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11 Reporter reisen in ein unbekanntes Land: Siebenbürgen. Foto: Katrin Langhans  — Link
Bleierne Zukunft

von Katrin Langhans

20. Januar 2013  —  taz

 

In den neunziger Jahren trug Copşa Mică den Titel „schwarze Stadt“. Zwei Industrieanlagen verseuchten die Umwelt mit Ruß, Blei und Cadmium. Das ist Vergangenheit, aber die Menschen leiden an den Spätfolgen. Wie geht es weiter im verseuchtesten Ort Rumäniens?

Von Katrin Langhans und Stefanie Unsleber

 


 

Fabian Moldovan Costin hatte mal Arbeit und er hatte mal eine Wohnung. Jetzt, vier Jahre später, fehlt ihm beides und er lebt mit seiner Frau und seinen fünf Kindern in der Wohnung der Mutter, zu acht in einem Raum. Sein Blick fällt immer wieder auf den Boden, als er das erzählt, flüsternd, er sucht die Nähe zur rosa gestrichenen Wand und versteht nicht so recht, warum sich die ausländischen Journalisten für ihn interessieren. Er wollte an diesem Abend nur seinen Nachbarn besuchen, mit dem er in einem Wohnblock lebt, auf den Hügeln Copşa Micăs. Aber der präsentiert ihn jetzt wie einen Beweis, als Opfer einer der dreckigsten Industrieanlagen Osteuropas.

Dort hat Fabian Moldovan Costin gearbeitet, 15 Jahre lang, bis er 2008 arbeitslos wurde. Er war Gießer bei Sometra, einer Buntmetallhütte in der Mitte Rumäniens, wo Kupfer und Blei aus Erzen herausgeschmolzen wurden. Täglich hat er mit Blei hantiert, täglich die Dämpfe eingeatmet. Eine gefährliche Arbeit, aber dafür hat er 2000 Lei im Monat bekommen. 500 Euro. Eine Menge in Rumänien, vor allem für nur sechs Stunden Arbeit am Tag. Er würde es sofort wieder tun, sagt er. Sein größtes Problem ist nicht, dass die Arbeit ihn krank gemacht hat, sondern dass er jetzt arbeitslos ist.

 

Draußen läuft Manele, rumänischer Elektro-Pop. Die Männer trinken Schnaps vor dem Supermarkt, betteln Besucher um Zigaretten an, tasten sich in den grauen Wohnblöcken ohne Licht zu ihrer Wohnungstür. Die Menschen haben es sich so bequem wie möglich gemacht in ihrem giftigen Nest, viele von ihnen sind Roma, die Stadt schert sich nicht um sie. Die Wohnblöcke liegen auf einem Hügel, Schleichpfade führen über vermüllte Wiesen. Unten im Dorf leuchten die Lichter der Fabrik.

 

Montagmorgen, sieben Uhr, Nebel und Sonne. Die grauen Kühltürme wirken fast freundlich in der Sonne. Neben der schmucken Hauptstraße von Copşa Mică, an der sich Häuser in rosa und gelb abwechseln, erhebt sich eine bizarre Landschaft aus Schornsteinen und Häusergerippen – mit schwarzer Schlacke überzogen wie mit Schokoladenglasur. Rings herum die Hügel des Kokellandes, die grünen Felder Siebenbürgens. Die Menschen bummeln über die Straße. Wäre nicht die große Tafel in der Mitte des Dorfes, die die Luftverschmutzung misst, man könnte die Vergangenheit fast vergessen.

 

Wenn nur nicht der Friedhof wäre.

 

Butian Casian Teodor, geboren am 20. Dezember 2004, gestorben am 27. Dezember 2004. Dormi in Pace.

 

Daneben ein schmales Holzkreuz, mit Filzstift beschriftet, Moldovan Ana Sorina, geboren am 20. April 1998, gestorben am 22. Juli 1998.

 

Nebenan, ein Doppelgrab: Marco Jonela Maria, 25. November 2001 bis 12. März 2003, Voicu Flavius Andrei, 21. Oktober 2003 bis 11. Dezember 2003.

 

Viele sind gestorben in Copşa Mică. Nach Angaben der Organisation Blacksmith-Institute liegt die Lebenserwartung neun Jahre unter dem rumänischen Durchschnitt. Man darf in Copşa Mică zwanzig Jahre früher in Rente gehen als im Rest Rumäniens, mit 45 Jahren. Viele werden nicht viel älter.

 

Die Bevölkerung von Copşa Mică hat zwei Henker: Cabosin, eine Rußfabrik, und Sometra, eine Buntmetallhütte. Cabosin verschmutzte die Stadt und überzog Menschen, Tiere und Bäume mit einem schwarzen Rußfilm. Das Magazin National Geographic druckte 1991 eine Titelgeschichte über Copşa Mică und bezeichnete den Ort als dreckigste Stadt Europas. Jedes Jahr wurden die Häuser neu gestrichen, mit grellen, bunten Farben, damit der Ruß sie nicht so schnell verdeckt. Die Bäume waren nur noch düstere Gerippe, das Fell der Schafe schwarz, die Menschen keuchten und aus Kleinkopisch wurde „die schwarze Stadt“.

 

Sometra verschmutzte die Stadt nicht sichtbar, aber die Folgen waren gravierender: Blei, Cadmium, Schwefelsäure und Zink wurden aus dem Schornstein in die Luft geschleudert und reicherten sich im Boden an. Die Luftverschmutzung durch Schwermetalle lag 1993 600 Mal höher als der gesetzlich festgelegte Grenzwert. Pferde starben an der Cadmium-Vergiftung. Die Menschen hatten epileptische Anfälle.

 

Cabosin wurde 1993 auf Druck der UNIDO (UN Industrial Development Organisation) geschlossen, Sometra musste die Produktionsanlagen sanieren, dadurch sanken die giftigen Emissionen um 50 Prozent. Seit 2008 läuft die Buntmetallhütte nur noch auf 20 Prozent der Produktion, giftige Gase und Schwermetalle werden angeblich nicht mehr ausgestoßen.

 

Trotzdem bleibt der Boden verseucht. 2008 lag die Belastung durch Blei an manchen Stellen 14-mal höher als der zulässige Grenzwert. Das fanden Wissenschaftler der Universität Cluj (Rumänien) heraus, als sie Bodenproben nahmen. Und immer noch haben die Kinder zu viel Blei im Blut. Forscher der Yale-Universität aus den USA untersuchten 31 Kinder im Zeitraum von 2000 bis 2010, 91 Prozent davon überschritten den Grenzwert. Die Folgen sind Schäden im Gehirn, Nervenkrankheiten, Blutarmut, Niereninsuffizienz. Wissenschaftler schätzen, dass es noch mindestens sechzig Jahre dauern wird, bis die Schwermetalle aus den obersten Erdschichten ausgewaschen sind.

 

Fabian Moldovan Costin, der Bleigießer bei Sometra, litt an Gesichtslähmungen, halbseitig, erst rechts im Jahr 2000, dann links 2004. Er musste ins Krankenhaus, „entbleit“ werden, wie man das in Copşa Mică nennt, er bekam Prednison, ein Cortison-Präparat, gegen die Lähmung. Er hat aus dieser Zeit noch ein Loch im Steißbein, er kann nicht lange sitzen. Und sein ganzer Körper ist übersät mit Knoten und Zysten, erzählt er, das Wort Krebs verwendet er nicht. Costin wusste, welcher Gefahr er sich aussetzt. „Für mich gab es keine Alternative“, sagt er. Satz für Satz. Nie schaut er nach oben. Ein kleiner Mann mit Baseballmütze und scheuen Augen. Die Poren auf seiner Wange sind riesig. Als hätte sich dort Staub festgesetzt und sein Gesicht von innen ausgehöhlt.

 

Der Wind brennt auf den Lippen, sie sind nach einem Tag in der Sonne aufgeplatzt und bluten. Die Nase ist verstopft. Die Augen tränen. Die Einwohner haben sich an die Luft gewöhnt, die Besuchern zu schaffen macht, sie nehmen sie nicht mehr wahr. Und an den verseuchten Boden: Bis heute bauen sie Gemüse in ihren Gärten an. Sie wissen, dass das ungesund ist, aber sie sind arm und machen es trotzdem. Sie sagen, sie haben sowieso keine andere Wahl. Und so richtig kümmert es sie auch nicht, was in zwanzig, dreißig Jahren sein könnte. Die meisten wurden hier geboren. Ob sie jetzt verseuchtes Gemüse essen oder nicht – spielt das wirklich eine Rolle?

 

Kann man den Menschen ihre Gleichgültigkeit vorwerfen? Ihre Lethargie, mit der sie ihre Gesundheit ignorieren? Die Gesundheit ihrer Kinder ignorieren? Hätten sie denn überhaupt eine Wahl? Können sie wegziehen und ein neues Leben beginnen an einem sauberen Ort? Die Menschen in Copşa Mică, die man auf der Straße trifft, finden den Gedanken absurd. Sie wurden hier geboren, sie werden hier bleiben. Copşa Mică ist so viel mehr als nur ein verseuchter Ort, sagen sie. Heimat. Manche halten es kaum aus, länger als drei Wochen fort zu sein. Das Gift wirkt schleichend und vor die Wahl gestellt, entscheiden sich viele Menschen dafür.

 

Daniel Tudor Mihalache, Bürgermeister von Copşa Mică, kommentiert das mit einem Schulterzucken. Er weiß, dass die Situation nicht perfekt ist, aber er ist Pragmatiker und sagt, die Zeiten waren schon schlechter in Copşa Mică. Er hat zwei Töchter, Anna und Theodora, die mit ihm hier leben, „zwei normale Kinder“, sagt mit einem ironischen Unterton. Keine Hirnschäden oder so etwas. Erst kürzlich hat Anna einen Geschichtswettbewerb gewonnen. Sie ist jetzt 15. Ein kluges Mädchen.

 

Daniel Tudor Mihalache kämpft gegen den schlechten Ruf seiner Stadt. Er weiß, dass Copşa Mică nur eine Chance hat, wenn er Investoren findet.

 

Am Stadtrand raschelt hellgelbes Schilf im Wind, ein halber Hektar Versuchsfläche. Die dürren Pflanzen sollen den Boden wieder fruchtbar machen. Man hatte sogar gehofft, dass der Schilf die Schwermetalle aus dem Boden aufnehmen würde, aber leider war das nicht geglückt. Jetzt soll er zu Heizpellets verarbeitet werden. Im nächsten Jahr will der Bürgermeister eine Pelletpresse anschaffen. Bisher fehlte dafür das Geld, 5000 Euro.

 

Wenigstens plant die Buntmetallhütte Sometra, die Produktion umzustellen. Die Fabrik will zukünftig Industrieabfälle verwerten statt sie zu produzieren und sie will dazu wieder Arbeiter einstellen. Bis 2014 muss die den Umweltrichtlinien der EU genügen. Immerhin: Das Umweltamt von Sibiu hält das neue Verfahren für ökologisch unbedenklich.

 

Der Bürgermeister hofft auf eine Zukunft, in der die Arbeiter von Copşa Mică ihre Gesundheit nicht gegen Geld tauschen müssen, so wie es in der Vergangenheit war. Die meisten, das weiß er, würden lieber früher sterben, als arbeitslos zu sein.

 

Da ist der alte Gießer aus der Fabrik, dessen Hand taub wurde, so dass ihm das Glas entgleitet, wenn er daraus trinken will. Er sammelt heute Altmetall, denn dazu braucht er nur eine Hand. Da ist der Arbeiter aus der Spezialtruppe für besonders gefährliche Aufgaben, nahe am Schmelzofen. Er hat alle Zähne verloren, aber sonst geht es ihm gut, sagt er. Nur seine Kollegen, neun von zwölf, liegen heute auf dem Friedhof. Sie starben mit 50, 52, 55 Jahren. Da sind gelähmte Kinder, Menschen mit Blut in der Lunge, Spastiker.

 

Aber der große Aufschrei ist ausgeblieben. Umweltschutz, Entschädigung für Altlasten, Gesundheitsprävention, das spielt noch keine große Rolle in Rumänien, auch wenn das Land seit 2007 in der EU ist. Die Grüne Partei ist winzig, sie hat keine Sitze im rumänischen Parlament und keine im Senat. Die zuständige Repräsentantin, die in der Nähe von Copşa Mică lebt, ist mit dem Bürgermeister verwandt. Sie stellt keine Forderungen. Sie lobt.

 

Constantin Tatu von der Grünen Partei in Hermannstadt ist der einzige in einer langen Reihe von Gesprächspartnern, der offen Kritik übt. Er fordert, dass die Umgebung von Copşa Mică aufwändig gereinigt wird und dass die Arbeiter der Firma umgeschult werden.

 

Aber keiner der Fabrikbetreiber will die Verantwortung übernehmen“, sagt er. Rumänien war früher sozialistisch, die Firma gehörte dem Staat. Soll man jetzt den rumänischen Staat verklagen? Er zuckt mit den Schultern.

 

Die Ärztin Istrate Anica sitzt mit ausdruckslosem Gesicht in ihrer Praxis in Copşa Mică. Wenn man sie darauf anspricht, dass die Menschen schneller sterben in Copşa Mică, lacht sie. „Der eine raucht mehr, der andere raucht weniger, der eine wird krank, der andere nicht.“ Dass die Lebenserwartung in Copşa Mică niedriger ist als anderswo, hält sie für eine Lüge.

 

Wenn sie aus dem Fenster schaut, fällt ihr Blick auf die Türme von Sometra. Als Fabrikärztin behandelte sie Mitte der neunziger Jahre die Familien der Arbeiter. Fragt man in der Stadt nach ihr, glauben viele, dass Sometra ihr Schweigen mit Schmiergeld erkauft hat.

 

Die Mitarbeiter wurden nach einer akuten Bleivergiftung in einem Sanatorium „entbleit“, erzählt sie. Nach vier Wochen waren die Werte im Blut wieder in Ordnung. „In den Medien wurden die Menschen hier als kleine Monster dargestellt. Das ist nicht fair.“

 

Istrate Anica kramt in ihrer Schublade nach den letzten Sterbefällen, schirmt die Dokumente mit ihrer Hand ab und liest die Geburtsjahre vor: 1931, 1935, 1936. „Draußen im Wartezimmer habe ich alte Damen sitzen, die schon über Neunzig sind. Was soll das also? Gibt es in großen Städten etwa keine Verseuchung durch Blei?“

 

Die Gesundheitsversorgung in Rumänien ist schlecht. Der Staat hat in den letzten Jahren nur rund vier Prozent des Bruttosozialproduktes für Gesundheit ausgegeben, der EU-Durchschnitt liegt bei mehr als dem Doppelten. Zehntausende Ärzte und Pfleger sind abgewandert, um in Westeuropa zu arbeiten. Viele Menschen beklagen, dass es ohne Schmiergelder fast unmöglich ist, eine vernünftige Behandlung zu bekommen. Ein Mann auf dem Friedhof von Copşa Mică erzählt, dass man ihn und seine krebskranke Frau aus dem Krankenhaus geworfen habe, weil er die Bestechungsgelder nicht mehr zahlen konnte. Seine Frau ist gestorben, neben ihm, in seiner Hütte.

 

Es ist fast unmöglich, eine Entschädigung zu bekommen, weil sich niemand zuständig fühlen will und weil es schwierig ist, den Zusammenhang zwischen der Krankheit und den Umweltgiften zu beweisen – vor allem als einfacher Arbeiter. Fabian Moldovan Costin ist eine Ausnahme: Seine Gesichtslähmung wurde als Berufskrankheit anerkannt und Sometra musste die Behandlung bezahlen. Er ist einer von wenigen.

 

Zum Abschied winken die Dorfbewohner und wünschen: Sanatate, numai bine! Gesundheit, nur Gutes! Ein eher seltener Gruß in anderen Städten Rumäniens.

 

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