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Der Pfadfinder

von Nancy Waldmann

1. Januar 2013  —  brand eins

Wer die Versorgung eines gebrechlichen Angehörigen regeln muss, braucht dringend Rat und Beistand. Wolfram Friedel hat im Internet lange vergeblich danach gesucht - und dann selbst für die Website Senporta.de gesorgt.


- 2009 war ein miserables Jahr für Wolfram Friedel. Zuerst verlor er seinen Arbeitsplatz, mit 59. Dann stürzte sein Vater schwer, musste ins Krankenhaus, und als er nach Hause entlassen wurde, war er auf Hilfe angewiesen, die die Mutter nicht leisten konnte. Die Eltern im thüringischen Eisenberg, der Sohn mit Familie in München: Wie sollte er über 400 Kilometer hinweg einen Pflegefall betreuen?

Friedel suchte im Internet, wie er seinen Eltern in dieser Lage helfen konnte. "Google ist ein Haufen", sagt er. "Man kann alles finden - wenn man genug Zeit hat." Weshalb der Sohn, akut unter Druck, selbst zu erkunden versuchte, wann Tagespflege sinnvoll, wann ein Pflegeheim unvermeidbar und was alles zu beachten ist, wenn man eine Pflegestufe beantragt.

So entwickelte sich langsam die Idee: eine Website für Laien mit verständlichen Vorschlägen und Schneisen durch den Info-Dschungel. "Google ist ein Haufen, wir filtern daraus die Essenz."

Knapp zwei Millionen Menschen über 65 sind in Deutschland pflegebedürftig, mehr als die Hälfte wird von Angehörigen versorgt. Wer im Netz zu Pflegebedarf recherchiert, findet Senioren-Shops mit Bildern rüstiger Rentner, die für Rollatoren, Hörgeräte und Hilfsmittel bei Inkontinenz werben. Man verliert sich zwischen Orientierungswerten zur Pflegezeitbemessung, Suchseiten für Pflegeeinrichtungen, wirren und veralteten Wikis. Erst in den vergangenen zwei Jahren hat das Familienministerium eigene Info-Portale zu Pflege und Demenz eingerichtet.

"Im Netz wird man erschlagen von der Fülle an Information", sagt auch Marion Seigel vom Verein Wir pflegen, der sich an begleitende Angehörige wendet. Viele Seiten böten vordergründig Orientierung, zielten aber vor allem darauf, Pflegeplätze zu vermitteln und daran zu verdienen.

Wolfram Friedel wollte ein Portal aus Sicht der Betroffenen aufbauen. Er nahm seine Abfindung, löste die Lebensversicherung auf und gründete mit seiner Frau, die als Pflegerin arbeitet, Senporta Internetdienstleistungen. Sie begannen, das Knäuel aus Fakten und Verführung im Netz zu entwirren. Im Bekanntenkreis fanden sie ehrenamtliche Helfer. Zu acht sind sie nun, vier in München, vier in Thüringen.

Im Münchner Wohnhaus der Friedels sind die Recherchen für die Website noch auf Papier und in Ordnern abgelegt. "Ich bin eigentlich zu alt für so was", sagt Wolfram Friedel. "Aber das Internet ist eben der erste Anlaufpunkt."

Senporta war zunächst als Informationsportal für Senioren angelegt. Seit dem Relaunch im Juli 2012 richtet es sich nur an die Gruppe der Angehörigen, weil sich offenbar immer noch nicht sehr viele Menschen vorstellen und darauf vorbereiten mögen, dass sie einmal pflegededürftig sein könnten. Wer füllt schon eine Patientenverfügung aus, solange er noch einen klaren Kopf hat? Deswegen bleiben die Probleme am Ende häufig an den Angehörigen hängen. "Genervte und überforderte Leute zwischen 45 und 65, meist noch berufstätig, die schnell Entscheidungen treffen müssen", sagt Friedel. "Denen geben wir eine Kurzanleitung."

Eine Seite, auf der man so gezielt werben kann, müsste doch attraktiv sein für Anbieter pflegerischer Dienstleistungen - dachten sie anfangs bei Senporta. Aber Werbekunden fragen nach Klickzahlen, und die sind einstweilen noch überschaubar: 5000 Besucher auf der Website am Tag waren einmal Spitze, 3000 im Monat sind es durchschnittlich. Doch das Echo klingt positiv. "Die Pflegestufe für meine Mutter wurde bewilligt. Ohne Senporta wäre das niemals möglich gewesen", lautet ein dankbarer Eintrag im Web-Gästebuch.

"Die Frage nach den Klickzahlen ist eigentlich konträr zu unserem Anliegen", sagt Anette Friedel. "Wenn die Leute einmal auf unserer Seite Hilfe gefunden haben, dann hat es funktioniert, und sie brauchen nicht wiederzukommen." Da Senporta unabhängig von Werbung gute Pflegedienstleister empfehlen möchte, sind viele Unternehmen ohnehin kostenlos aufgeführt. Für einen Link werden 60 Euro im Jahr berechnet, für eine Anzeige 800 Euro, für ein Pop-up 1200 Euro. Pflegeheime, Hospize und gemeinnützige Einrichtungen sind kostenlos verlinkt. Gerade einmal 5000 Euro kamen so bislang an Erlös herein. 15000 Euro im Monat sind angestrebt, um die laufenden Kosten zu decken und für eine Aufwandsentschädigung der Mitarbeiter.

250000 Euro hat Wolfram Friedel bereits investiert. "Die sind weg", sagt er. Er spricht von sozialer Verantwortung und Gemeinwohlökonomie: Es sei die Aufgabe seiner Generation, sich um die ganz Alten zu sorgen. "Wenn wir nicht Senporta machten, würden wir uns woanders engagieren."

Jetzt will er seine Website den Wohlfahrtsverbänden vorstellen. Die Malteser haben sich bereits gemeldet. Mehr Dynamik soll die Klickzahlen steigern. Es gibt Schlagzeilen mit Nachrichten zu Pflegethemen. Ein Blog für alte Menschen und ihre Angehörigen ist ebenso geplant wie der Auftritt in sozialen Netzwerken: Das Internet ist ein Knäuel, in dem man sich verknüpfen muss. -

www.brandeins.de



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