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Die Illusion

von Tiemo Rink

11. April 2015  —  Der Tagesspiegel

Ein privates Zimmer mieten, die Stadt erleben wie die Einheimischen: Das wollen viele Touristen. Und bekommen es - für Geld. Wie Online-Vermittler von Ferienwohnungen die Sehnsucht nach dem Berlin-Gefühl zu ihrem Geschäft machen.


Claire lebt in einer Penthouse-Wohnung in der Sonnenallee, in Neukölln. Fotos ihres Domizils kursieren im Internet, man sieht einen kleinen Orangenbaum auf der Dachterrasse wachsen, keine Ahnung, wie sie den durch den Winter bringt. Vielleicht stellt sie ihn rein in den kalten Monaten, neben der Hängematte an der Heizung wäre noch Platz. Mitunter scheint ein Mann zu Gast zu sein, der gerne in einem dieser geflochtenen Stühle auf der Terrasse sitzt, er legt die Füße hoch und liest Zeitung. Claire selber sieht man selten in ihrem Penthouse. Manchmal kommen Leute, um bei ihr zu übernachten. Aber nicht Claire öffnet dann die Tür, sondern jemand anders. Die Leute wundern sich darüber ein bisschen.

Andere glauben, dass Claire in einer dunklen Einzimmerwohnung in Schöneberg wohnt, am Bayerischen Platz. Ihre Küche ist klein, der Herd besteht aus zwei Elektroplatten, von ihrem Balkon blickt sie auf Garagen. Die Claire, die hier wohnt, schwärmt für den spanischen Regisseur Pedro Almodóvar, das Plakat zu dessen Film “Volver” hat sie in ihr Wohnzimmer gehängt. Manchmal kommen Leute, um bei ihr zu übernachten. Mal öffnet Claire, mal jemand anders. Wenn man bei den Nachbarn nach ihr fragt, kann sich niemand an sie erinnern.

Wieder andere denken, dass Claire am Neuköllner Richardplatz lebt. Ihr Bett ist kaputt gegangen, nun liegt die Matratze auf ein paar gestapelten Europaletten. Die Küche ist leer, die Wohnung wirkt verlassen, aber irgendwo hier muss Claire sein. Manchmal kommen Leute, um bei ihr zu übernachten, sie erwarten dann, eine junge Frau mit langen dunklen Haaren und einem angedeuteten Lächeln anzutreffen. Aber sie, die ihren Besuchern doch eigentlich die Tür öffnen sollte, ist selten da.

Statt ihrer öffnet dann ihr Freund die Tür. Das ist aber schade, dass wir Claire nicht persönlich haben kennenlernen dürfen, sagen die Besucher später. Am Telefon war sie dafür sehr nett, auch die Mails hat sie freundlich beantwortet, und ihre Wohnung ist wirklich schön. Nur manchmal läuft alles schief. Dann ist Claires Freund schlecht gelaunt und lässt das an den Besuchern aus. Er wird unhöflich, vergreift sich im Ton, die Besucher klagen anschließend im Internet über sein Verhalten. Claire muss dann eingreifen, muss ihren Freund maßregeln, sich entschuldigen für sein indiskutables Verhalten, im Internet, öffentlich, vor allen Leuten.

Es scheint eine seltsame Beziehung zu sein zwischen Claire und ihrem Freund. Wie überhaupt diese ganze Claire seltsame Züge hat. Sie macht und rackert und tut, sie telefoniert, schreibt Nachrichten, ist immer freundlich und um Ausgleich bemüht bei den knapp 30 Berliner Wohnungen, die sie über das Online-Portal Airbnb zum Übernachten anbietet. Nur gesehen wird sie selten.

Wo ist Claire?

Wer ist Claire?

 

Das Klima ist vergiftet

Viele, die es nach Berlin treibt, sind auf der Suche. Komm, wir fahren nach Berlin, wo die Menschen aus Heimweh hinziehen, hat die Band Blumfeld mal gesungen. Ein Satz für Romantiker. Aber es stimmt, dass man hier schneller als andernorts heimisch werden kann. Das meiste ist billig. Dielenböden. Stuck an der Decke. Mit neuen Namen überklebte Klingelschilder. Der Spätkauf an der Ecke hat eigentlich immer auf. Die Gereiztheit der Großstädter gibt es gratis dazu. Man fühlt sich schon bald selbst ein bisschen als Berliner.

Längst ist aus dem Heimweh ein lukratives Geschäft geworden. Was bei Airbnb und ähnlichen Plattformen als selbst organisierte Vermittlung von Zimmern begann, entzieht dem Berliner Mietmarkt mittlerweile mehrere tausend Wohnungen, die als Ferienappartements gebucht werden. Mietpreise steigen, viele Berliner fühlen sich abgehängt. Die Berliner Politik will dem entgegensteuern, mit einem Zweckentfremdungsverbot soll es Berliner Wohnungsbesitzern schwerer gemacht werden, an Touristen zu vermieten. Doch können gut gemeinte Verordnungen eine Praxis stoppen, für deren Kontrolle es kaum Personal und Mittel gibt?

Das Klima ist vergiftet. Mieter klammern sich an das, was sie haben, weil sie Verdrängung und sozialen Abstieg fürchten. Für die Stadt ist das problematisch, weshalb wir – ein Reporterteam des Tagesspiegels – in diesen drei aufeinanderfolgenden Episoden der Frage nachgehen, wie es so weit kommen konnte.

Im ersten Teil beschrieben wir ein Berliner Paar, das in seiner Neuköllner Wohnung ein Zimmer an Freunde und Fremde vermietet, insgesamt fünf Gäste lebten innerhalb eines halben Jahres in der Acht-Quadratmeter-Kammer. Und wir lernten Julien Lu kennen, einen jungen Franzosen, der in London zusammen mit seinem Bruder die Immobilienfirma “Imoinvest UK Limited” betrieb. Ein Unternehmen, das irgendwann unter dem Namen “JPG Invest” einen Ableger in Berlin gründete. Dieser vermietet Ferienwohnungen – und seine Miteigentümerin heißt Claire.

All das hat sich so ergeben. Geschichten beginnen ja oft damit, dass sich etwas einfach ergibt. Zum Beispiel, dass Berlin irgendwann aufgehört hat, eine billige Mietmetropole zu sein. Claire, eine Kanadierin, hat mit ihren 30 Berliner Wohnungen, die sie im Internet zum Übernachten anbietet, Anteil an dieser Entwicklung. Wo aber kommen all diese Wohnungen her?

Wer der Frage nachgeht, stößt auf eine große Illusion.

 

Ein guter Deal

Aber der Reihe nach. Am Anfang ging es gar nicht um Berlin. Sondern um eine Idee, mit der sich Geld machen lässt. Und zwar mit Ferienwohnungen in Frankreich, in den beliebten Gegenden, in denen sich Touristen tummeln. Die Idee, entwickelt für Inseln, Küstenorte und Erholungsregionen, wird heute auf Berlin angewandt. Im Grunde ist es eine alte Idee, aber sie profitiert von neuen Vertriebskanälen, von Vermietungsportalen wie Wimdu, fewo-direkt, e-domizil oder 9flats, und natürlich von Airbnb, dem kalifornischen Start-up-Unternehmen, das im Sommer 2011 nach Deutschland kam und sich schnell zum Marktführer entwickelte.

Im Spätsommer 2014 veröffentlichte das Wirtschaftsmagazin “Capital” erstmals verlässliche Zahlen zum Berliner Airbnb-Geschäft. Nach diesen Recherchen hatte sich das Portal schon damals von einer Plattform für Gelegenheitsvermieter zum Vertriebskanal für professionelle Anbieter entwickelt: Knapp 4500 Anbieter boten rund 5800 komplette Wohnungen an, und zwar nicht nur für zwei oder drei Wochen, wie es anzunehmen wäre, wenn jemand etwa in den Urlaub fährt und seine Wohnung in dieser Zeit untervermietet. Sondern das ganze Jahr über, für durchschnittlich etwa sechs Monate.

Airbnb selbst spricht von insgesamt 14.000 Vermietungsangeboten in Berlin, einzelne Zimmer oder komplette Wohnungen, ganzjährig oder nur zeitweise zu mieten.

Der Tagesspiegel hat den Berliner Airbnb-Markt nun erneut untersucht. Die Recherchen zeigen, dass immer mehr Anbieter in das Geschäft mit Ferienwohnungen einsteigen wollen – trotz Zweckentfremdungsverbot. Inzwischen inserieren rund 5150 Vermieter bei Airbnb, gut 15 Prozent mehr als noch vor einem Dreivierteljahr. Auch die Zahl der angebotenen Komplettwohnungen ist erneut gestiegen, auf rund 6100 Wohnungen, die durchschnittlich 6,6 Monate im Jahr zu mieten sind.

So weit die aktuelle Lage. Wer wissen will, wie sie zustande kam, kann das am Beispiel von Claire und der Firma JPG Invest nachvollziehen. Dessen Londoner Mutterkonzern Imoinvest UK Limited wird am 2. Oktober 2003 ins englische Handelsregister eingetragen, gegründet von zwei jungen Menschen, die ein Gespür für Trends haben: Gregory und Julien Lu. Gregory ist Anfang 30, Julien Anfang 20. Claire ist zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt, aber um Claire geht es hier nicht, noch nicht.

Worum es geht, ist die Angst von Menschen mit Geld, dass ihr Vermögen an Wert verlieren könnte. “In den aktuellen Finanzturbulenzen”, schreibt Imoinvest auf seiner Website, suchen Anleger sichere und renditestarke Investitionsmöglichkeiten. Was wie ein Werbetext aus der Gegenwart klingt, schreibt Imoinvest bereits im Jahr 2003. Wohin nur mit der ganzen Kohle?

Imoinvest hat einen Vorschlag: “Grundbesitz könnte die Lösung sein.” Wir bieten Ihnen, schreiben die Gebrüder Lu im Jahr 2003, ausgewählte Immobilien in den weltweit spannendsten Städten für Touristen, in Paris, Cannes, Nizza oder St. Tropez. Ein annähernd steuerfreies Investment, denn die Mehrwertsteuer wird den Investoren erstattet. Ein guter Deal, die Firma wächst schnell.

Sie betreibt sogenannte Leaseback-Geschäfte. Investoren sollen Ferienwohnungen kaufen und sie für mehrere Jahre fest an eine Immobilienfirma vermieten. Die wiederum vermietet sie an Touristen und bedient mit den Mieteinnahmen die Kredite der Eigentümer. In Frankreich, schreibt Imoinvest, habe die Regierung dieses Verfahren in einigen Gegenden erlaubt, um so Investoren ins Land zu locken, denen sie Steuererleichterungen gewährt.

Am 5. Februar 2007 lassen die Brüder Lu eine neue Firma namens JPG Invest GmbH beim Handelsregister des Amtsgerichts Berlin-Charlottenburg eintragen. JPG will Wohnungen kaufen, vermieten und bewirtschaften. Julien und Gregory Lu ernennen sich zu Gesellschaftern der Firma, neben ihnen wird ihre Schwester die dritte Gesellschafterin: Pauline Lu. JPG Invest klingt groß, nach internationalem Konzern. Tatsächlich ist es ein Familienunternehmen, die Buchstaben JPG stehen für die Vornamen der Firmeninhaber. Und noch immer keine Spur von Claire.

 

Airbnb: Kalifornien in Berlin

Nun also Berlin. Warum? Weil hier mittlerweile Geld zu verdienen ist, ganz einfach. Der Immobilienmarkt in der Stadt zieht langsam an. Die niedrigen Preise sprechen sich herum, die ganze Stadt wirkt wie ein Versprechen: arm, aber sexy. Längst schon kommen die Touristen, und mit ihnen werden die Vermietungsportale in der Stadt aktiv. Warum? Weil hier mittlerweile Geld zu verdienen ist, ganz einfach.

“Willkommen zu Hause” lautet der Werbespruch, mit dem Airbnb seine Philosophie verbreitet. Also dann – willkommen in Berlin. Genauer gesagt: Willkommen im dritten Hinterhof, Erdgeschoss, Rosenthaler Platz. Hier sitzt die Berliner Airbnb-Filiale. Großraumbüro, junge Menschen hinter Apple-Computern, natürlich haben wir auch einen Kickertisch, sagt der Pressesprecher, nur aufgebaut sei er noch nicht. Der Kickertisch, das Symbol der Start-up-Branche. Anfang des Jahres haben sie das Büro neu bezogen, gleich darauf fuhr die Belegschaft zu einer Art Betriebsausflug in die Zentrale nach San Francisco. Alles ganz dynamisch: kaum hier sein, schon wieder weg sein. Vielleicht geht Airbnb ganz ähnlich: schnell, flexibel, immer da, wo was los ist, und dabei noch mit einer schönen Geschichte unterwegs.

Die Geschichte geht so: Bei Airbnb inserieren Privatleute ihre Wohnung oder ihr Zimmer, wann immer sie möchten. Dann kommen andere Privatleute als ihre Gäste, die auf sterile Hotels verzichten möchten und auch im Urlaub lieber like locals leben wollen: wie Einheimische. Der Gast zahlt für Zimmer und Lebensnähe, Airbnb kassiert eine Provision, bis zu zwölf Prozent. Es ist die schöne Geschichte von der Sharing Economy: Teile, wenn du teilen kannst, vom Auto über die Bohrmaschine bis hin zur Wohnung. Und Wohnungen sind das Metier von Airbnb: Fast 250.000 Menschen kamen im letzten Jahr über die Plattform nach Berlin, Airbnb ist damit Marktführer. Mehr als doppelt so viele Übernachtungsmöglichkeiten wie die Mitbewerber Wimdu, 9flats, fewo-direkt und e-domizil zusammengenommen hat der Branchenriese für Berlin im Angebot.

“Auch wenn es nur für ein Wochenende ist, es geht um das Gefühl, wirklich da gewesen zu sein”, sagt Christopher Cederskog, der Chef von Airbnb Deutschland. Einfach mitmachen können. Teil einer Gemeinschaft sein. Und natürlich auch: Freundschaften schließen. Hat er ja selber vor Kurzem erst wieder erlebt, sagt Cederskog, als er in Israel Urlaub machte. Die intensiven Gespräche mit dem Gastgeber, aus dem Land der Täter ins Land der Opfer, am Ende war’s einfach besser als in irgendeinem Standardhotel.

Wenn es nach Cederskog geht, dann ist Airbnb eine Art Onlinetool zur Völkerverständigung: Der Gastgeber zeigt dem Fremden die guten Ecken seines Viertels, und irgendwann reist der Fremde wieder ab und stellt fest, dass er gar kein Fremder mehr ist. Das ist die eine Sichtweise. Was aber bedeutet es, wenn jemand bei einem Menschen übernachtet und ihn dafür bezahlt? Werden sie Freunde? Kann man von einem Freund Geld dafür verlangen, dass der bei einem wohnt? Oder ist dergleichen das Gegenteil von Freundschaft, nämlich Service, Dienstleistung, Geschäftssinn? Das ist die andere Sichtweise.

Man kann dem Unternehmen zugutehalten, dass Airbnb vielen Menschen die Möglichkeit bietet, schnelles Geld zu verdienen. Einfach nur dadurch, dass das Unternehmen Menschen zusammenbringt, und dass die einen mit den anderen einen Beitrag für die Haushaltskasse erwirtschaften. Man kann dagegenhalten, dass Airbnb die Menschen normiert. Dass Ecken und Kanten der Gäste und Gastgeber abgeschliffen werden, weil sich alle permanent auf der Airbnb-Website beurteilen sollen. “Die Bewertungen der Nutzer fließen in den Algorithmus ein und spielen eine sehr große Rolle bei der Platzierung der Inserate”, sagt Airbnb-Chef Cederskog. Wenn irgendetwas missfällt, wird die Sichtbarkeit des Inserats herabgesetzt, der Gastgeber findet seltener Gäste. Wenn er also clever ist, dann ist er immer freundlich, gibt gute Tipps und führt seine Gäste durchs Viertel. Wenn er nicht clever ist, dann macht er das nicht.

 

Zusammen sind wir klüger

Es ist der Glaube an die Schwarmintelligenz, die gemeinschaftliche Abstimmung darüber, wo es schön und wo es nicht so schön ist. Was als Mitbestimmung daherkommt, kann man andererseits auch als Mechanismus interpretieren, der die Menschen kontrolliert, der sie zwingt, permanent gut drauf zu sein. Und das in einem Bereich, wo man eigentlich auch mal schlechte Laune haben dürfte, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen: in der eigenen Wohnung.

Worum es bei Airbnb eigentlich geht, ist nicht Freundschaft, sondern Freundlichkeit. Der Unterschied könnte kaum größer sein.

Auf den ersten Blick scheinen 15.000 Ferienwohnungen und Gästezimmer zu wenig, um irgendeine Relevanz in einer Stadt mit 1,8 Millionen Wohnungen zu haben. Tatsächlich aber ballen sich die Airbnb-Inserate in angesagten Vierteln wie Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Mitte und Kreuzberg, während reguläre Mietwohnungen in diesen Gegenden immer seltener oder aber teurer inseriert werden.

Für diesen Marktmechanismus möchte Airbnb-Chef Cederskog nicht verantwortlich gemacht werden. “Airbnb ist kein Werkzeug, um eine höhere Rendite aus der Wohnung zu ziehen als bei einer normalen Vermietung.” Das scheinen allerdings Anbieter anders zu sehen, die für ihre inserierten 40-Quadratmeter-Apartments gerne mal 1000 Euro und mehr im Monat verlangen.

Aus den Airbnb-Daten lässt sich auch die steigende Attraktivität einzelner Kieze ablesen. Zum Beispiel in der Neuköllner Sonnenallee, wo vor einem Dreivierteljahr auf der Airbnb-Seite gut 110 Wohnungen angeboten wurden. Mittlerweile sind es 210, also fast doppelt so viele. Zum Vergleich: Beim populären Wohnungsportal Immoscout sind in der Sonnenallee derzeit gerade einmal zehn reguläre Mietwohnungen im Angebot.

Bei Airbnb stößt man auch hier wieder auf Claire, die ebenfalls in der Sonnenallee inseriert. Sie gehört zu den 30 Spitzenanbietern auf dem Berliner Airbnb-Markt, die zusammen mehr als 400 Ferienwohnungen im Angebot haben. Da könnte es mitunter etwas schwierig werden mit dem individuellen Miteinander von Gast und Gastgeber, das nach Unternehmensangaben doch das besondere Airbnb-Erlebnis ausmachen soll.

Die Wirklichkeit ist bei den Großanbietern viel profaner: Der vermeintliche Gastgeber wohnt gar nicht in der Wohnung, die er online bewirbt. Manchmal fällt das den Mietern auf, dann klagen sie auf der Airbnb-Website über den Kommerz, wo sie doch für Authentizität gezahlt hätten. Manchmal fällt ihnen nur auf – wir denken kurz an Claire -, dass ihnen statt des eigentlichen Gastgebers irgendein anderer Mensch die Schlüssel in die Hand gedrückt hat. Vielleicht treffen wir den Gastgeber ja beim nächsten Mal, schreiben sie dann auf der Airbnb-Website. Das wäre schön, antwortet dann gelegentlich der Gastgeber.

Was war der Moment, an dem die ganze Sache mit den Ferienwohnungen langsam in den Irrsinn kippte? Wann wurde deutlich, dass hier ein Geschäftsmodell ausfranst? Als die immer gleichen Wohnungen auf immer mehr Suchportalen im Internet angeboten wurden, als eine Maschine zu arbeiten begann und auch die Gastgeber nicht mehr wussten, wo sie eigentlich gerade ihre Gäste suchen, als die Renditen entweder immer schmaler oder aber die Mietpreise immer höher wurden, weil immer mehr Akteure auch noch ein Stück vom Kuchen abhaben wollten?

 

Die kleinen Fische

Ein Frühlingsabend in der Kreuzberger Adalbertstraße. In einem Erdgeschossbüro sitzt Levan Khutchua zwischen Schlüsselbrett und Aktenordnern und macht gute Miene zu einem Spiel, das schon lange anders läuft als einst gedacht. Und wahrscheinlich im nächsten Jahr gar nicht mehr laufen wird, wenn seine Sondergenehmigungen nicht mehr gelten, die der Berliner Senat als Übergangsregelung bis zum Inkrafttreten des Zweckentfremdungsverbots erteilt hat. Berlinlux heißt Khutchuas Firma, seit 2009 vermietet sie Wohnungen an Touristen.Bei Airbnb hat Berlinlux fast 30 Inserate und gehört zu den größten der Stadt. “Poweruser” nennen sie einen wie ihn bei Airbnb. Er selbst nennt sich lieber Levan, anstatt den Namen seiner Firma zu verwenden. Berlinlux vermietet Wohnungen, die nicht der Firma selbst gehören, stattdessen mietet Levan Khutchua sie von den Wohnungseigentümern, um sie an Touristen weiterzuvermieten. Oder er macht gemeinsame Sache mit dem Eigentümer und bekommt bei jeder Buchung 20 Prozent Provision. Auch Airbnb will eine Provision auf jede Buchung, wie überhaupt jeder in diesem Spiel beteiligt werden will.

Jede einzelne seiner Wohnungen bietet Khutchua auf jeweils 30 Portalen an. Wer bei Berlinlux eine Wohnung buchen möchte, hat dafür also insgesamt 900 verschiedene Möglichkeiten. Airbnb ist für einen wie ihn nur einer von vielen Vertriebskanälen. Denn natürlich gab es Vermietungsportale schon, bevor Airbnb vor vier Jahren nach Deutschland kam. Khutchua betreibt selbst eins. Zusätzlich hat er vor Jahren schon ein halbes Dutzend weiterer Internetseiten angemeldet, alle gedacht als Suchportale, die er aufbauen wollte. Angemeldet hat er sie in Zeiten, in denen Airbnb noch keine Rolle spielte. Aber die Zeiten haben sich geändert, heute kommt nur noch jede zehnte Buchung über eine seiner eigenen Seiten.

Den großen Umsatz macht Khutchua über die großen Anbieter. Über diejenigen, die die Massen erreichen, gegen deren Marktmacht einer wie er natürlich keine Chance mehr hat. Was aber noch lange nicht bedeutet, dass er deshalb das eigene Portal stilllegen würde.

Und so teilt sich der Berliner Markt langsam auf. Ganz oben thronen Großvermittler wie Airbnb, dann kommt lange nichts, irgendwann kommen Anbieter wie Berlinlux. Und dann gibt es noch die ganz kleinen Fische. Leute wie die Frau aus Kreuzberg, die am Viktoriapark drei Wohnungen vermietet. Diese Frau, nennen wir sie Frau Meier, hat auch eine eigene Internetseite, auf der sie ihre Wohnungen für 60 Euro in der Nacht anbietet. Dieselbe Wohnung findet sich auch bei Airbnb, da kostet sie 62 Euro, weil Frau Meier die Provision an ihre Gäste weitergibt. Insgesamt, sagt Frau Meier, inseriere sie auf sechs verschiedenen Portalen.

Aber Frau Meier irrt sich. Es sind mindestens sieben Portale, denn bei Levan Khutchua ist sie auch mit dabei. Hier kostet ihre Wohnung 70 Euro, Khutchua will schließlich auch etwas verdienen. Wie ihre Wohnungen auf Khutchuas Seite gelandet sind, weiß Frau Meier nicht. Sie kenne ihn gar nicht, sagt sie, was er wiederum bestreitet. Seltsame Dinge scheinen zu geschehen auf dem Berliner Ferienwohnungsmarkt: Die Immobilien machen mobil, sie wandern von Portal zu Portal.

Frau Meier ist damit aber grundsätzlich einverstanden. Wenn Khutchua ihr Mieter zuschanzt, zu Preisen, bei denen er selber eine Provision verdient, dann gebe es doch eigentlich keinen Verlierer, sagt sie. Bis auf die Touristen vielleicht, die mehr bezahlen müssen als eigentlich notwendig, aber was sagt das schon aus? Geht hier ja nicht um Notwendigkeit, sondern um die Frage, was einem Touristen die Nacht wert ist. Wer von denen interessiert sich schon für versteckte Kosten?

Den Touristen ist wichtiger, dass alles reibungslos funktioniert. Und genau da gibt es mitunter Probleme: Mehrfachbuchungen, Schwierigkeiten bei der Abstimmung. Dann beschweren sich Levan Khutchuas Gäste auf der Airbnb-Seite darüber, dass ein Baugerüst vor dem Haus steht. Dass da ein Handwerker einen Schlüssel für die Wohnung hat, überraschend hereinkommt und im Badezimmer arbeiten will. Dass da einfach ein paar Möbel in die Wohnungen geschmissen werden, damit auch während der Renovierungszeit noch Geld mit dem Haus verdient werden kann. So geschehen in der Brückenstraße 1A: sechs Wohnungen, fünf davon im Angebot von Berlinlux.

Wenn die Touristen dann meckern über die schlechten Zustände bei Gastgeber “Levan” in der Brückenstraße, dann sitzt rund 3000 Kilometer östlich von Berlin sein Bruder Irakli in Tiflis und antwortet. Bei Berlinlux herrscht Arbeitsteilung. Levan in Berlin verwaltet die Hausschlüssel, sein Bruder in Georgien macht die Kundenbetreuung. Es tue ihm leid, schreibt er dann gelegentlich, und dass man den Service verbessern wolle. Manchmal antwortet er allerdings auch, es tue ihm leid, wenn der Gast einen schlechten Tag oder private Probleme habe, aber seine Kritik sei Unsinn.

So geht es dann hin und her, der Ton wird immer schriller, und die schöne Geschichte vom Wohnen bei Freunden entpuppt sich irgendwann als Geschichte von Gästen, die auf einer Baustelle in der Nähe der Jannowitzbrücke übernachten und darüber mäßig begeistert sind. Und während sie auf der Airbnb-Seite Teilhabe simulieren und sich gegenseitig schlechte Bewertungen geben, sitzt der Eigentümer des Hauses in Zehlendorf und hält die Füße still: Seit drei Jahren gehört das Haus in der Brückenstraße 1A der G+B Fundus Vermögensverwaltungs GmbH. Und die will nichts sagen.

Was bleibt, ist das Geschäft mit der Authentizität, mit der Echtheit. So echt wie die Brocken der Berliner Mauer in diesen Plastikschneekugeln, die immer die Frage aufwerfen, wie lang diese Mauer eigentlich gewesen sein muss, dass immer noch genug von ihr übrig zu sein scheint, um als Souvenir bröckchen verkauft zu werden.

Und wo man schon bei Echtheit ist: Wo steckt eigentlich Claire?

 

Hallo, ich bin Claire

Sie öffnet die Tür. Eines Tages im Frühling steht sie da tatsächlich im Eingang einer Moabiter Altbauwohnung. “Claire, nice to meet you”, keine Fotos, bitte. Die Claire mit den vielen Wohnungen. Claire, die so häufig vermisst wird von ihren Gästen. Gästen, die dachten, dass sie bei ihr wohnen, und dann ist es einfach irgendeine Wohnung, mal besser, mal schlechter möbliert, aber nie die wirkliche Wohnung von Claire. Wo Claire wirklich wohnt, ganz woanders, da lebt sie gemeinsam mit ihrem Freund Julien Lu. Dem JPG-Chef. Ohne Touristen.

Auch Lu ist jetzt da, in dieser Hinterhauswohnung in Moabit, wo ein italienischer Name an der Klingel steht und sich alles so seltsam vertraut anfühlt: der hellgraue Flickenteppich im Wohnzimmer, die Bilder mit den bunten Fröschen an der Wand. Irgendwann fällt einem auf, woran das liegt: Man kennt den Teppich und die Frösche, hat sie schon oft im Internet gesehen. Auf den Airbnb-Anzeigen von anderen JPG-Wohnungen.

Aber was heißt das schon: JPG-Wohnungen? Natürlich, sagt die heute 29-jährige Kanadierin Claire, hätten sie damals überlegt, ob sie gegenüber Airbnb-Kunden offenlegen sollen, dass sie ein Unternehmen sind. Aber die Kunden bevorzugen nun einmal Einzelpersonen, sagt Claire. Also bekommen sie eine Einzelperson: Claire in der Profilaufnahme, daneben der Satz “Hallo, ich bin Claire”, weiter unten dann “Claire und ihr Team”. Das sei keine Illusion oder Irreführung, sagt sie, denn schließlich sei sie tatsächlich die Ansprechpartnerin, beantworte Mails und treffe den einen oder anderen Gast auch zur Schlüsselübergabe.

Ein junges Pärchen mit einem Immobilienunternehmen also. Sind sie die Bösen? Weil sie Wohnungen kaufen, um sie weiterzuverkaufen und in vielen Fällen anschließend für die Eigentümer die Vermietung als Ferienwohnungen übernehmen? Was eben auch bedeutet, dass die Stadt für ihre Bewohner immer teurer wird. Und außerdem bedeutet, dass sie Touristen die Illusion verkaufen, sie nähmen am echten Leben der Stadtbewohner teil. Andererseits: Wer hat was gegen Illusionen?

Und wer hat damit angefangen, Investoren in die Stadt zu locken? Bei Julien Lu ist der Fall klar: städtische Wohnungsbauunternehmen. Konnte er selber ja gar nicht glauben, sagt er, als er im Jahr 2008 diese lächerlichen Preise auf dem Berliner Immobilienmarkt sah: 700 Euro der Quadratmeter Altbau am Neuköllner Richardplatz, 800 Euro der Quadratmeter am Charlottenburger Lietzensee. Preise, die etwa fünfmal niedriger sind als das, was man in London oder Paris hätte zahlen müssen. Schnäppchen, richtige Schnäppchen. Verkauft durch die städtische Degewo und die städtische “Stadt und Land”.

Wenn jetzt darüber diskutiert wird, dass die städtischen Wohnungsbauunternehmen wieder mehr zur Wohnraumbildung beitragen sollen, dann wundern sich Menschen wie Julien Lu ein klein wenig darüber. Denn schließlich sind die Städtischen es doch selber gewesen, die ihre eigenen Bestände noch vor ein paar Jahren zu Billigpreisen verkauft haben. Da musste er doch zuschlagen, denn so funktioniert Immobilienhandel: Man investiert, um Gewinne zu erzielen. Das ist die Geschäftsgrundlage, so geht Marktwirtschaft.

Natürlich geht’s auch mal abwärts. Wie vor ein paar Jahren in London, als die Bankenkrise Lus Firma Imoinvest UK Limited mit ihren 60 Angestellten von einem Tag auf den anderen zerbröselte und niemand mehr in Ferienwohnungen im Süden Frankreichs investieren wollte. Was ein Glück für Lu, dass er mit JPG Invest zu dem Zeitpunkt längst über ein neues Standbein in Berlin verfügte.

Nun also Berlin, trotz seiner Eigenarten wie Milieuschutz und Zweckentfremdungsverbot. Ein Problem für Claire und Julien Lu? Von wegen, sagt Lu, dann vermieten sie die Wohnungen halt für einen längeren Zeitraum, bringt immer noch genug Mieteinnahmen, um die laufenden Kosten zu decken. Streng genommen hält er Milieuschutz für eine ziemlich gute Idee. Er kennt das ja aus Paris: Die armen Schlucker sind nicht weg, wenn man sie aus der Innenstadt vertrieben hat. Dann sitzen sie am Stadtrand in ihren Wohnschachteln, Ghettos entstehen, und wenn’s da knallt, ist das auch nicht gut. Dann sinken die Einnahmen. Dann wird es schwieriger, als Vermieter am Stadtrand noch Geld zu verdienen, sagt Lu.

Also besser für ihn, wenn die Sache austariert wird.

Und erst recht besser für ein Unternehmen wie JPG, das mit seinen Inseraten bei Airbnb davon lebt, ein Living-like-locals-Gefühl verkaufen zu können. Ohne locals klappt das nicht.

Aber natürlich ist JPG mit seinen vielen Wohnungen breiter aufgestellt, die Angebote finden sich auch bei Internetportalen, die eigentlich für Hotels gedacht sind. Da passiert es manchmal, dass jemand, der eigentlich auf der Suche nach einem Hotel war, auf eine von Claires Wohnungen stößt. In denen manchmal der Duschvorhang schimmelt, die Matratze schlecht und die Kita im Innenhof zu laut ist. In denen es keinen Fahrstuhl gibt, dafür aber laute Nachbarn. Dann werden Claires Besucher wütend und schreiben ungehaltene Kommentare auf den Hotelportalen im Internet. Dass sie nach Berlin gekommen sind in der Erwartung auf eine schöne und komfortable Unterkunft.

Stattdessen mussten sie dann so leben, wie es sonst nur Berliner tun. Und dafür hätten sie nun wirklich nicht herkommen müssen.



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