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Die tibetische Kultur wird im Ausland am Leben erhalten, eine Reportage aus dem GO-Magazin. Foto: Jana Euteneier  — Link
Die Generation nach Christiane F.

von Barbara Opitz

20. Juli 2012  —  taz




„Heute seh ick’ kacke aus, hab die Haare nich jewaschen, ohne Käppi geht gar nüscht.“ Jack hält seine Kappe in der Hand und versucht einen neongelben Smily-Anstecker an der Seite zu befestigen, den seine Freundin Laura ihm mitgebracht hat. „Ick zitter, kannste ma?“, murmelt Jack genervt und hält Laura Käppi und Anstecker hin. Der Smily ist ein Geburtstagsgeschenk – Jack ist gestern 41 Jahre alt geworden. Seine Freunde sind alle tot.

„Und, wie seh ick aus?“ Ohne eine Antwort abzuwarten versteckt er die Haare wieder unter der Kappe, auf der Seite prangt das gelbe Lachgesicht. Laura setzt sich neben ihn auf die Treppenstufe. „Det is ne Jute“, sagt Jack und nickt in Lauras Richtung. „Hat morgen Prüfung. Touristik. Aus der wird ma was.“ Lauras Pupillen fixieren einen Punkt irgendwo auf der anderen Seite des Kottbusser Tors; sie scheint das Lob von Jack nicht mitbekommen zu haben. Laura ist neu in der Szene, die meisten von Jacks Kumpels treffen sich jeden Tag vor dem Kaiser’s am „Kotti“, geschundene Körper mit kalten Augen – oder Schlitzen, wie die einer Katze, wenn sie Angst hat.

„Sieh zu dat de los kommst und bleib nich wieder hängen“, fordert Jack seine Freundin auf zu gehen. Er gibt ihr einen Schubser. Laura steht auf, wankt, fängt sich wieder. „Bis morgen“, sagt sie heiser und steigt die Treppen zum U-Bahn-Schacht hinab.

Jack nimmt einen großen Schluck von seiner Bierflasche und schmust mit Hündin, Jassi, die bis jetzt noch kein Lebenszeichen von sich gegeben hat. „Bist ne feine, Jassi“, sagt er und tätschelt ihr den Bauch. In seiner Kaputzenjacke und den Sommersprossen sieht Jack aus wie ein alt gewordener Junge, weniger wie ein Mann von 41 Jahren. Sein Gesicht ist gerötet, die Finger verraten mehr. Rau, verdreckt, mit einigen Schürfwunden. Er mustert zurück. Dann sagt er: „Ick bin schon seit 18 Jahren drauf. N’Fixer, wie alle hier.“ Umständlich zerrt er an Jassis Leine. „Harte Drogen, det is nich nur Heroin und Koka, der Alkohol ist es, der fertig macht. Morgen geh ick auf Entzug.“

Sein Termin im Krankenhaus ist um 9.30 Uhr. Jacks Alkohol-Entgiftung dort dauert sechs Tage. Es wird unangenehm werden, sagt Jack. Aber es müsse sein. „Wenn det nicht klappt, dann komm ick och nich von den Drogen weg.“ Nach der Entgiftung will er auf zwei Milliliter Methadon am Tag kommen, gerade braucht er noch zwölf. Dann steigt er auf Subutex um, ein Opiat in Tablettenform. „Mit Sububtex is det leichter den Enzug auszuschleichen.“ Das ist sein Plan. Sechs Monate dauere es, um auf „zero“ zu kommen, das sei realistisch.

„Ick war schon ma wech von dem Scheiß“, sagt Jack nach einer langen Pause, in der er sich mit Jassis Barthaaren beschäftigt. Der Hund hält still, er scheint es zu mögen. „Hab ne Maßnahme gehabt, als Koch gearbeitet.“ Sieben Monate hatte es damals gedauert, bis Jack den Therapieplatz durchbekommen hat. Ein halbes Jahr musste er in der Klinik ausharren. Ein halbes Jahr Schmerzen. Ein weiteres ohne Schlaf. Zwei Jahre hat es gehalten. Vor einem Jahr dann nahm er den Cocktail. Kokain und Heroin zusammengerührt – das gibt den „Mega-Orgasmus-Kick“, wie Jack ihn nennt. Seitdem versucht Jack sich nicht wieder jeden Tag Heroin zu spritzen. „Beikonsum nennt man det“. Seine tägliche Ration Methadon holt er sich morgens beim Arzt ab.

Ein großer hagerer Mann humpelt heran. „Hey – Jassi – alte Zecke“, begrüßt er den Terrier. Jassi hüpft verzückt an ihm hoch und gibt erst Ruhe, als der Mann sich herunter beugt und ihren Kopf krault. „Haste ne Kippe Jack?“, fragt er. Jack verneint. Er hat Tabak, aber das sagt er nicht. Eine Notlüge, am Kotti ist sich nun mal jeder selbst der Nächste. Als es zu tröpfeln beginnt, zieht der Mann weiter. Auch Jack wird es zu nass. „Ich geh runter“, in die U-Bahn-Station Kottbusser Tor. Dorthin, wo die Dealer ihre Geschäfte machen, sich die Süchtigen in den dunklen Nischen das Gift in die Venen jagen.

Es ist stickig. Gerüche von Urin und Erbrochenen steigen in die Nase. Der Mann, der Jack nach einer Zigarette fragte, steht an der Wand gelehnt und unterhält sich mit einem Bekannten. Einige, die oben herum standen, finden sich hier wieder zusammen. Ein junger Mann, etwa 18 Jahre alt, zischt im Vorbeigehen „Koka?“. Ein paar Meter weiter wechselt ein Tütchen, den Besitzer. Nah stehen sie, unsichtbar für diejenigen, die in Richtung Linie U-8 hetzen. Um die Ecke, auf Höhe des Kiosks, befiehlt ein dunkler Lockenkopf, den Jack zu kennen scheint, leise zu sein. Ein Trupp von Polizisten mit Hunden blockieren den Raum. „„Schschschhhht, wir werden durchsucht“, flüstert der Junge. „Besser ist es, abzuhauen“, sagt Jack.

Es regnet immer noch. Jack willigt ein, in einem der Cafés in der Nähe des Kottbusser Tors etwas trinken zu gehen. Er war seit 18 Jahren nicht mehr in einem Café. „Det jibt et bei uns nich.“ Mißtrauisch begutachtet er die Bestuhlung des „Caribes“ und setzt sich schließlich an einen der runden Plastiktische unter die rote Markise, mit Jassi darf er nicht hinein. „Die Polizei ist überall, besonders abends“, stellt Jack fest. „Wenn du heute in der Nacht nen Affen kriegst, musste bis zum Morgen durchhalten.“ Auch die Dealer am Kotti, meist „Arabs“, seien das Letzte: Vier Prozent Heroin, der Rest mit Aspirin, Koffein und manchmal Rattengift gestreckt. Besseres Zeug kriege man nur über „Privat“. „Anrufen – Treffpunkt ausmachen. So ist det.“ Ein Gramm Heroin kostet etwa 40 Euro. Das Kokain ist teurer. „Je nachdem wie gut det Zeug ist. Da geht’s knallhart ums Geschäft. Wenn de nen Euro zu wenig hast, gibt’s nix“, versucht Jack seine Welt zu erklären.

Sein Tag beginnt mit leichten Entzugserscheinungen, „Turkey“, wie Jack sie nennt. Er ist aggressiv, unruhig, hat Gliederschmerzen. Entzugserscheinungen können unerträglich werden. „Als ob tausend Ameisen durch deine Muskelstränge krabbeln. Du schwitzt, hast Krämpfe, der Kopf is leer. Du könntest Beine und Arme gegen die Wand schmeißen.“ Deshalb steht Jack auf und geht Geld beschaffen. Kleinere Strafdelikte, sagt er. Klauen und dann wieder verkaufen, Schnaps, Kaffee, „allet mögliche“. Jack vermittelt auch für Dealer und bekommt so direkt seine Drogen-Ration. „Für uns gibt et nur die Zeit von einem Schuss zum nächsten.“ Manchmal hatte Jack keine Bleibe. „Ick war dreckig, stinkig, hab mich nich jewaschen.“ Fünf bis sechs Schuss am Tag waren sein normales Pensum. Durch das Methadon wird es leichter. „Und trotzdem werde ich davon nicht satt.“ Vor drei Monaten wäre er beinahe krepiert – Überdosis. „Hab grad nochmal Schwein gehabt“, sagt er und bestellt noch ein Bier.

Als Jack 18 wurde, fing alles an. Innerhalb eines Jahres war er von Haschisch bei Heroin angelangt. Ein Fixer-Lebenslauf, wie ihn sich jeder vorstellt und doch nicht vorstellen kann. Gropiusstadt. Eine Zwillingsschwester, ein jüngerer Bruder, drei Stiefgeschwister. Die Mutter Hausfrau, der Stiefvater hat sich später umgebracht. „Wir mussten immer auf dem Zimmer abhängen.“ Freunde hatte er dadurch keine, die Eltern hatten den Kontakt zu anderen Kindern verboten, „weil wa sonst kriminell werden könnten.“ Mit 18 dann war Jack frei. „Du wirst nix, bist nix und wirst nie was sein“, hatte sein Stiefvater ihm noch auf den Weg mitgegeben. Geglaubt hat er ihm eigentlich nicht. Und dann hat Jack doch Freunde gefunden. Direkt vor der Haustüre der Eltern, in Gropiusstadt. „Det waren die, die mich abhängig jemacht haben.“ Von ihnen lebt heute keiner mehr.

Natürlich habe er es gelesen, das Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. In der Schule. Schlimm hat er es gefunden. Aber auch faszinierend. „Christiane F., so will se nich genannt werden.“ Jack winkt ab. Sie sei manchmal am Kotti, Leute besuchen. „Die is ganz schön arrogant.“ Vor ein paar Jahren hat Jack Christiane in einer Talkshow gesehen. „Da war se auf irgendwas drauf - sowat seh ick sofort.“ Was sie nimmt, das weiß Jack nicht. „Interessiert mich ooch nich.“ In Gropiusstadt jedenfalls, habe er sie nicht kennengelernt. „Is ne andere Generation.“

Jack bestellt noch ein Bier. „Heute geb ick mir noch ma richtig die Kante“, sagt er feierlich. Zum letzten Mal. Wenn er von den Drogen runter ist, dann muss er denKotti meiden. Jack würde versuchen sich wieder einen Schuss zu setzen. „Weil de det Schlechte vergisst un det Schöne bleibt.“ Sein halbes Leben lang hat er dem Schönen versucht hinterher zu jagen. Das Schöne - ein Gefühl, „geiler als tausend Orgasmen mit ner Frau, so voller Glückseeligkeit“, beschreibt es Jack. Er kann alles, was er zuvor erlebt hat, vergessen. Und auch was noch kommen wird.

„Ick hab HIV“, sagt er, als er von der Toilette wieder kommt. Jack hat Durchfall, Nebenwirkungen des Mathadons. Seit neun Jahren weiß er von seiner Krankheit. „Jack – ich liebe dich, aber das is mir zu heavy“, hat seine große Liebe zu ihm gesagt. Vor lauter Frust hat Jack sich einen Schuss gesetzt. Wenn es ihm sehr schlecht geht, dann schneidet er sich in die Arme. „Du willst dir weh tun, damit der Schmerz in der Seele aufhört“, sagt er. Normalerweise macht man das mit einer Rasierklinge. Er aber nimmt ein großes Fleischermesser. „Wenn det Blut runter läuft, det tut jut, is wie Tränen aus den Augen.“ Sein Sternzeichen ist Krebs. „Da biste‘n bisschen anfälliger für sowat, Krebse sind sentimental.“

Wenn Jack wieder von den Drogen runter ist, will er ein neues Leben anfangen. Eine eigene Wohnung, eineinhalb Zimmer, Badewanne. „Allet muss dabei sein.“ Er will arbeiten und neue Freunde finden. „Jibbt ja auch unter den Normalos ein paar Verrückte.“ Er lacht. Es beginnt zu dämmern. Immer noch stehen einige Bekannte von Jack am Kaiser’s herum. Jack schaut hinüber.„Ick mach och nicht mehr lang“, verspricht er, „hab nen wichtigen Termin morgen – halb zehn im Krankenhaus“.




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