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Der verhakt sich im Hirn

von Steffi Unsleber

29. August 2012  —  taz

Tedros Teclebrhan hat auf YouTube Millionen zum Lachen gebracht. Seit einigen Monaten albert er lässig-leicht auf ZDFneo und tourt jetzt durch Baden-Württemberg. Zeit für ein Portrait


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Es gibt Geschichten, die sind wie für Journalisten geschrieben: Ein Junge flüchtet vor dem Bürgerkrieg in Eritrea, landet mit seiner Mutter in einem Asylbewerberheim und schließlich in Mössingen, einer schwäbischen Kleinstadt. Ein schwarzer Junge, der Ärger macht auf der Hauptschule, für ein Jahr ins Heim geht und irgendwann mit abgebrochener Ausbildung dasteht. „Ich habe viel Quatsch gemacht“, sagt Tedros Teclebrhan. Mehr will er dazu lieber nicht sagen. Er besucht seine Tante in Kanada, ein Moment der Erleuchtung, „es macht Klick“, als sie ihm vom Bürgerkrieg erzählt: Wie seine Mutter gekämpft hat, um ihn nach Deutschland zu bringen. Der Junge besinnt sich. Will klarkommen im Leben. Zurück in Deutschland lässt er sich „Tesfa“ auf den Arm tätowieren, das heißt Hoffnung auf Tigrinya.

Ein Jahrzehnt später hat er seine eigene Show auf ZDFneo, „Teddy's Show“, die Menschen erkennen ihn auf der Straße, Jugendliche wiederholen seine Sätze ehrfürchtig wie Gebete: „Was laberscht du?“Die „Umfrage zum Integrationstest“ hat Teddy Teclebrhan vor einem Jahr berühmt gemacht. Innerhalb von fünf Tagen hatte das YouTube-Video eine Million Klicks. Heute sind es fast 17 Millionen. Wer schafft das schon?Das Video erschien in einer Zeit, als alle über Migranten sprachen, Sarrazins „Thesen“ waren erst vor ein paar Monaten erschienen. Teddy alias Antoine Burtz tauchte im Internet auf wie der Albtraum eines Integrationsbeauftragten: Breitbeinig, blondierter Schnurrbart, weißes Feinripp-Shirt. Was er dafür tut, um sich zu integrieren? „Boah, ich hab viel gemacht, ey. Bei uns is normal, isch schlag mei Frau. Ich hab die nicht mehr jetzt geschlagen … seit zwei Monate!“

Ist das echt, fragen die User. Oder Quatsch?Die Frage, wann denn die Mauer gefallen ist, reizt Antoine zum Lachen. „Was fürn Fall, Alter? Was laberscht du?“„Das reicht jetzt“, sagt Tedros Teclebrhan. „Ich hab keinen Bock mehr, darüber zu reden.

“Belgisches Viertel, Köln. Tedros Teclebrhan sitzt im „Salon Schmitz“, lässig, wie üblich; grauer Hut, weißes T-Shirt. Er strahlt vor Energie und Selbstvertrauen. Das Leben meint es gerade ausgesprochen gut mit ihm.Tedros Teclebrhan musste dieses Video oft erklären. Vor kurzem erst in einer Talkrunde mit Giovanni di Lorenzo, als die Schauspielerin Barbara Rütting, die lange bei den Grünen war, mit ernstem Gesicht erklärte, dass man so etwas mit Humor nehmen muss, auch wenn es bedrückend ist. Und Tedros Teclebrhan sitzt inmitten des Bildungsbürgertums, das ihn verblüfft begutachtet, als er erklärt, dass er als Jugendlicher nie im Theater war und trotzdem Schauspieler werden wollte, und sagt geduldig, dass es ihm gar nicht um politische Satire ging. „Ich finde nur die Situation lustig, wenn jemand etwas falsch beantwortet und sich dann irgendwie retten will.“

Tedros Teclebrhan, in Köln, spricht wieder über Humor. „Ich finde Antoine so geil, weil er zu sich steht“, sagt Teclebrhan. „Er macht alles falsch, ist aber irgendwie sympathisch. Was ist denn so schlimm, wenn jemand was Falsches sagt? Natürlich darf man Fehler machen.“Was ist mit den anderen Figuren? Der Schwabe Ernst Riedler, der Tag für Tag in der Weinstube sitzt und über Ausländer lästert? Was ist das für ein Typ? „Ernschtrhittler“, sagt Teclebrhan.

Soll das klingen wie Hitler?„Nein.“ Teclebrhan verzieht keine Miene. „Es gibt ja auch die Stadt Riedlingen.“

Ernst Riedler ist keine Rache an den Schwaben, sagt Teclebrhan. Er ahmt einfach gerne Menschen nach. „Ich gehe nicht mit Zeigefinger an Figuren, überhaupt nicht“, sagt er. „Ich erzähle nur das, was mir widerfährt, was ich mag, und was ich nicht mag.“

Es ist möglich, dass er dadurch gerade die deutsche Comedy neu erfindet. Auf ZDFneo führt er so entspannt durch seine Show, als käme er gerade aus der Sauna. Seine Videoclips, die er zwischendurch einspielt, mit Antoine, Ernst Riedler, und den anderen, sie wirken, als hätte er an einem langweiligen Nachmittag mit einem Kumpel und einer Kamera herumgealbert. Eigentlich sind die Clips nicht besonders lustig.

„Was denn lustig?“ Kalauer? Witze, die knallen? „Flanke und Tor?“ Tedros Teclebrhan sieht zum ersten Mal aus, als sei es ihm wirklich ernst. „Nein.“

„Es gibt so viele lustige Momente im Leben. Blicke von Menschen, die dich umhauen. Es muss nicht immer nur Sprache sein.“

Wenn Tedros Teclebrhan einen Clip einspielt, dann bleibt es ein Rätsel, worüber man da eigentlich lacht. Manche Videos dauern 17 Minuten, „Antoine's Traum“ zum Beispiel, und bekommen trotz unglaublicher Längen drei Millionen Klicks auf YouTube. Antoine zeigt dem Zuschauer sein Kücheneck, die Kaffeemaschine („Hier kommt Wasser rein, weischt, hier Bohnen, glaub ich“). Vielleicht entsteht die Fallhöhe dadurch, dass sich Antoine, mit Pelz und blondiertem Schnurrbart, mit der Kücheneinrichtung beschäftigt. Oder dass er den Kameramann ermahnt: „Bissle Kopf anmachen, weischt?“, wenn er selbst nicht gerade der Hellste ist. Oder einfach durch dieses unerschütterliche Selbstbewusstsein. Das erste Mal denkt man sich: Was für ein Quatsch. Beim zweiten Mal wird es schon lustiger, irgendwie hat sich dieser absurde Humor im Gehirn verhakt. Und beim dritten Mal, wenn man diese 17 Minuten gesehen hat, beim dritten Mal heult man vor Lachen.

„Ich setz mich nicht unter Druck“, sagt Teddy. „Ich spiele nur. Es geht nicht um Pointen, nicht um Knaller, ich spiel einfach nur.“

Und das macht er gut. Teclebrhan hat sein Handwerk gelernt. Er war auf der Schauspielschule „CreArte“ in Stuttgart. Die Gebühr musste er von der Miete abzweigen. Seine Mutter, mit der er damals zusammenlebte, blieb gelassen, als die Stadtwerke den Strom abstellten. Dann kam ein Stipendium und es ging nur noch aufwärts. Teclebrhan spielte für die SWR-Serie „Laible und Frisch“ Peter Gesesse, einen schwarzen, schwäbelnden Tankstellenwart.

Die perfekte Rolle für Tedros Teclebrhan.

Die blonde, zickige Bäckerstochter Lena Frisch fährt bei ihm vor. „Volltanken!“ Er guckt blöde. Sie, überdeutlich: „Sprechen Sie kein Deutsch?“ Als sie schließlich eigenhändig getankt hat, sagt er lässig: „Wenn Se mit Karte zahle wellet, müsset Se neigange.“ Sie, außer sich: „Ich dachte, Sie sprechen kein Deutsch?“ „Tu ich aunedd. I schwätz Schwäbisch!“

Tedros Teclebrhan ist mit Rollen berühmt geworden, in denen er etwas bildungsferne Migranten mimt. Antoine, der Held des Integrationstests, der mit Pelzmantel in seiner Wohnung posiert. Percy, der das „S“ nicht aussprechen kann und mit Zabrina und Zamanta gleichzeitig zusammen ist. Und selbst Ernst Riedler hält man erst einmal für einen gealterten Gastarbeiter, der die rassistische Attitüde der Schwaben übernommen hat. „Du siehst nur die Hautfarbe“, sagt Tedros Teclebrhan, leicht vorwurfsvoll. Ernst Riedler ist nämlich gar kein Gastarbeiter.

Man tut Tedros Teclebrhan Unrecht, wenn man in ihm nur den Migranten sieht, der sich über Rassismus in Deutschland lustig macht. Und man tut ihm Unrecht, wenn man ihn auf den Integrationstest reduziert. Tedros Teclebrhan passt in diese Rolle, aber in ihm steckt viel mehr. Er spielt unaufdringlich und pointiert, er kann singen, tanzen, er ist Profi. Er war ein Jahr lang beim Musical „Hairspray“ und stand jede Woche acht Mal auf der Bühne. Seitdem, sagt Tedros Teclebrhan, kann er Müdigkeit und schlechte Laune ignorieren.Die erste Staffel bei ZDFneo ist inzwischen zu Ende. Zur Zeit tourt Teclebrhan durch Deutschland. Und Lohan Cohan, der amerikanische Superstar mit dem affektierten Lachen, ein weiterer Charakter aus „Teddys's Show“, bringt gerade seine neue Single heraus: „Who Wants to Borrow my Dicktionary?“

„Ein großartiger Song“, sagt Teddy.Neben Teddys gut gelaunter Selbstironie wirkt selbst Stefan Raab steif, als Tedros Teclebrhan im Juni in seiner Show sitzt. Welche Perspektive es denn für ihn beim ZDF gibt, fragt er mit diesem Hauch von Herablassung. „Ich krieg erstmal ne Aufenthaltsgenehmigung“, sagt Teclebrhan, lässig zurückgelehnt.

Wie bleibt man so lässig?

„Es ist wichtig, sich selbst nicht ernst zu nehmen. Dein Gegenüber kocht auch nur mit Wasser.“

Kurze Pause.

„Und natürlich viel Marihuana.“




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