruch von Kohlsuppe und Waschmittel. Überklebte Klingelschilder. Musik aus dem Erdgeschoss. Der Spätkauf an der Ecke hat eigentlich immer auf. Und die Gereiztheit der Großstädter gibt es umsonst dazu. Schon bald fühlt man sich selbst ein bisschen als Berliner.

Doch was als selbst organisierte Vermittlung von WG-Zimmern begann, entzieht dem Mietermarkt mittlerweile tausende Wohnungen, die als Ferienapartments gebucht werden. Längst ist ein lukratives Geschäft daraus geworden. Die Mietpreise steigen. Und viele Berliner fühlen sich abgehängt. Das Klima ist vergiftet, Mieter klammern sich verzweifelt an das, was sie haben, weil sie den sozialen Abstieg fürchten. Etwas Besseres finden wir nicht mehr, sagen viele. Das könnte der Stadt gefährlich werden.

Warum es ausgerechnet in Berlin dazu kommen musste und welche Auswirkungen die sogenannte „Zweckentfremdung“ auf die Stadt hat, wollten wir, ein Reporterteam des Tagesspiegels, genauer wissen. Die Frage hat uns zu Immobilienhaien geführt, die Mietshäuser kaufen, um sie in Eigentumswohnungen umzuwandeln – und plötzlich kleben Fantasienamen an der Wohnungstür, die Nachbarn wundern sich über die fremden Leute nebenan, die immer nur kurz bleiben. Wir haben Hausgemeinschaften getroffen, die sich wehren. Und Mieter, die entnervt wegziehen. Es geht um Internetunternehmer mit guten Absichten und um Personen, die es gar nicht gibt. Die erfunden werden, damit das Berlin-Gefühl intakt bleibt.

Kompliziert? Eigentlich nicht.

 

Als Katharina und Clemens Ende April 2013 an Möbeln in ihre Wohnung geschleppt haben, was jeder von ihnen besitzt, lassen sie sich mit den Eltern und ein paar Freunden auf den abgezogenen Dielen nieder. Dazu Bier vom Spätkauf gegenüber. Ihr neues Heim liegt gerade noch so innerhalb des S-Bahn-Rings. Dazu: Vorderhaus, Stuck an den Decken, Balkon. Der Richardplatz mit dem historischen Dorfkern nur ein paar hundert Meter entfernt. Die Schränke der Vormieterin stehen noch herum. Die erste eigene Wohnung, denken Katharina und Clemens an diesem Tag, Ende April 2013, sind wir jetzt erwachsen? Wollen wir das?

Seit einem Jahr sind sie ein Paar, kennengelernt haben sie sich in Bielefeld an der Universität. Katharina hat ihr Studium gerade beendet. Clemens schreibt noch an seiner Masterarbeit. In Bielefeld wollte keiner der beiden bleiben, so viel war sicher. Was nicht sicher war: wo es hingehen sollte. Ganz grundsätzlich. Und wenn man nicht weiß, wo man hin soll, ist es nicht unwahrscheinlich, in Berlin zu landen.

Dass in diesem Haus etwas frei werden würde, erfuhren sie über eine Freundin. Ein formloses Schreiben an die Hausverwaltung genügte. Keine Schufa-Auskunft, kein Gehaltsnachweis, keine Makler-Courtage. Und das in Neukölln, wo die Menschenschlangen bei öffentlichen Besichtigungen bis auf die Straße reichen.

Nur bei einer Sache waren sie unsicher. Sie liebten einander, das schon. Aber sie waren doch noch gar nicht so lange zusammen. Vorher lebten beide in WGs. In einer Zeit, in der das Heiraten immer mehr an Bedeutung verliert, ist das Zusammenziehen im Beziehungsstatus nach oben gerutscht. Wer zusammenzieht, der ist wie verheiratet, der bekommt vielleicht bald ein Kind. Das Heiraten wird häufig übersprungen.

Das geht jetzt ein bisschen zu schnell, finden Katharina und Clemens. Und so haben sie aus der ersten gemeinsamen Wohnung eine WG gemacht. Jeder hat sein Zimmer mit eigenem Bett, auch wenn sie die Nächte in einem verbringen. Die letzte Rückzugsmöglichkeit soll fortbestehen. Die Flügeltür zwischen den Zimmern ist in der Regel geschlossen.

Und dann ist da noch ein weiteres Zimmer. Die Kammer. Etwa acht Quadratmeter, am Ende abknickend. In der toten Ecke befindet sich das Fenster kurz vor der nachträglich eingezogenen Rigipswand. Man könnte doch, dachten beide, das Zimmer untervermieten.

Es ist eine Art Ausfallschritt auf dem gemeinsamen Weg, dass sie das Pärchennest zur WG machen. Als Erste zieht Annie ein in den Schlauch, an dessen einer Seite sich die Möbel an die Wand drängen. Aber was heißt schon Möbel? Da ist eine niedrige Kommode, der grüne Lack schon etwas angefressen, darauf ein Ikea-Spiegel. Hinter der Kommode das Bett, 80 Zentimeter breit. Daneben der Schreibtisch, eigentlich ein Tisch für Kinder, und der rote Klappstuhl. Das ist die Grundausstattung.

Annie hat sich gar nicht erst die Mühe gemacht, sich weiter einzurichten. Über den Schreibtisch, dort wo sie an ihrem Laptop sitzt und Musik produziert, hat sie den einzigen persönlichen Gegenstand gehängt, ein Poster: Electro Swing Club, 18. Oktober 2013 im Lido, Glitzer, Jonglage, Zauberei. Darunter die DJs aufgelistet. Auch Annie O, London, steht da. Das Poster markiert einen Wendepunkt in ihrem Leben. In dem Club hat Annie die ersten Auftritte ergattert, als sie nach Berlin kam.

Um zu verstehen, warum Annie das macht, sich mit acht Quadratmetern in einer WG zufrieden zu geben, während sie mit einer Ferienwohnung Geld verdient, muss man wissen, dass sie nicht immer auf dieses Geld angewiesen war. Dass Annie es gewohnt war, zu den Besten zu gehören. Zu den Allerbesten. In ihrer Heimatstadt Dortmund bestand sie das Abitur als Zweitbeste im Jahrgang. Mit links, wie sie, die Tochter einer Englischlehrerin, sagt. Zum Studium ging sie nach Koblenz an die Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung, Studiengang: Internationales Management. Eine Privatuniversität, 7000 Euro Gebühren im Jahr, der Aufnahmetest sei heftig gewesen, sagt sie. Annie bestand. Nach dem ersten Jahr kam der Jahrgang zusammen, um die Auslandspraktikumsplätze zu wählen. Der Jahrgangsbeste wählte zuerst, der Zweite danach und so weiter. Annie war Nummer 53. Von insgesamt 80 Studenten. „Plötzlich war ich totales Mittelmaß“, sagt sie.

Wenn sie ihren Freund am Wochenende in Dortmund besuchte, tat sie es mit der Angst zurückzufallen. „Das klingt vielleicht komisch“, sagt sie, „aber der Druck an der Uni war enorm.“ Viele Studenten um sie herum sind zielstrebig und erfolgsorientiert. Denkt Annie heute an die damalige Zeit zurück, kann sie die Kommilitonen, mit denen sie heute noch gerne Kontakt hätte, an ein paar Fingern abzählen. Dazu gehört auch Christopher Cederskog. Ein fröhlicher Typ, der ein bisschen Leichtigkeit reingebracht habe, sagt sie. Aber seit fast zehn Jahren hat sie jetzt nichts mehr von ihm gehört. Es wundert sie aber nicht, dass er heute Chef ist. Deutschland-Chef von Airbnb. Und also der Mann, der mit dafür verantwortlich ist, wie wir lernen werden, dass Annie das Leben führen kann, das sie nachts in die Clubs führt, dorthin, wo es wummert und heiß ist und aufregend.

Annie mag es, Dinge zu ordnen, zu analysieren, effizienter zu machen. Sie dachte immer, sie würde eine Karriere in der Unternehmensberatung machen. Doch im Studium wählte sie einen anderen Schwerpunkt. Finanzen. 2005, ein Jahr vor ihrem Abschluss, absolvierte sie ein Praktikum in London, bei Merrill Lynch, einer der großen Investmentbanken.

 

Nach dem Praktikum bot die Bank ihr einen Job an. „Das war das Geilste, was mir passieren konnte“, erzählt sie. Vor allem fürs Ego. Sie ist die Erste im Jahrgang, die einen Vertrag in der Tasche hat. Dazu noch bei einer der renommiertesten Investmentbanken der Welt. Es gibt ein Foto aus der Zeit, Annie hat es vor ein paar Wochen bei Facebook gepostet. Schulterlanges blondes Haar, Sonnenbrille, pinkfarbenes Käppi. Dazu schreibt sie: „Ich sehe genauso aus, wie das, was ich damals war: eine Bankerin im Feierabend, die versucht, cool auszusehen.“

In ihrer Londoner WG lebt die damals 22-Jährige mit IT-Technikern zusammen, mit Studenten und Leuten, die im Schönheitssalon jobben. „Ich hatte mit Abstand den krassesten Job.“ Morgens als Erste aus der Tür, am Abend als Letzte zu Hause.

Und dann waren da noch die Nächte. Annie wollte nichts verpassen, wollte dabei sein, wenn ihre sechs Mitbewohner feierten, wenn sie auf Konzerte in die Buffalo Bar gingen, ein paar Straßen weiter in Islington. Annie war tagsüber Business-Frau, abends Indie-Girl. „Ich habe nachgeholt, was ich im Studium verpasst hatte.“ Doch der Job bei der Bank ließ nicht viel Platz für solche Freiheiten. Annie, die es mag, Dinge zu ordnen, war so verdammt müde. Und gleichzeitig war da dieser Durst nach mehr.

Annie wartete, bis der erste Bonus ausgezahlt wurde. 18.000 Pfund vor Steuern. In der Nacht kontrollierte sie alle halbe Stunde ihr Online-Konto. Um sechs Uhr morgens war das Geld da. Sie fuhr zur Bank und kündigte. Ihr Chef bestellte sie in sein Büro, einer dieser Glaskästen, von denen man auf Untergebene schaut. „Er hat mir gesagt, dass ich noch ein paar Jahre bleiben sollte, dann könnte ich mir eine eigene Galerie kaufen“, sagt Annie. Schau dich doch um, habe sie geantwortet: „Die sind nicht ein paar Jahre hier, die sind Mitte 40. Haben Frau, Kinder, ein scheißteures Haus. Die sind so von dem Job abhängig. Das will ich nicht.“ Annie entscheidet sich gegen das große Geld.

Als sie das letzte Mal durch die bewachte Tür der Bank geht, 2 King Edward Street, hat sie einen kleinen Batzen auf dem Konto, aber in der Tasche nichts als ein unbezahltes Praktikum. Es sind nur ein paar Meter bis zur Haltestelle St. Paul. Von dort steigt man in die Central-Line Richtung Westen. Zwei Stationen bis Holborn. Wechsel in die Piccadilly-Line, weiter Richtung Südwesten bis Earl’s Court. Von dort zu Fuß über die Warwick Road in die Straße Eardley Crescent. Gehobene englische Reihenhäuser, grau-beiger Klinker, Säulen am Eingang. Rechter Hand, in der Wohnung Nummer fünf, 59 Eardley Crescent, wohnt in diesem Februar 2007 einer, der sich für das Geld entschieden hat. Julien Lu.

Lu ist Franzose und etwa so alt wie Annie. Er hat eine Geschäftsidee mit Ferienwohnungen entwickelt, die – das wird sich im zweiten Teil noch zeigen – für Berlin prägend sein wird. Zur selben Zeit jedenfalls, da Annie ihre Bankerkarriere aufgibt, gründet Lu von London aus eine Firma in Berlin. Ihr Name: JPG Invest. Die ersteht unter anderem Häuser, deren Wohnungen sie an Investoren weiterverkauft – als mögliche Ferienwohnungen. Deren Vermietung übernimmt in vielen Fällen JPG.

Im März 2007 laden Julien Lu und sein Bruder und Geschäftspartner Gregory Lu zur Tombola: Unter Interessierten verlosen sie ein Berlin-Wochenende, Vier-Sterne-Hotel, Essen und Flug gratis, die Aktion „Candy-Bomber“ beginnt. Am ersten Tag werden die Investoren durch die Stadt gefahren, am zweiten Tag gibt es einen Rundflug mit dem Rosinenbomber. Berlin stehe an der Schwelle, einer der besten Marktplätze für Investoren zu werden, den Europa jemals gesehen habe, schreibt Julien Lu. Außerdem wohnten mehr als die Hälfte aller Berliner zur Miete, der Immobilienmarkt werde in einem Ausmaß ansteigen, „wie es die Hauptstadt nie zuvor gesehen hat“. Das sind die Rahmenbedingungen. JPG Invest bezieht ein Büro in Mitte, zwischen Berliner Ensemble, Spree und Charité.

 

Wenn wir die Geschwister Lu an dieser Stelle vorerst aus dem Blick verlieren, dann, weil es hier zunächst um Berlin als den Magneten für die kleinen Glückssucher geht. Auch die großen Geldvisionäre zieht er an, das schon. Und beide würden ohne einander nicht auskommen, weil die einen die Geschäfte der anderen finanzieren. Sie setzen sich also ins gleiche Boot.

 

Jemand anderes muss folglich aussteigen. Jemand wie Sybille Schroth.

In der Zeit, in der sich Annie eine Wohnung zulegt, steht die 45-jährige Versicherungsangestellte vor der gleichen Entscheidung. Für sie ist es eine schwere. Sie lebt in dem Teil von Kreuzberg nahe der Bergmannstraße, der wegen seines alternativ-bürgerlichen Milieus seit Jahren im Fokus steht und zum Milieuschutzgebiet deklariert worden ist. Ihr Haus ist verkauft worden. Die neuen Eigentümer unterbreiten ihr das Angebot, ihre eigene Wohnung zu kaufen. Es ist ein förmliches Angebot. Als Mieterin hat Sybille Schroth das Vorkaufsrecht. 150 000 Euro sind als Kaufsumme genannt.

„Das Geld hätte ich irgendwie zusammenbekommen“, sagt sie heute. „Aber ich kannte ja die Keller. Die waren nass. Die Wände zum Hinterhof troffen vor Feuchtigkeit. Hätte ich alles mitbezahlen müssen.“ Sie schlägt das Angebot aus.

Sollten doch andere die Dummheit machen. Um ihre Ehe steht es schon nicht zum Besten, ein weiteres Problem kann sie sich nicht auch noch aufhalsen. Im September 2013 beginnen Bauarbeiten in der Wohnung über der ihrigen, das Bad soll erneuert werden, erzählt Sybille Schroth. „Nachts regnet es plötzlich aus der Decke“. Das ist der erste Wasserschaden. Und der Auftakt zu einem Nervenkrieg, der die gebürtige Berlinerin aus der Stadt treiben wird. Sie hält das für eine Strategie. Sybille Schroth lebte nicht mehr mit Nachbarn im selben Haus, sondern mit leeren Zimmern, aus denen es tropfte.

Die Firma, die das Haus übernommen hat, braucht keine Mieter. Sie wird die meisten Wohnungen an Investoren weiterverkaufen und sie für diese als Ferienwohnungen betreiben. Wobei die Firma sagt, dass es sich um möblierte Apartments handele, deren Vermietung für länger als einen Monat legal sei.

Menschen, die für einige Wochen in die Stadt kommen, für ein Praktikum, eine Trainee-Station oder die Probezeit, gibt es genug. Bevor Annie im Jahr 2013 ihre eigenen Konsequenzen aus diesem Berliner Magnetismus zieht, wechselte sie in London als Ex-Bankerin noch mehrfach den Job, brachte sich Schlagzeugspielen bei, wollte mit einer Band den Durchbruch schaffen. Vier Jahre vergingen, in denen sie nachts lebte und für ihre Arbeit tagsüber immer schlechter bezahlt wurde. Schließlich räumte sie im Top Shop auf der Oxford Street Kleidung in die Regale. Für sechs Pfund die Stunde. Sie fragte sich: Ist mir das die Freiheit wert?

Einen festen Job zu haben, vorübergehend bei einer Firma für Mobile-Marketing, kam Annie wie eine Niederlage vor. Sie musste sich eingestehen, dass sie von der Musik allein nicht leben konnte. Dabei war sie nahe dran. Das Elektro-Duo, das aus ihr und ihrem Ex-Freund bestand, ergatterte ein paar Auftritte in Londoner Clubs, die Jeansmarke Levi’s porträtierte Annie als upcoming Künstlerin. In den Londoner Clubnächten kamen irgendwann die Drogen dazu. Die ersten Pillen, das erste Mal MDMA. Vom Burning-Man-Festival in Nevada 2011 nach England zurückkehrend, beschloss sie, die Band aufzugeben und ihr eigenes Ding zu machen. Des Geldes wegen heuerte sie bei einem Start-up-Unternehmen an. Ob sie nicht nach Berlin gehen möchte, um das dortige Büro mit aufzubauen? Die Entscheidung sei intuitiv gefallen, sagt sie. Von da an nennt sie sich Annie O, verlegt sich darauf, als DJ aufzutreten – und geht nach Berlin.

Bei ihren Auftritten am DJ-Pult, der Oberkörper frei, sind ihre Brustwarzen mit schwarzem Klebeband gerade so bedeckt, ihre Beine stecken in hautengen Leggins. Schwer zu glauben, dass sie mal jeden Morgen ein Business-Kostüm trug.

Nicht, dass sie London aufgegeben hätte. Sie behält ihr Zimmer im Londoner Stadtteil Hackney. 760 Pfund bezahlt sie dafür im Monat. Die Fixkosten drohen Annies Reserven aufzufressen. Bevor alles weg ist, kalkuliert sie ihre Perspektiven. Um ihr Leben als DJane zwischen London und Berlin aufrechterhalten zu können, verlegt sie sich auf das Airbnb-Modell. Im Winter verbringt sie selbst einige Monate in ihrer Wohnung. Im Frühjahr, mit Beginn der Airbnb-Saison, leben Touristen darin. Mittlerweile hat sie die Wohnung an zwei Amerikaner vermietet, längerfristig, ihre Anzeige bei Airbnb hat sie vorerst gelöscht.

Manchen wird Berlin, das neue Berlin der Immobilieninvestoren, der Wohnungsbesitzer und Internetunternehmer, zu hart. Jeder hat einen empfindlichen Punkt. Wann ist er bei Hergen erreicht, dem dritten Bewohner der Kammer in diesem Jahr? Zwischenzeitlich hatte ein anderer von Katharinas und Clemens’ Freunden hier kurz Station gemacht. Jetzt ist Hergen da, der ein sensibler Mensch ist. Der grübelt. Der sich eher zu viele Gedanken macht als zu wenige.

Seit er 2002 ein Praktikum im Bundestag absolviert hat, wollte er so richtig ankommen in Berlin. Zwölf Jahre später räumen er und seine Freundin Conny ihre WG-Zimmer in Bielefeld und verfrachten alles in den gemieteten Transporter. Was sie in Berlin machen wollen, wissen sie noch nicht. Conny muss ihre Abschlussarbeit schreiben. Später wird sie einsehen, dass Berlin im Frühling und Sommer kein Ort für konzentriertes Arbeiten ist. Hergen hat den Transporter auch mit einer Sinnkrise beladen. Ob er das Studium der Wissenschaftssoziologie noch beenden wird, weiß er nicht. Vielleicht ergibt sich ja was bei einem der vielen Start-ups, die einen Kicker auf dem Flur haben.

Als Hergen in die Kammer bei Clemens und Katharina einzieht, hängt er eine große Pappe an die Wand. Darauf einige Zettel. „Steuern“, „Schulden“, „Job“. Darüber ein weiterer mit dem Namen seiner Freundin, Conny, und einem zweiten Wort: Liebe. Auf dem Zettel mit dem Wort „Ich“ hat er einen kleinen gelben Post-It geheftet, auf dem „sein“ steht. Er schreibt Bewerbungen. Das Ziel: irgendwo reinrutschen, wo der Studienabschluss keine Rolle spielt. Wo er zeigen darf, was er kann, ohne dass er eine Qualifikation vorzeigen muss.

Man verdient zwar nicht viel, aber um über die Runden zu kommen, reicht es. Eine Arbeitsstelle, bei der man nicht das Hemd in die Hose stecken muss. Wo es normal wäre, wenn man einen Bart trägt wie Hergen, an den Seiten kurz, am Kinn ausufernd. Passend zu den Locken, die oben durch das Cap gebändigt werden und am Nacken wild herauswuchern. Flache Hierarchien bei großer eigener Verantwortung. So hat er sich das vorgestellt.

 

Und so suggerieren es auch viele Anzeigen. Häufig aber seien das konventionelle Unternehmen, sagt Hergen, die nur den Anschein eines Start-ups erwecken wollen, weil das „hip klingt“. Mit flachen Hierarchien ist da nicht viel, auch wenn ein Kicker auf dem Flur steht, an dem nie jemand spielt.

Hergen wollte immer nach Berlin, das schon, aber er hatte auch Angst. Um nicht im Zimmer zu hocken, und weil alle, die er in der Stadt kennt, mehr zu tun haben als er, geht er spazieren. Schließlich heuert Hergen beiVelogista an, einem Transportunternehmen, das auf Lastenfahrräder mit Elektromotor setzt, um innerhalb der Stadt Pakete zu transportieren.

Bei Velogista geht es chaotisch zu. Anders gesagt: Die Hierarchien sind wirklich flach. So bringt sich Hergen, der als Fahrer eingestellt ist, schnell auch im Marketing ein. Er gestaltet Flyer, macht einen Relaunch der Internetseite, plant eine Crowdfunding-Kampagne. Das einzige Problem: Es gibt kein Geld dafür. Stattdessen schreibt er sich für jede Stunde, die er arbeitet, einen Punkt auf. Sollte das Unternehmen irgendwann erfolgreich sein, werden diese Punkte zu Geld.

Manchmal, am Ende eines Tages, wenn er auf seinen Touren etwas Trinkgeld bekommen hat, hält er einen Zwanzig-Euro-Schein in der Hand. „Geil, heute Abend kann ich in die Kneipe gehen“, denkt er dann.

Hergen ist zu diesem Zeitpunkt 30 Jahre alt. Abends sitzen er und Katharina in der Küche, rauchen und erzählen sich vom Tag. Einmal haben sie zusammen einen Dinosaurier aus Pappe gebaut, es zumindest versucht. Manchmal nimmt Hergen diese komischen Schwingungen wahr, die von Katharinas Freund auszugehen scheinen. „Ich weiß es nicht genau“, sagt er, „aber vielleicht ist Clemens ein bisschen eifersüchtig.“ Die Schwingungen belasten ihn, aber er spricht das Thema nicht an.

Anfang Oktober nimmt er die Pappe von der Kammerwand. Alle sind traurig. Die gemeinsame Zeit so schnell wieder vorüber. Als Nächstes wird ein Fremder in die Kammer kommen.

Zu denen, die aufgeben, gehört auch Sybille Schroth. „Ich war schon traurig“, sagt sie mit rauer Stimme, „man konnte es nicht mehr aushalten.“ Sie packte ihre Sachen in Kartons, stapelte sie in der Mitte des Wohnzimmers. Als alles für den Umzug nach Neuruppin vorbereitet war, schloss sie die Wohnungstür hinter sich und ging.

Seit 1990 hatte sie in dem Haus in der Mittenwalder Straße 47 ihre Bleibe, mehr als die Hälfte ihres Lebens. Sybille Schroth sagt das ohne Sentimentalität. Sie neigt nicht zur Nostalgie. Es war ihre erste eigene Wohnung gewesen, nachdem sie ihr Elternhaus in Spandau verlassen hatte. Als sie ihren Mann kennenlernte, zog er zu ihr. Sie bekamen ein Kind, wohnten nun als Kleinfamilie in den drei Räumen, deren Miete anfänglich 800 Mark betrug. Sie half der alten Dame aus dem Ersten gelegentlich beim Treppensteigen und mit den Einkäufen.

Schließlich verbreiteten sich Gerüchte im Haus, dass es einen neuen Eigentümer gebe. Ein Investor, hieß es 2012. Der teilte, was zuvor eine freundliche Hausgemeinschaft gewesen war, in Eigentumsparzellen auf. Sybille Schroth traf nun ständig Handwerker im Treppenhaus an, deren Klamotten kein Firmenlogo aufwiesen, auch auf dem weißen VW-Transporter war kein Name zu lesen. Die Männer sprachen kaum Deutsch. Aber sie machten alles. Schliffen den Boden ab, strichen Türen, Wände, Fenster, verlegten Fliesen und Rohre. Und sie rissen offenbar Lecks in alte Leitungen. Beim zweiten Wasserschaden wellte sich die Tapete von Sybille Schroths Wand.

Wen sie auch von der Hausverwaltung auf den Schaden ansprach, er winkte ab. Nicht zuständig. Derweil ging ihre Ehe in die Brüche. Nun lebte sie wieder allein in den drei Zimmern. Wegen des Drecks im Haus war es schwer, sich heimisch zu fühlen. Vor dem Fenster wurde ein Gerüst hochgezogen. Ohne, dass darauf etwas passierte. Schließlich wurde es wieder abgebaut. Dann wieder aufgebaut. Das Haus sei alt gewesen, sagt Sybille Schroth nun doch ein bisschen genervt, aber es hatte alles funktioniert. Mit den Renovierungsarbeiten habe ihre Vertreibung begonnen. Die Kraft für eine lange Auseinandersetzung hatte sie nicht.

Anfang 2014 kündigte sie den Mietvertrag. Ein Mann von der Hausverwaltung bot ihr an, sofort auszuziehen. Sie stellte ihre Habe in Kisten verstaut in die Mitte des Zimmers. Nachts rief die Nachbarin bei ihr in Neuruppin an. Der dritte Wasserschaden. Es floss nur so aus der Decke. Die alte Dame von unten, der sie die Treppe hinaufgeholfen hatte, die 72-Jährige und ihr Sohn hätten die ganze Nacht gegen den Sturzbach angewischt. Umzugskisten, Matratzen, Möbel waren trotzdem feucht geworden. Sybille Schroth beziffert den Schaden auf 1300 Euro.

Einen Tag nach ihrem Auszug waren die Handwerker da, um mit der Sanierung zu beginnen. Auf die Erstattung wartet Sybille Schroth bis heute.

Dennis will ein Hochbett in die Kammer bauen. Es ist sein guter Vorsatz fürs nächste Jahr. Denn als Dennis ihn fasst, da ist das alte Jahr noch nicht ganz vorbei. Die Leute, die seinen Ausklang einleiten wollen, finden sich Silvester in Clemens’ und Katharinas Wohnküche zu einem üppigen Mahl ein. Seit ein paar Wochen wohnt Dennis in der Kammer, ein Filmemacher aus dem Baskenland, Zehntagebart und dunkler Lockenkopf. Einer von Dennis’ Freunden, Spitzname Tequila, sagt: „Das ist ja wie in Mallorca, nur andersrum. Eine Party auf deutschem Boden, und die Spanier sind in Überzahl.“

Dennis und seine spanischen Freunde gehören zu der Generation, die heute in ihren Zwanzigern ist und unter der Wirtschaftskrise ihres Landes besonders leiden musste. Jobs gibt es viel zu wenige, viele leben noch bei den Eltern. Auch Dennis tat das, bevor er nach Berlin kam. „Meine besten Freunde waren eh schon hier in Berlin“, sagt er.

In Spanien hat er Kurzfilme und Musikvideos produziert. Er beherrscht sein Handwerk. Warum also nicht nach Berlin gehen, bei den anderen hat es doch auch geklappt. Und auch wenn es verdammt kalt ist, schlimmer als zu Hause in Spanien kann es nicht sein.

So steht Dennis an diesem Silvesterabend mit seinen alten baskischen und seinen neuen deutschen Freunden in der Küche und redet über seine Pläne. Er hat ein paar Bewerbungen geschrieben, eventuell kann er als Videoproduzent bei einem spanischen Online-Nachrichtensender anfangen. Auch für die Kammer hat er Pläne. Er will in ihr wohnen bleiben. Es ist eng, aber billig. Und an den Platzverhältnissen kann man noch was machen.

In Katharinas Zimmer haben sie aus unterschiedlich hohen Tischen eine Tafel zusammengeschoben. Es gibt Crêpes. Jeder hat etwas zu trinken mitgebracht, dazu kreisen ein paar Joints, alles wird geteilt. Um kurz vor Mitternacht gehen alle gemeinsam hinaus. Im Hausflur treffen sie auf einen Mieter aus dem Hinterhaus, Hund an der Leine. Sein Radius beschränkt sich auf die eigenen vier Wände und den Späti gegenüber, wo er immer eine Traube Trinker vorfindet.

„Hey, how are you?“ fragt er.

Fine, antwortet Dennis.

„How are you?“

„Sie können Deutsch mit mir sprechen“, sagt Clemens. „Ich wohne hier.“

Macht der Alte aber nicht. Spricht Clemens unbeeindruckt auf Englisch an. Immer nett, immer höflich.

Ein paar Wochen nach Silvester geht Dennis in einen Baumarkt, um seinen Plan in die Tat umzusetzen. Er braucht Holz. Bauholz. Sein Kumpel, der ihm dabei helfen müsste, weil der das kann, so ein Hochbett bauen, hat leider keine Zeit. Also steht Dennis vor dem Regal mit den Holzpfosten und ist unsicher, ob die auch stabil genug sind. Er macht ein Foto, seine Hand als Maßstab neben dem Pfosten, und schickt es seinem Kumpel. Sieht gut aus, antwortet der, kaufen!

Ein Auto haben weder Dennis noch Clemens, der ihn begleitet. So laufen die beiden, jeweils zwei Pfosten unterm Arm, gut einen Kilometer nach Hause. Den Rest des Holzes kauft Dennis ein paar Wochen später, als der Kumpel endlich Zeit hat. Sie brauchen einen Nachmittag, um das Grundgerüst zu errichten. Es ist auch das Grundgerüst von Dennis’ neuem Leben in Berlin. In der Kammer könne er so lange wohnen, wie er möchte, haben Clemens und Katharina ihm gesagt. Den Job bei dem spanischen Online-Sender hat er bekommen. Mit dem Bett, dem von eigener Hand gebauten Hochbett, hat er die Kammer zu seinem Zimmer gemacht.




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