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Der traurige Kleine

von Tiemo Rink

15. Mai 2014  —  Der Tagesspiegel

Die BVG hat einen neuen Bus: Er ist leichter, sparsamer, umweltschonender – und hat ein Dach wie ein Kondom. Doch der Neue kommt nicht bei allen Fans der Verkehrsbetriebe gut an. Ein Ortstermin.


Erstmal die Proberunde, auch Busse sind Autos, da will man doch wissen, wie sie sich so fahren. Also alle rein in den neuen Bus und einmal über das Werksgelände. Ein Mittwoch in Wedding, die BVG hat einen neuen „Kleinen“, wie die Pressestelle mitteilt. Zwölf Meter lang ist der Bus und leichter als die vorherigen. Rund neun Tonnen – das sind fast drei Tonnen weniger als vergleichbare Modelle. Normalerweise nehme man die Dinge ja nicht so leicht bei der BVG, läuft der Unternehmenssprecher schon früh im Humormodus, aber hier und heute schon. Nun ja.

Fachpresse ist auch da, dazu diverse Experten und Nahverkehrs-Liebhaber: ältere Herren mit unerbittlichem Urteilsvermögen.

„Der Fahrgastwechsel dauert zu lang, die Vordertür ist viel zu klein“, nölt jetzt einer beim Einsteigen. Zwei Jahre habe man den Prototyp erprobt, sagt da ein BVGler, „und Sie sind der erste, der sich beschwert“. Hinten auf der Rüpelbank hat jemand ein paar Buchstaben in die Verkleidung gekratzt, einen Sitz weiter vorne: Brandspuren auf dem Polster. Mit anderen Worten: Ein echter, guter BVG-Bus. Von denen fast 240 bis zum Jahr 2019 geliefert werden sollen, die ersten 40 schon in diesem Jahr. Gesamtkosten: gut 60 Millionen.

Nun ist ein Auto mehr als eine Kiste mit vier Rädern – und ein Bus erst recht. Also Auftritt der Fachsprache: „Schlupf auf der Hinterachse“, die „Niederflurigkeit ist gegeben“, außerdem sei die „Kneeling-Funktion“ stark verbessert. Anders gesagt: Kaum noch Stufen als Stolperfallen. Und wo der Bus früher an der Haltestelle seitlich absackte, senkt sich jetzt das ganze Fahrzeug.

Aus Düsseldorf , wo der Bus schon im Einsatz ist, habe er eine Mail von den Kollegen bekommen, sagt der BVG-Sprecher, Inhalt: Alle begeistert. Weniger Spritverbrauch, dadurch weniger CO2-Ausstoß, weniger Reifenabrieb, dadurch Kostenersparnis in allen Bereichen. „Stehender Applaus aus den Werkstätten“ sei in Düsseldorf zu erleben gewesen, zitiert der BVG-Pressesprecher aus der Nachricht des Düsseldorfer Kollegen.

Also alles prima bei der BVG, auch wenn die älteren Herren nicht aufhören zu piesaken. „Falsche Zielanzeige“ kichert einer von ihnen bei der anschließenden Pressekonferenz. Die Linie 100 mit Endhaltestelle Alexanderplatz? Wohl kaum! Auch die Farbe stößt auf Missfallen, tatsächlich werde der Bus bis an die Dachkante gelb lackiert sein. Hier jedoch: eine weiße Dachkante. Ob man denn noch Klappfenster einbaue und ob die Klimaanlage bei diesem Modell nicht gleich versage? Zweimal ja ist die Antwort. Womöglich wäre ein Witz jetzt ganz gut, die Stimmung etwas lockern, vielleicht eine kleine Stichelei gegen die Flughafen-Planer, so von Verkehrsexperte zu Verkehrsexperte? Nö.

Das Busdach sei aus Polyurethan, erklärt stattdessen der zuständige Abteilungsleiter, „einen Gag am Rande“ und Polyurethan komme auch in latexfreien Kondomen zum Einsatz, da könne man sich ja Gedanken um eine Wiederverwendung machen. Ein tiptop Herrenwitz, irgendwo lacht jemand ein versiertes Raucherlachen, klingt wie eine Fehlzündung im 29-er kurz vor Halensee.

Dann ist Schluss, auf dem Parkplatz steht der neue Bus wie ein trauriges Fliwatüüt. Die Vordertür ist offen, beigefarben gekleidete Herren gesetzten Alters stehen herum. Einsteigen werden sie trotzdem, irgendwann.



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