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Früher sangen sie für eine bessere Welt, heute für ein besseres Ich. Foto: Fabian Widmann; Text: Dominik Drutschmann  — Link
Alles Liebe für Mutti

von Katrin Langhans

5. September 2013  —  Chrismon

Michaela Kreß gibt viel auf um ihre demente Mutter zu pflegen. Ihren Beruf, ihre Freizeit und die Freiheit ihr Haus spontan zu verlassen. Ein Portrait.


 Als Michaela Kreß ihrem Vater am Sterbebett versprach, sich um ihre demente Mutter zu kümmern, wusste sie noch nicht, dass sie ihren Job aufgeben würde, um Mutti zu pflegen. Und dass pflegen manchmal heißt, tagelang die eigenen vier Wände nicht zu verlassen. Im Haus festzusitzen wie in einem Gefängnis. Sie wusste nicht, dass das Versprechen viel Zeit fressen würde, viel Kraft und Autonomie. Trotzdem würde sie Joseph Boudreau auch ein zweites Mal versprechen sich um Rita Boudreau zu kümmern.

Madame Boudreau, 81 Jahre alt, schaut aus dem Fenster ihrer Untergeschosswohnung. Ihre Haare sind schneeweiß, die wasserblauen Augen zu Halbmonden geöffnet. Draußen klettert die Sonne über die Krone der hundert Jahre alten Spessarteiche. Die Blätter leuchten in saftigem Grün. Madame Boudreau kann erahnen, dass Sommer ist. Aber Zeit spielt keine Rolle für jemanden, der sein Zeitgefühl verloren hat.

Michaela Kreß, 50 Jahre alt, kastanienbraune Augen und brauner Kurzhaarschnitt, beugt sich über ihre demente Mutter, die sie seit sieben Jahren pflegt. Sie zupft die Ecken des Kissens zurecht und schiebt sanft den Kopf in die Mitte. „Achtung, ich fahr jetzt das Bett hoch.“ Surrend wandert Madame Boudreaus Oberkörper in Sitzposition. „Es gibt jetzt lecker Hirse mit Kirschen.“ Beim Wort Essen öffnet Madame Boudreau erwartungsvoll den Mund. Ihre Tochter schmunzelt.

Sie hat sich bewusst dazu entschlossen ihre Mutter Zuhause zu pflegen. „Ich glaube Mutti fühlt sich Zuhause sicherer und wohler als in einem Heim“, sagt sie. Mit dieser Philosophie ist sie nicht allein. In Deutschland versorgen Angehörige und Bekannte rund zwei Drittel aller Pflegebedürftigen in den eigenen vier Wänden. Hauptpfleger sind meistens Kinder, Schwiegerkinder oder der Ehepartner. In zwei von drei Fällen betreuen Frauen. Was Michaela Kreß aber von den meisten pflegenden Angehörigen unterscheidet ist ihr Alter. Als sie anfing sich um ihre Mutter zu kümmern war sie 43 Jahre alt. Die meisten Pflegepersonen sind 55 Jahre oder älter.

Als Familie Kreß vor zwanzig Jahren in Waldaschaff bei Aschaffenburg baute, planten sie im Erdgeschoß eine Wohnung für die Eltern mit ein. Von dem Mehrgenerationenhaushalt proftieren alle: Michaela Kreß konnte nach vier Jahren Kinderpause wieder Vollzeit in ihren Job einsteigen weil sich ihre Mutter um ihren Sohn Dominic kümmerte – und seit Madame Boudreau dement ist, sorgt Michaela für sie und anfangs auch für ihren Vater Joseph Boudreau. Er verstarb vor fünf Jahren an Altersschwäche. „Für ihn war sehr wichtig, dass ich ihm verspreche Mutti nicht in ein Heim zu geben. Er wollte sie nicht allein zurücklassen.“, sagt Michaela Kreß.

Die Einrichtung von Madame Boudreau hat sich seitdem kaum verändert. Auf der dunklen Schrankwand im Wohnzimmer steht die heilige Maria aus Holz, darunter zwei Urlaubsfotos des Paares am Meer, Joseph war Franco-Kanadier. Gegenüber steht eine Orgel auf der Madame Boudreau bis vor kurzem noch spielte. Darauf liegt ein Buch mit dem Titel: Alles Gute für die liebe Mutter. Neu ist der Kalender, der an der Wand hängt. Jeden Morgen schiebt Michaela Kreß das rote Kästchen einen Tag weiter. Das Wohnzimmer, das Bad, die Kochnische – Madame Boudreau kann sie nicht mehr betreten.

Ihr Reich ist das Schlafzimmer. Über ihrem Bett hängt ein Rosenkranz aus Holz, daneben ein Wandteppich mit einem Abbild von Papst Johannes Paul II. Michaela Kreß legt ihrer Mutter ein bunt gestreiftes Handtuch als Lätzchen um den Hals und stopft die Ecken sanft in den Nacken. Dann füttert sie ihre Mutter mit einem Löffel Hirse und Kirschen. „Wenn du auf einen Kern beißt, sachste Bescheid, ne?“, sagt sie, obwohl sie natürlich weiß, dass Madame Boudreau nur noch selten ein Wort über die Lippen bringt. Es strengt sie sehr an. Klein und zerbrechlich wirkt ihr zarter, Körper in dem großen Gitterbett. Sie hat kaum noch Muskel- und Fettgewebe. Seit sie vor einem Jahr zwei Krampfanfälle hatte, liegt sie im Bett.

Seitdem geht auch Michaela Kreß nur noch selten vor die Tür. Früher konnte sie mit ihrer Mutter im Rollstuhl spazieren gehen. Einmal in der Woche gab sie Madame Boudreau in die Tagespflege, um einkaufen zu gehen, sich mit Freunden zu treffen, Fahrrad zu fahren. Aber seit ihre Mutter nicht mehr mit einer Gehhilfe laufen oder länger sitzen kann, nimmt sie keine Tageseinrichtung mehr an. Der Betreuungsaufwand wäre hoch, der Transport kompliziert.

Michaela Kreßs beste Freundin Rachel wohnt nur 30 Kilometer entfernt. Sie war das letzte Mal vor einem Jahr mit ihr einen Kaffee in der Stadt trinken. Michaela Kreßs Zeitfenster für freie Aktivitäten ist klein und jeden Schritt außer Haus muss sie planen. Was wenn ihre Mutter wieder einen Krampfanfall bekommt?

Einmal in der Woche kommt eine Demenzbetreuerin und liest Madame Boudreau Geschichten vor. Dann hat Michaela Kreß drei Stunden Zeit, das Haus zu verlassen. Sie geht zum Kieser Training und stärkt ihre Rückenmuskulatur, um fit zu bleiben. Mehrmals am Tag muss sie ihre Mutter umlagern und wickeln, das kostet Kraft. Manchmal passt auch ihr Sohn Dominik ein paar Stunden auf seine Oma auf, manchmal schiebt ihr Mann Rainer Kreß sie am Wochenende regelrecht aus dem Haus, sagt: „Komm nimm dir mal einen Tag frei, ich mach das“. Aber spontan einen Spaziergang durch den Park machen, in der Stadt bummeln, ein Eis essen, weil die Sonne gerade scheint - das geht nicht mehr.

„Noch einen Löffel?“, fragt Michaela Kreß ihre Mutti. „Guck mal, 2,3,4 Kirschen noch“. Madame Boudreaus Augen klappen zu. „Mutti bist du eingeschlafen?“ Sie hebt sanft ihren Arm hoch. „Hallo, Mutti, Aufwachen. Mach mal ÄÄÄÄÄction!“ Madame Boudreau öffnet die Augen und isst weiter, bis der Teller – mit der Portion eines Erwachsenen - leer ist. Michaela Kreß wischt ihr die Hirsereste mit einem Küchentuch vom Mund ab. „So und jetzt n' Schnaps?“ Sie reicht Mutti ein kleines Wasserglas mit Homöopathischen Tropfen für das Herz. Michaela Kreß vermeidet harte Schulmedizin.

Die Demenz schlich sich trotzig und hartnäckig das Leben der beiden Frauen - und mit dem Schwund der Autonomie von Madame Boudreau, schwand auch immer ein Stück Freiheit im Leben ihrer Tochter. Es begann mit dem Vergessen. Als Michaela vor sieben Jahren wie immer abends bei ihren Eltern vorbei schaute, bemerkte sie einen unangenehmen Geruch, als wäre etwas verkokelt. „Mutti hast du gekocht?“ , fragte Michaela. „Nein.“ „Aber es riecht so komisch.“ Auf dem Herd stand nichts, woher kam der Gestank? Intuitiv öffnete Michaela den Wasserkocher. Darin schmorten verbrannte Milchreste. „Mutti hast du die Milch heiß gemacht?“ „Nein“. Am nächsten Tag klemmte Michaelas Ehemann Rainer Kreß den Herd ab, um Schlimmeres zu vermeiden. Ihrer Mutter sagten sie, er sei kaputt.

In Madame Boudreaus Trotzphase, lernte Michaela Geduld. Ihre Mutter wollte nicht sehen, wie ihr Geist und ihr Körper nachließen. Sie wurde ruppig, sagte häufig Sätze wie „Das ess ich nicht!“ oder „Das zieh ich nicht an!“ Sie blieb auch mal eine Stunde auf der Toilette sitzen, als sie nicht mehr alleine aufstehen konnte. „Mutti willst du nicht deine Hände waschen?“ „Nein!“ „Willst du den ganzen Tag auf dem Klo sitzen?“ „Ja warum denn nicht?“ Michaela versuchte sie hoch zu heben. Aber sie ließ sich hängen, streikte. Michaela schloss dann die Tür zum Bad, holte tief Luft und sagte sich: Das ist nicht sie, das ist die Demenz. Sie lenkte sich ab, hängte die Wäsche auf oder schnippelte das Gemüse für die nächste Mahlzeit. Sie ging erneut ins Bad, in der Hoffnung, dass sie dieses Mal aufstehen würde. Das Vergessen war Fluch und Segen zugleich, denn meistens konnte sich Madame Boudreau an vorherige Diskussionen nicht mehr erinnern.

Wenn Michaela nicht mehr weiter wusste, unterstützte sie ihr Ehemann Rainer Kreß. Er kam ins Bad, sagte entschlossen „So wir müssen jetzt aufstehen“, hob sie hoch und zog sie an. Bei ihm diskutierte Madame Boudreau nur selten. „Für ihn war es leichter auch mal hart durch zu greifen“, sagt Michaela. Nach und nach ließen Madame Boudreaus körperlichen Kräfte nach und mit ihnen verflog auch der Trotz. Rainer Kreß nennt seine Schwiegermutter trotzdem noch liebevoll schmunzelnd: Schwiegertieger.

Mit der Entscheidung Madame Bourdreau zuhause zu pflegen, fiel irgendwann die Entscheidung, dass ein Verdiener in der Familie reichen muss. Anfangs konnte Michaela ihren Job als Einkäuferin bei einem mittelständischen Unternehmen dank flexibler Arbeitszeiten mit der Pflege vereinbaren, aber als ihre Mutter immer hilfloser wurde und ganztags betreut werden musste, gab sie 2008 ihre Stelle auf, um ganz für ihre Mutter da zu sein. Rainer Kreß ernährt die dreiköpfige Familie mit seiner selbstständigen Arbeit als Ausbilder im Holzfachwerk. Die Lebensunterhaltungskosten der Mutter können mit ihrer eigenen Rente und der Hinterbliebenenrente ihres Mannes gedeckt werden.

Die Pflegekasse zahlt Michaela Kreß eine Aufwandsentschädigung. Die Höhe hängt von der Pflegebedürftigkeit ihrer Mutter ab. Sie hat mit Pflegestufe 3 die höchste Einstufung. Michaela Kreß hat Anspruch auf 700 Euro im Monat Pflegegeld oder 1550 Euro für häusliche Pflege. Da sie beides kombiniert - jeden Morgen kommt eine ambulanten Dienst zum Waschen, Ankleiden und Windeln wechseln - bekommt sie nur etwa 300 Euro Pflegegeld ausbezahlt.* Einen großen Teil davon schlucken die Zuzahlungen zu Rezepten für Physio- und Ergotherapien und Kosten für Windeln.

Damit pflegende Angehörige im Alter nicht in die Altersarmut rutschen, zahlt die Pflegekasse für Menschen die 14 Stunden oder mehr pflegen Rentenbeiträge. Die Grundlage für den Beitrag ist ein fiktives Einkommen, das sich nach dem Zeitaufwand der Betreuung richtet, bei Michaela sind das etwa 2000 Euro.

Vollzeit zu pflegen, das hat für Michaela Kreß aber nicht nur finanzielle Folgen. Ihr fehlt der Austausch mit Kollegen, der Tapetenwechsel zu den Tagen daheim, die sich ähneln. Sie kocht, reicht ihrer Mutter eine Tasse Wasser oder Saft, wäscht Wäsche, wechselt Windeln, telefoniert mit ihrer besten Freundin Rachel, lagert ihre Mutter um, spült ab, liest ein wenig, erzählt ihrer Mutter, was so in der Welt passiert. Ein kleiner Ausgleich ist ihr Engagement als Vorsitzende im Diabetesverein Aschaffenburg. Sie verfasst Artikel für das Vereinsmagazin, organisiert einmal im Monat eine Infoveranstaltung und berät am Telefon. So kommt sie mit Leuten in Kontakt.

Michaela sitzt im Wohnzimmer und faltet Wäsche. Wenn sie aus dem Fenster schaut, sieht sie die Wälder am Rande von Waldaschaff. Der Wind rauscht leise durch die Blätter. „Manchmal fühlt man sich schon wie in einem Gefängnis“, sagt Michaela Kreß und legt ein Handtuch auf den Wäschestapel. „Mal wieder Urlaub machen, das wäre schön“, sagt sie. Das letzte Mal war sie mit Rainer für zwei Wochen auf Sardinien. Das war vor drei Jahren. Aber das Geld ist knapp, allein die Zuzahlung für die Kurzzeitpflege beträgt etwa 30 Euro pro Tag. Hinzu käme das Geld für den eigenen Urlaub. Michaela Kreß gibt Mutti ungern in Kurzzeitpflege, sie ist Diabetikerin und kommt wegen der süßen, ungesunden Ernährung mit hohen Zuckerwerten zurück. Oft ist sie apathisch und geschwächt. Wie entspannt ist ihr Urlaub noch, wenn sie sich Sorgen um die Mutter macht?

Immer wieder hört Michaela Kreß Lob von ihrem Ärzteteam und der Physio- und der Erotherapeutin, die zweimal in der Woche therapieren. Wie gut sich Mutti mache, wie toll sie sich um sie kümmere. „Die Beziehung zu meiner Mutti ist seit der Pflege tatsächlich noch enger geworden“, sagt Michaela Kreß. Aber die Pflege hinterlässt Spuren. In Michaelas Bewegungen und in der Art wie sie spricht spürt man eine Lethargie, eine Langsamkeit. Dieses Leben, in dem sich sieben Tage in der Woche fast alles um die Mutter dreht, schlaucht. „Michaela ist still geworden, verschlossener“, sagt Rainer. Er glaubt, dass es ihr fehlt ungezwungen Menschen zu treffen oder sich einfach mal ein paar Tage Ruhe, eine Pause von der Pflege, zu gönnen. Früher war sie diejenige, die ständig etwas unternehmen wollte, jetzt muss er sie manchmal raus schubsen. Wenn er nach Hause kommt und merkt, dass sie erschöpft ist, dann nimmt er sie oft in den Arm, hält sie fest und tankt ihren Motor wieder ein bisschen auf. „Ich unterstütze sie in ihrer Entscheidung. Auch wenn sie irgendwann sagt, dass es so nicht mehr geht“, sagt Rainer Kreß.

Michaela Kreß bläst einen blauen Ballon auf, stellt sich ans Ende des Bettes von Madame Boudreau. “Guck mal, ein Ball“, sagt sie. Madame Boudreau öffnet den Mund. „Nein nicht zum essen!“ Sie wirft ihn ihrer Mutter zu. „Achtung Mutti fang!“ Madame Boudreaus Arme heben sich langsam. Ihre Augen folgen dem Ballon, der langsam durch die Luft schwebt. „Ooops, da ist er auf dem Kopp gelandet“. Madame Boudreau lächelt. Michaela Kreß gibt ihr den Ballon in die Hand. „Hier, nimm ihn mal so.“ Sie läuft ans Bettende. „Gibst du ihn mir bitte?“ Madame Boudreau lächelt und streckt in Zeitlupe die Arme nach vorne. „Dankeschön. Und jetzt noch mal.“ Michaela Kreß wirft. Dieses mal fängt ihre Mutter den Ballon.

 

 



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